Wodka-Brause
Roman von Andreas Doser
Copyright
Das alleinige Copyright liegt beim Autor, Pfronten 2006
Wahrlich weise ist derjenige, der immer einen Traum mehr hat als die Realität zerstören kann.
(Indianische Weisheit)
„Hilft ja nichts“, sagt Stefan und prostet mir zu. „Da müssen wir wohl durch“, entgegne ich, erhebe in gleicher Weise das mit Wodka gefüllte Schnapsglas und lasse mit ihm und der ganzen restlichen Runde, die aus ihm, Christian, Karin, Mike, Vera und noch zwei Mädels, deren Namen mir bis dahin unbekannt sind, die Gläser klirren. Wir öffnen, schon mit der Vorfreude des angenehmen Schauderns die Brausebeutel und schütteten uns den Inhalt in den Mund.
Wie immer war schon im Vorab die Spannung im Raum, wer nun von uns Waldmeistergeschmack bekommen sollte. Jeder will immer nur Waldmeister, weil es mit Abstand am künstlichsten schmeckt. Allerdings ist mir auch bekannt, dass wenn man irgendwo eine 100er Box Brause kauft, immer nur eine bestimmte Anzahl Waldmeister darin enthalten ist. Fred, unserem Wirt, machte ich mal den Vorschlag, dass er die anderen Geschmacksrichtungen einfach den Nicht-Stammgästen verscheppern soll. Er willigte dem auch ein, doch dank seiner Leidenschaft für Wodka-Lemon, vergaß er es schnell wieder und nach wie vor muss immer der eine oder andere auf so ordinäre Geschmacksrichtungen, wie Himbeere, Zitrone oder Orange ausweichen.
Die Münder schließen sich wieder, die Zunge vibriert, der Gaumen brennt, die Augen tränen, jeder genießt
für einige Sekunden das angenehme Schaudern, das den ganzen Körper erzittern lässt. Der Augenblick der Erlösung kommt näher. Wodka in die Hand, zum Mund, reinschütten, runterschlucken, schütteln, bei manchen würgen – endlich ist alles im Magen, noch ein kurzes Verziehen der Gesichtsmuskulatur; es ist vollbracht. Schnell ein Bier zum Runterspülen.
Stefan: Mein bester Freund, hat ein kleines Multimediageschäft. Mit Karin bildet er schon seit längerem ein Paar. Hat Einfühlungsvermögen. Ich liebe ihn
Christian: Mein Freund. Immer den Frauen hinterher. Die meiste Zeit in tropischen Gefilden. Ein Lebenskünstler.
Karin: Freundin von Stefan. Absolut zuverlässig. Eine Spitzenköchin.
Mike: Hat viel durchgemacht. Geschieden. Einen Sohn. Vor Vera alle Mittel angewandt um Frauen ins Bett zu kriegen.
Vera: Seine Freundin. Eine Spitzenservicekraft. Manchmal fast zu schweigsam, aber eine gute Seele. Sie tut Mike einfach gut
Die zwei Mädels: Keine Ahnung, aber eine davon sieht fantastisch aus
Es ist Wochenende. Samstag. Wir nennen ihn gerne die zweite Runde des Wochenendes. Eine der zwei Damen hat sich einen 80er Klassiker gewünscht. „Ride On Track“ von Breakfast Club läuft gerade in voller Lautstärke aus den Boxen. Ich versuche mit ihr zu flirten. Ab und zu erwidert sie meine scheuen Blicke. Ich bin ein wenig unsicher und suche mein Glück mit der Bestellung einer weiteren Runde für alle. Der Abend entwickelt sich prächtig. Wir unterhalten uns, tanzen ein wenig, trinken noch einige Bier, bezahlen und gehen nach Hause.
Sonntag 6. Mai
„Oh Gott, so eine Scheiße“, murmle ich vor mich hin. Ich öffne meine verklebten Augen und blinzle in die schon hoch am Himmel stehende Sonne. „Wäre wohl besser gewesen, meine Bemühungen mehr auf die Damenwelt zu lenken, anstatt mit Mike bei einer weiteren Schnapsrunde über irgendwelche kommunale Politiker zu diskutieren“, denke ich bei mir und schaue unter die Bettdecke. „Nackt“, super, ich habe es gestern doch noch geschafft mich auszuziehen. Meine Hose, meine Socken und mein Pulli hängen aufgeräumt über dem hochmodernen Designerstuhl, der dank der Genialität seines Schöpfers zu allem anderen mehr als zum sitzen zu gebrauchen ist, weshalb ich ihn auch vor meinem Bett stehen habe. Mit der Frage, wo sich meine Unterhose versteckt, kratze ich mich an den Weichteilen, strecke meine durchzechten Glieder gegen die Decke, fasse an meine pochenden Schläfen und begebe mich vor den Spiegel in der Toilette. „Wie immer“, geht mir durch den Kopf. Ziemlich aufgedunsen. Ein Auge hängt noch nach unten. Die Tränensäcke werden auch nicht besser. Nachdem ich mich eine Weile betrachtet habe gehe ich zur Schüssel und bemerke, dass meine Körpermitte die Farbe eines Pavians auf gleicher Höhe, nur eben vorne, angenommen hat. Ich denke mir nichts dabei und warte entspannt dem was da rauskommen mag. Es geht nichts raus, zumindest nicht am Anfang. Ziemlich klebrig. Was jetzt, das Hirn ist noch nicht so genial wie gestern nach dem 4. Wodka Brause. Es läuft. Ja.
Meine ersten Schritte jeden Wochenendmorgen führen mich immer in die Küche, um zu wissen, was ich mir gestern noch zubereitet habe. Meistens weiß ich es, wenn ich die Spur der Essensreste von der Küche bis ins Schlafzimmer verfolge. Komisch, nichts gegessen, keine Spur. Ich begebe mich auf den Spuren der Nacht ins Wohnzimmer. „Ahhhh verflucht“, Chips, zwei Gläser und eine Flasche Rotwein stehen fast jungfräulich auf dem Glastisch. Das Kassettendeck der Stereoanlage ist auf Endless Play und trudelt immer noch vor sich hin. Rondo Venziano.
Wieder zurück in die Küche. Magnesium, Kalzium, Multivitamin und Aspirin, alles in einen Maßkrug. Hinsetzen. Es dauert ungefähr eine Minute bis man so was leer hat. Zähne putzen.
Ok, das ist erledigt. Ich gehe zehn Minuten durch die Wohnung, dabei vermeide ich das Schlafzimmer. Ich habe keine Ahnung ob da was ist, was ich vielleicht bereuen würde. Wie so oft in solchen Situationen rufe ich Christian an. „Sag mal, wen hast du denn gestern abgezogen?“, möchte ich wissen.
„Neben mir liegt jemand“, kommt es von ihm.
„Weiß ich, aber wer?“
„Keinen blassen Schimmer.“
„Die Blonde oder die Schwarze?“
„Ich sehe nur noch Sterne.“
„Zur Überprüfung der Echtheit hilft ein Blick auf die Körpermitte.“
„Ne, mir ist schon schlecht.“
„Depp, schau.“
„Schwarz.“
„Und ihre Freundin?“, ich habe noch meine Zweifel.
„Ist doch mit Dir abgezogen!“, kommt es zurück.
...“Ähh, ja klar. Wollte nur wissen, wie es dir geht. Kaffee heute Nachmittag?“
„Schnarchchchach.“
Diese Ungewissheit macht mir doch einigermaßen zu schaffen. Hinzu kommt, dass ich doch ein wenig verkatert bin und mich mehr an die Tanzerei als an das Danach erinnern kann.
„Hilft ja nichts“, so unser Motto. Ich gehe ins Schlafzimmer, grummle mich wieder unter die Decke. Ich bin noch ein wenig müde. Ich sehe, dass da jemand liegt. Die Blonde.
„Guten Morgen“, ich gebe ihr einen Kuß auf den Nacken. Sie liegt wie ein Rollmops in der Besucherritze. Mit verschlafenen Augen und einigen Knautschstellen auf der Stirn dreht sie sich zu mir um.
„Guten Morgen, wieder nüchtern?“, kommt es von ihr.
Ich denke, ich muss sterben. Sie ist wunderschön.
„Mich freut es wirklich riesig, dass du noch hier bist. Die meisten hätten wegen meiner Schnarchtöne wahrscheinlich schon vor Stunden das Haus verlassen.“, lasse ich sie wissen.
„Ich weiß, Du bist der Wochenendtrinker und wenn du dann noch auf dem Rücken schläfst, erscheinen die Posaunen von Jericho wie ein ruhender Bergsee. Du hast mich gestern schon vorgewarnt.“
„Hattest du zufällig Ohropax dabei oder einfach zwei Tampons zweckentfremdet?“, möchte ich wissen.
„Blödmann!“, bekomme ich zu hören bevor sie ein bisschen sanfter fortfährt.
„Duuuuu?“
„Ja?“
Ich bin mal wirklich gespannt, was ich jetzt zu hören bekomme. Vielleicht waren ihr die in der Mikrowelle gebratenen Rindersteaks noch ein wenig zu medium oder der Käse darauf doch eher zu flüssig.
„Wie heißt du eigentlich?“, will sie nur wissen.
Eigentlich ist es schon fast eine Beleidigung, weil es nur bedeutet, dass man eigentlich keine Ahnung hat.
„Michael.“
„Angenehm, Sophie.“
„Hast du schon mal aus dem Fenster geschaut?“
„Weißt du wie spät es ist?“, toll so eine Gegenfrage. Ich denke, sie kann sich auch an nichts mehr erinnern.
„Na?“ gibt sie ihrer Frage Nachdruck.
„11.30 so ungefähr.“
„Sophie, haben wir miteinander geschlafen?“
„Kurzzeitig.“
„Wie kurzzeitig? Heißt das, ich habe meine Grundverliebtheit nicht zügeln können?“
„Umgekehrt wird ein Stiefel draus. Wie ein Latin-Lover bist du mir nicht gerade vorgekommen. Du hast es kurzzeitig versucht und dann, na ja du warst wirklich sehr, sehr müde.“
„Tut mir leid. Gestern hat der Durst gesiegt.“
„Du bist der zärtlichste Mann, den ich je getroffen habe.“
„Ich habe versucht, dass es dir gut geht, tut mir leid.“
Wirklich eine peinliche Situation. Ich schaue ich aus dem Fenster und überlege, was besser ist. Einerseits sie hierzuhaben, andererseits alleine weiterschlafen zu können. Sie hat wirklich Klasse, was die Entscheidung für einen geruhsamen Nachmittag auf dem Sofa nach hinten rücken lässt.
Eine kurzeitige Stille beherrscht den Raum. Es geschieht nichts, weder Positives noch Negatives, ich stiere weiter aus dem Fenster. Halb zwölf ist aber auch eine blöde Zeit.
Wäre es früher, könnte ich vorgeben, noch ein wenig schlafen zu müssen, bei zwei Stunden später wäre die Möglichkeit gegeben, ihr vorzumachen, dass man mit irgendjemanden einen Kaffee verabredet hätte.
Wäre normal, wäre sinnvoll, wäre legitim – ohne schlechtes Gewissen....
Was denke ich eigentlich, ich sollte froh sein, dass sie hier ist - ich bin es auch. Ich habe weder das Bedürfnis sie loszuwerden, noch mit irgendjemandem anderen den Nachmittag verbringen zu wollen. Hoffentlich bleibt sie, hoffentlich kann sie mich ertragen. Ich möchte nur meinen Kopf auf ihren Bauch legen, wünsche mir, dass sie mir meine Gesicht streichelt und vielleicht ein bisschen Mitleid mit mir hat. Zum Beispiel: „ Oh, du armer Wicht, wieder zuviel erwischt, wieder kein Ende gefunden, soll ich dir eine Aspirin auflösen?“ Natürlich..! Nichts von dem geschieht.
Stattdessen geht sie ins Wohnzimmer, holt zwei Gläser Wein und bringt sie ans Bett. „Na, geht noch einer zum Frühstück?“
Mir wird speiübel. Ich weiß nicht, ob es noch am Restalkohol oder einfach an der Tatsache liegt, dass mir so was noch nie passiert ist. Man stelle sich vor, dem überfressenen, verweigernden Deckhengst wird zur Belohnung noch extra Hafer gereicht.
Doch schön langsam dämmert es mir. Sie versucht den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Überdruss schafft Sättigung. So versucht sie mir also zuleibe zu rücken.
„Ok, was denkst du?“, will sie wissen.
„Ich wundere mich, dass du mir Wein anbietest.“
„Warum nicht, du hast doch gestern auch eine ganze Menge davon vertragen.“
„Ja das war gestern. Freitag und Samstag habe ich die Lizenz zum Trinken.“
„Und heute nicht mehr?“, säuselt sie die Gläser schwenkend.
„Ach was soll’s 007 macht heute eine Ausnahme.“
Ich gebe mich geschlagen, indem ich das Glas auf Ex austrinke und damit versuche meinen Restwert zu steigern.
Sie steht auf. Ich höre aus der Toilette das typische Geplätscher wenn Frauen müssen. Ein Freund hat es mal mit dem einer Kuh über einer sehr großen Wasserpfütze verglichen. Sie geht ins Badezimmer, die Dusche wird angemacht, sie singt. Ich schlafe ein. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe. Wahrscheinlich würde man es bei einem Autofahrer als Sekundenschlaf bezeichnen. Ich sehe durch die halbgeöffnete Tür des Schlafzimmers, wie sie den Weg Richtung Wohnzimmer anpeilt. Das ist es! Sie ist selber noch randvoll! Sie pendelt ihren Weg ins Wohnzimmer, wobei sogar ich sehen kann, dass sich ihre Koordination der Körperfunktionen immer noch auf der eines dreijährigen Kindes befindet. Sie singt wieder. Es macht gluckgluckgluck. Die Tür wird komplett aufgepoltert, sie hält erneut ein volles Glas in der einen und die Flasche Wein in der anderen Hand.
„Komm, lass es uns beenden.“, meint sie.
„Was beenden?“
„Ja, die Flasche natürlich. Oder meinst du vielleicht was anderes?“ Ich habe keine Ahnung, wie ich das nun aufzufassen habe. Meint sie es, wie sie es sagt oder meint sie die Fortführung dessen, was heute Nacht nicht so ganz gelungen schien. Wir nuckeln noch ein Weilchen an der Flasche bis uns wieder der Schlaf übermannt.
Ich schaue auf den Wecker, der müde durch die untergehende Sonne durch das Fenster beschienen wird. Ich sehe keine Zahlen, keine Leuchtdioden, sogar der Wecker scheint in einem Hauch von Nebel zu sein. Meine Augen, meine Nase, meine Ohren, mein Mund, alles ist voller Nebel. Sogar Sophie, die sich eng an mich geschmiegt hat, sogar meine Hand, die ich mir gerade vor die Augen halte, sind vor Nebel nicht zu sehen. Ich fühle sie. Ich rieche sie. Ich fühle meine Zunge und erinnere mich an ihre Küsse. Ich hebe die Decke, ich sehe unsere Körper wie durch eine Milchglasscheibe. Nebel.
„Wenn das wirklich so ist wie ich denke, war das der beste Sex den ich je hatte.“ , bemerke ich zu Sophie.
„Wo bist du, ich sehe nur Schleier?“, kommt es, wie aus der Gruft von ihr zurück. Auch ihre Stimme ist vernebelt. Wahrscheinlich habe ich doch zuviel getrunken oder sie hat mir einfach irgendwelches Zeug in den Wein gemischt. Man kennt das ja. „Typ mit Sexdrogen abgefüllt, benutzt und hörig gemacht!“ Ich hätte mit ihr auch ohne Drogen geschlafen. Ich hätte sie geliebt, wie ein Priester seine Haushälterin nach Aufhebung des Zölibats. Ich würde sie immer lieben, egal wann und wo.
„Halt mich, ich sehe nur Schleier.“, kommt es direkt in mein Ohr.
Meine Hand ertastet sich zu ihrer, wir finden uns, wir drücken zu.
„Der Nebel, der Nebel, was ist das für ein Nebel?“ Ich sehe sie nicht, doch fühle ich ihren verzweifelten Blick auf mich gerichtet.
Schön langsam fühle ich einen Klos in meinem Hals heranwachsen. Was geschieht? Ich beschließe, mich auf allen Vieren zur Toilette zu begeben, und obwohl mit meinem Magen alles in Ordnung zu sein scheint, mal ausgiebig zu kotzen. Vielleicht wird es besser.
Ich hieve meine Füße aus dem Bett, richte mich auf. Ok, stehen klappt. Die Schlafzimmertür ist nur angelehnt, doch auch von Nebel umgeben. Der Gang, die Tür zum Klo, selbst die Schüssel – Nebel. Ich mach Zielschießen, wie so oft wenn ich ziemlich benebelt nach Hause komme. Doch meist ist dies nachts um vier und nicht bei anscheinend untergehender Sonne zu irgendeiner Zeit. Ich pirsche mich wieder zurück ins Bett und falle sofort, Sophie folgend, in einen tiefen Schlaf.
Die Sonne scheint hoch am Himmel. Was für ein Tag. Ein Tag um Helden zu zeugen. Ich strecke meine Glieder. ich könnte Bäume ausreißen, als Mann Kinder gebären, die Stecknadel im Heuhaufen finden. Ich fühle mich prächtig. Auf dem Baum vor meinem Balkon zwitschern die Vögel. Ich liebe Vögel. Nicht im Käfig, nicht im Zoo. Vögel gehören auf den Baum vor meinem Balkon. Da sind sie. Wie immer im Mai und den ganzen Sommer hindurch. Sie gehören zu meinem Leben. Sie sind mein zusätzlicher Sauerstoff. Sie sind mein Adrenalin, mein Endorphin, mein Grund morgens aufzustehen.
Zur Vervollkommnung dieses perfekten Morgens, beschließe ich eine ausgiebige Dusche zu nehmen. Ich blicke mich um und kann Sophie nirgends entdecken. Ich gucke unter dem Bett. Wer weiß, vielleicht sucht sie dort noch nach weiteren Flasche Rotwein.
Viele Fragen gehen mir durch den Kopf. Was ist passiert? Die Sonne geht gerade auf. 26 Stunden geschlafen? Unmöglich?! Sophie kommt ins Schlafzimmer und weint.
„Ich wollte meine Freundin anrufen!“, lässt sie mich wissen.
„Welche Freundin?“, frage ich nach.
„Die, die gestern mit Deinem Cousin abgezogen ist.“
„Ja und?“
„Christian ging ans Telefon.“
Ich weiß nicht, was sie hat. Ist doch klar sie war bei ihm, ist im Bad oder Frühstück holen und er geht an ihr Handy. Es dämmert. Gestern? Soweit ich alle Gedanken zusammenkriege, müssen seit Samstag mindestens drei Tage vergangen sein.
„Sie wollte ihren Freund anrufen, um zu erklären oder besser um sich rauszureden, warum sie sich jetzt erst meldet.“, fährt Sophie fort.
„Ja und?“ möchte ich wissen.
„Er ging nicht ans Telefon.“
„Er wird sicher beim Arbeiten sein oder schmollt ein bisschen vor sich hin, weil sie sich solange nicht gemeldet hat.“, gebe ich zu bedenken.
„Nicht nur er,“ Sophie spricht in Rätseln.
„Wie nicht nur er?“
„Niemand ging ans Telefon. Es ist einfach kein Mensch zu erreichen.“
„Es gibt wenige, die drei Tage durchzechen, um dann auf eure Anrufe zu warten.“, versuche ich sie zu beruhigen.
„Soweit ich Christian verstanden habe, hat kein Freund, auch nicht ihre Eltern oder Geschwister abgehoben, sie liegt auf seinem Sofa, er meint sie ist dem Zusammenbruch nahe.“
„Super, immer das Gleiche. Trinken bis sich das Hirn zwirbelt, fremdgehen und danach ein schlechtes Gewissen. Hysterische Weiber. Ich ruf Christian selbst noch mal an.“
Er hebt nach dem ersten Freiton ab.
„Ist doch immer das Gleiche..“, sage ich in dem Grundton der Überzeugung, dass manche einfach das Trinken nicht vertragen. Noch bevor ich weitersprechen kann, fällt mir Christian schon ins Wort:
„Meine Eltern sind weg.“
„Wie weg?“, kommt mir doch irgendwie bekannt vor.
„Ja weg!“
„Sag mal, hast du wieder zuviel von Deinen grünen Tomaten mit der hysterischen Tussi geraucht?“, ich versuche hinter das Geheimnis des Verschwindens zu kommen. Ich liebe auch Christian, aber manchmal ist er aufgrund von allerlei Gemüseanbau, gekauftem Gemüse und nicht zuletzt seinen grünen Tomaten, dermaßen mit sich beschäftigt, dass es besser sein könnte ihn einfach noch drei Stunden schlafen zu lassen, bis das gerauchte Zeug in seiner Wirkung wieder nachlässt. Ich versuche es trotzdem noch mal:
„Wie, weg“?
„Weg, weg, weg!“, er klingt irgendwie unausgeglichen.
„Du musst nicht mit mir reden, es ist ok, ich ruf später noch mal an.“
„Später, später, es gibt kein später, es ist vorbei.“
Ich sollte doch mal seine Tomaten rauchen, so eine Wirkung ist wirklich phänomenal. Wobei ich natürlich schon ein bisschen eingeschnappt bin, denn sonst erzählt er mir immer wie „gut“ er doch war.
Kleine Lektüre über Drogen:
Grüne Tomaten: Wirkung unbekannt. Christian hat sie auf seinem Balkon. Er wird schon wissen warum.
Judenstrick: (ein Farngewächs aus unseren Wäldern): Schmeckt zum Kotzen. Hat schon mein Großvater geraucht als es nach dem Krieg weder was zu Essen noch was anständiges zu Rauchen gab.
Alkohol: Sehr angenehm beim Konsumieren. Hat jedoch in Massen absoluten Gehirnverlust zum Nachteil. Macht Frauen schön. (Natürlich auch Männer)
Bienengift: Sehr anregend, wenn man die Stiche überlebt.
Frauen: Machen nach der Pubertät süchtig
Männer: Auch (Für Frauen)
Arbeit: Nur Ersatzdroge. Kann nicht süchtig machen, da es die einzige Droge ist, die, wenn andere Drogen vorhanden sind, jederzeit abgesetzt werden kann.
Sophie schaut mich fragend an. Ich sie auch.
Wie es scheint, kenne ich weder meinen Cousin Christian noch sie ihre Freundin wieder. Ich beschließe Stefan anzurufen. Den Fels in der Brandung. Den „Zwei Liter Bacardi Trinker ohne was zu vergessen Held“
„Moin“, schallt er mir entgegen.
„Haben wir wirklich unser Resthirn zu Brei verwandelt?“, will ich wissen.
„Keine Ahnung bei mir war irgendwie alles nur in Nebelschwaden eingehüllt.“, erfahre ich auch von ihm.
„Scheiße!“
„Wieso?“
„Bei mir auch, sollten wir das Saufen vielleicht bleiben lassen?“, frage ich halbherzig.
„Jetzt mal doch nicht gleich den Teufel an die Wand. Ich frage mich nur warum ich Lars nicht erreichen kann.“
Lars ist der Teilhaber seines Multimediageschäftes. Er wäre normalerweise diese Woche drangewesen den Laden zu schmeißen, deswegen ist Stefan auch ausgiebig auf Tour mit uns gewesen. Wie er meinte, sei es ihm somit erlaubt, auch mal zwei bis drei Tage zum Kurieren des Katers zu benötigen.
„Wie geht es Karin“? fahre ich fort.
„Sie kocht gerade Kaffee in der Küche.“
Kaffee ist gut. Ich rufe Christian, Mike und alle anderen die mit uns am Tisch gesessen sind noch mal an und lade sie auf Kaffee und Kuchen zu mir ein. Normalerweise kommt keiner, weil jeder nur noch in Ruhe seinen Körper kurieren will. Doch irgendwie ist es heute anders. Irgendwie fehlt was. Irgendwie haben wir nur noch uns.
„Tut mir leid, ich bin einfach nicht hoch gekommen um Kuchen zu besorgen, aber der Kaffee ist nach wie vor der Beste in der Stadt.“, begrüße ich die nach und nach eintrudelnden Gäste.
Alle sitzen wir da, jeder seinen Kaffee in der Hand, jedem brennt irgendetwas auf der Zunge, jeder hat Angst.
„Verdammt noch mal!..“, schmeiße ich in den Raum, „ ..was ist denn eigentlich los mit euch“?
Ich..., ich.... wir...
Wie es scheint erreicht Keiner jemanden. Alle Kanäle zu. Sogar Mails auf die andere Seite der Welt bleiben unbeantwortet.
Ich beschließe mal zu meinem Nachbarn in die untere Wohnung zu gehen, einfach nur um zu fragen wie es ihm geht. Er ist nicht da. Ok, beim Kartenspielen. Ich rufe eine Tante an. Nur der AB. Ich rufe meinen Bruder an, nur der AB.
„Ja spinnt Ihr denn alle, nur weil man ein paar Leute nicht erreicht geht doch die Welt nicht unter. Kein Chef der euch traktiert, keine zänkische Schwiegermutter in Spee und vor allem Keiner, der sich lustig über euren dicken Kopf macht.“, versuche ich sie aufzuheitern.
Scheiße, von allen krieg ich mitgeteilt, dass Sie noch niemanden gesehen haben, nicht auf der Straße nicht in den Geschäften, nicht mal die Eigentümer der Läden waren da. Es war alles wie ein paar Tage zuvor, nur ohne Menschen.
Sophie sitzt mit den anderen am Tisch. Ich wünsche mir eine Nacht ohne Lücken, ohne Nebelschwaden und ohne Alkohol. Ich wünsche mir sie. Ein glückliches Leben, irgendwo in Südspanien, irgendwo, ein Ort wo die Sonne immer scheint, meine Olivenbäume, meine Weinreben, meine Schafe, mein Glück.
Karin und Vera finden als erste die Fassung wieder. Bewundernswert die Mädels. Sie gehen einfach an die Gefriertruhe, suchen etwas aus, bringen uns Wein und lassen uns wissen, dass wir uns einfach auf die Terrasse verpissen sollen.
Sie kochen Muscheln mit Gemüse, grillen uns Steaks und bringen uns Wein. Man könnte meinen, wir hätten uns zu einem ganz gewöhnlichen Grillabend verabredet. „Hilft ja nichts!“, schreit Mike. Komisch von ihm habe ich lange nicht mehr gehört. Wir sind auf der Terrasse irgendwann im Mai, wir essen, wir trinken, wir trinken mehr, noch mehr. Christian meint, dass wir ein paar Tussis anrufen sollten, Stefan ist dagegen, Mike und Vera auch, Karin sowieso.
„Ja klar, komm lass uns Lea anrufen. Die langt für uns alle“, wendet er sich an mich.
„Ruf sie an, wenn du willst“, ich reiche ihm das Telefon.
Sophie schaut mich sehr vorwurfsvoll an. Ich achselzuckend zurück.
„Ist doch nur Spaß, Christian welche wundervolle Schönheit hast Du überhaupt mitgebracht?“ entschärfe ich die Situation.
„Jessie“, antwortet sein nebenan und schaut mich nicht gerade liebenswert an. Fast Verständlich.
Nachdem das geklärt ist, setzen wir unser übliches Ritual fort. Schlemmen bis die Wampe zu platzen droht, danach einen Schnaps, weiteressen, einen Verdauer.. usw. usw.
Ich öffne meine Augen. Alle, wirklich alle liegen neben mir in der Gartenhütte. Alles ist am Schnarchen und Furzen. Unter den Top Ten der Alkoholexzesse ist das mindestens die Nummer zwei. Bingo! Ich stehe auf und suche im Garten meinen Nachbar, ich kann ihn nicht finden. Klar, er war auch gestern nicht hier. Aber irgendwo ist er normalerweise immer anwesend.
Ich begebe mich durch den kleinen Baldachin Richtung meines Nachbarn Wohnzimmer. Normalerweise sitzt er immer hier um sich irgendeine Sportsendung anzusehen. Ich gehe in den Keller, es könnte sein, dass er vielleicht Nachschub an Bier benötigt. Im Keller war ich gerade, die Wohnung habe ich sogar bis unter das Sofa inspiziert. Ich rufe seinen Neffen Walter an. Der AB. Schön langsam komme ich ins grübeln. Meine Mutter, der AB. Heidrun meine langjährige Ex-Freundin, der AB. Ich habe Angst, plötzlich alleine dazustehen. Vielleicht versuche ich einfach mal Michelle anzurufen. Michelle ist eine Urlaubsbekanntschaft, eine wunderbare Frau.aus Holland. Ich habe sie auf meinem letzten Urlaub Ibiza kennengelernt. Sie war ein paar Mal bei mir und hat mich besucht. Es ging auseinander, kein Wunder, Entfernung. Keine Antwort. Ich schicke ihr eine Mail. Klar, wann werden diese gelesen. Ich schaue einmal am Tag. Ich muss abwarten. Ich rufe Steffi, Melanie, Gudrun, Heike und noch ein paar Verflossene an, AB.
Die Angst kriecht weiter durch meine Gedärme. Mit der Angst hat es eine komische Bewandnis. Sie schützt einen, sie lähmt einen, ich denke es ist besser, wenn sie nicht da ist. Ich irre durch das ganze Haus, bis ich schließlich wieder in der Gartenhütte lande. Alle sind noch in ihren seeligen Träumen. „Gibt es doch nicht.“, denke ich mir. Ich bin jetzt wach. Weitersinnierend komme ich auf den Gedanken, dass sie Schlaf verdient haben. Eine Dusche, genau. Also wieder hoch in den 1. Stock. Zähne putzen, duschen, Gel ins Haar, ich bin wieder ein Mensch. Wieder runter in frischen Klamotten, überlegen. In der Hütte befinden sich auch Kochtöpfe, Besteck, Gläser und alles was man sonst noch für eine Feier benötigt. Topf raus, Löffel raus und rumgescheppert. „Bleibenlassen.“, war mein Gedanke bevor ich Krach gemacht habe. Jetzt ist zu spät. Eine leere Flasche Wein saust nur um haaresbreite an mir vorbei, ein Teller folgt. Wer hat hier nicht aufgegessen? Ein paar Salatblätter kriege ich mitten ins Gesicht. Man überlebt so was. Man kann auch Salatblätter während des Fluges abfangen, zurückwerfen, am besten noch kurz eingetunkt in Majo und Ketchup – gibt mehr Speed, und dann abhauen. Die Munition geht schön langsam dem Ende zu. Wir sehen alle aus wie Schwein. Ja was denn, nur Sophie hat anscheinend nichts abbekommen. Kann doch nicht sein. Sie grinst. Ich schlurfe mit meiner Rechten den letzten Rest aus allen Salatschüsseln. Pflotsch, es steht ihr wirklich gut. Ich hatte ja nur eine kleine Ladung geplant. Doch dank einer Extraportion Ketchup, die ihr Jessie gerade ins Gesicht spritzt, macht sie einer verrottenden Müllhalde alle Ehre.
„Schluss jetzt!“, brüllt Stefan.
„Ich kann nicht mehr.“, meint Mike
„Seid ihr total blödgesoffen?“, kommt es von Vera.
Die übrigen Kommentare verlaufen ähnlich, außer bei Christian, er meint dass man bei Jessie vielleicht noch ein bisschen tiefer hätte zielen sollen, damit er mal wieder Zungentraining bekäme. Hunger und Geilheit. Im Prinzip hat er nur noch die Faulheit vergessen. Warum wir (die Menschheit) uns entwickelt haben? Beispiele: Das Auto ist erfunden worden, weil man nicht laufen will. Spülmaschine, weil man nicht spülen will. Waschmaschine, weil das Ding mit dem Waschbrett irgendwie auch nicht befriedigend war. Und wahrscheinlich auch der Porno, weil man zu faul, ist sich nach einem Partner umzuschauen.
Jessie hat es geschafft uns wieder in schnurrende Position zu bringen. Jeder hat ein Glas Port vor sich stehen.
Wir prosten und möchten wahrscheinlich alle heulen. Karin macht den besten Vorschlag des Tages. Jeder geht nach Hause, schaut ob er irgendjemand erreicht und in drei Stunden treffen wir uns wieder hier. Einstimmig angenommen.
Mehr oder weniger mit allen gesammelten Sinnen haben wir uns alle wieder auf der Terrasse eingefunden. Wir fragen uns, wie viele Tage seit dem Nebel vergangen sind, bzw. wie viele Tage seit Samstag. Einstimmig kommen wir zu dem Entschluss, dass wir vier Tage nicht mehr genau erklären können.
Quintessenz, wir haben Mittwoch. Ein Mittwoch im Mai. Die Vögel zwitschern. Wie gehabt.
„Was ist passiert“?, fragt Jessie
Bis sich Stefan erhebt sagt keiner etwas.
„Ich weiß es auch nicht, nur haben wir die Tatsache vor Augen, dass wir mittlererweile keine Menschen mehr treffen, wir sind sozusagen autonom, wir sind die einzigen, die ich seit Samstag gesehen habe“
„So was Blödes habe ich noch nie gehört.“, meint Karin.
„Ruf doch deine Eltern an und frag sie, wie es ihnen geht.“, Stefan verkneift sich den Kommentar, dass Karins Eltern immer noch nicht ihre Wettschulden nach dem letzten Wetttrinken, alt gegen jung, beglichen haben.
„Hab ich doch schon. Schon vergessen?“
„Ja, trotzdem, lass es alle wissen.“
„AB!“
Ratlosigkeit breitet sich aus. Jeder spricht mit seinem Partner. Heißt: Christian mit Jessie, Stefan mit Karin, Mike mit Vera, Sophie mit mir. Wir, Christian und ich, haben keine Partner, aber es sind Menschen, die wir mögen, die sogar vielleicht uns mögen. Gott sei dank sind weder Jessie noch Sophie Frauen zugetan, sonst könnte es eng werden.
„Was sollen wir tun?“, fragt Vera.
Betretenes Schweigen.
Irgendwie müsste man es doch schaffen, einfach mal die letzten Tage an sich vorbeifließen zu lassen. Jeder hatte das gleiche Erlebnis, der Nebel und der Blackout. Wir haben keinen mehr gesehen, außer uns. Ist es wirklich so, dass wir die einzigen Menschen in der Umgebung sind? Vielleicht sogar im ganzen Land? Weiß der Geier. „Was sollen wir denn nun tun?“, kommt es noch mal von Vera mit tränenerstickter Stimme.
Das Schweigen löst sich nicht auf. Nach einer längeren Pause, bemerkt Christian so ganz beiläufig die Geschichte vom nuklearen Holocaust. Kann jedoch nicht sein, warum würden wir dann noch leben? Warum gerade wir?
Ich will baden gehen.
Nein, nicht in die Badewanne. Ich will an einen See. Auch wenn es erst Anfang Mai ist. Die Lufttemperatur beträgt in der Sonne garantiert 24 Grad. Ich will sie auf meiner Haut spüren und wenn es zu heiß wird einfach kurz ins Wasser springen. Ich habe festgestellt, dass wenn man aus dem, mit 18 Grad doch ziemlich kühlen Wasser herauskommt, die Trinkerfalten sich für kurze Zeit in Luft auflösen. der Körper vibriert, man spürt Leben durch jede noch so kleine Zelle des Körpers fließen; es ist einfach herrlich, wunderbar, toll. Ich frage mich, wie ich die anderen davon überzeugen soll. Wie ich erkläre, dass man sowieso im Augenblick nichts besseres tun kann. Ich frage mich weiter, wie kalt das Wasser wirklich ist, ob man überhaupt ins Wasser steigen kann ohne in Luft aufgelöst zu werden, ob der See, an welchem wir schon so viele Nachmittage in ausgelassener Heiterkeit, vor allem beim Lästern über die anderen Badenden, verbracht haben, noch existiert und vor allem frage ich mich, ob ich dort mein Lieblingseis, Maxibon, bekomme.
„Herausforderungen sind dazu da angenommen zu werden.“, kommt es von Mike.
„Und Frauen sind dazu da genommen zu werden“, wirft Christian ein. Was ihm nicht unbedingt zusätzliche Pluspunkte von Jessie einbringt.
Doch es bleibt nach wie vor die Frage, was nun? Es gab mal eine Fernsehsendung, die da hieß: „Was nun, Herr (Frau)....?. Das ist es! .. Fernsehen, Radio, Internet. Ich frage mich, warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, einfach mal den Fernseher einzuschalten, dem Radio zu lauschen oder sich mal im Internet auf allen Nachrichtensendern weltweit zu erkundigen.
„Ausschwärmen!“, schreie ich nahezu in die Runde
Betretenes Schweigen.
„Hallo, aufwachen“, schiebe ich schon ein bisschen gemäßigter hinterher.
Ich versuche allen zu erklären, dass wir vielleicht doch jeder noch mal kurz nach Hause gehen sollten und alle Fernsehsender, Internetadressen oder egal was einfällt, Hauptsache die uns bekannten Medien abfragen sollten.
Treffpunkt danach wieder hier in der Gartenhütte. Zwei Stunden müssten genügen.
Ich sitze am Rechner. CNN, ARD, N-TV, ZDF, BBC usw. usw. Die Nachrichten sind verfügbar, die Sites stehen, sie sind aktuell – bis vor vier Tagen. Letzte Nachrichten: Die Amerikaner haben wieder einen Hubschrauber im Irak verloren, Israel hat wieder den Gazastreifen dicht gemacht, Deutschland hat nach wie vor 5 Millionen Arbeitslose, nachdem das UNO-Gebäude einem Anschlag zum Opfer gefallen ist, sind die Bauarbeiten erst beim Aufstellen des Kellergewölbes, Afrika hungert, Russland sperrt das Gas für Westeuropa und Michael Schumacher hat sein Comeback bei MC Laren Mercedes verkuhwedelt. Also nichts Neues.
Ich suche weiter. Spam-Mails. Ich habe welche bekommen. Halleluja! Das letzte Anzeichen der Zivilisation. Spams.
Viagra für den älteren Herren.
Das neueste von Microsoft, fast geschenkt, für den Gutgläubigen.
Eine tolle Frau, für den Einsamen.
Den Lotteriegewinn für den kompletten Idioten und natürlich, seit Neuestem, das Nirvana auf Raten.
Hochaktuell, ich drucke alle aus und bestelle sogar, gebe meine Kreditkartennummer jedem der sie haben will, warte auf die vorgefertigten Antworten und bin ratlos.
Nichts, aber auch gar nichts geschieht. Ich warte auf Antworten, bzw. darauf, dass irgendein Betrag von meinem Konto abgebucht wird. 5 Minuten, ich checke meine Bankdaten. 10 Minuten, ich checke meine Bankdaten, 15 Minuten – nichts. Keine Abbuchung. Upps. Bin ich wirklich so tief gesunken, dass mich nicht mal mehr irgendjemand abzocken will. Gott sei dank, nach 15 Minuten habe ich eine Abbuchung für das ewige Leben auf meinem Konto. Es ist zwar überzogen, doch der Disporahmen ist noch nicht komplett ausgeschöpft. Ich warte auf die Viagrabuchung. Was soll ewiges Leben mit einem schlaffen Gehänge?
Zwei Drittel meiner Bestellungen sind im Sand verlaufen. Ein Drittel hat abgebucht. Immerhin! Ich überweise noch die Rechnung für meine Unfallversicherung. Man kann ja nie wissen. Das wars. Wenn ich die Welt verlasse, dann wenigstens, abgesehen von der Bank, schuldenfrei.
„Und?“, das Einzige was ich zu hören bekomme
„Was?“, mischt sich dazwischen.
„Warum?“, höre ich zwischen den Zeilen.
„Erst mal ein Bier.“, ist das Ergebnis der Gartenhüttenbesprechung.
Wir diskutieren, wir trinken, wir haben keine Ahnung.
Stefan hat eine Mail aus Thailand bekommen, 5 Tage alt.
Karin hat eine SMS von ihrem Ex, 5 Tage alt.
Christian hat nichts.
Sophie und Jessie, die mir beide ziemlich unbekannt sind, haben von ihren Freunden, Freund, oder Ex-Freund Nachrichten erhalten – 5 Tage alt.
Mike hat verzweifelt versucht seinen Sohn zu erreichen, Nichts.
Vera wollte Ihre Familie in Tschechien erreichen, Nada.
„Wir sind auf der Suche“, meint Christian, „wir sind sehr nah dran, wir sind auf der Erde, wir sind hier, wir leben, wir trinken, wir essen, wir , wir, wir .“
Ein Lebenskünstler, ein Gourmet, ein Vorbild, einer, den wir bewundert haben, geliebt, was wir immer noch tun, löst sich in Nichts auf. Was bleibt ist ein Mensch. Von allen Tugenden befreit, verzweifelt, einsam, ein Mensch.
Wir haben beschlossen nach München zu fahren, um zu sehen, wie sich dort die Dinge verhalten.
Die letzten beiden Tage verbrachten wir mit Aufräumarbeiten, jeder bei sich zuhause. Ich habe das ganze Haus von oben bis unten auf Vordermann gebracht, d.h. alles picobello sauber gemacht, überall, auch in der Mietwohnung die Betten frisch überzogen, die Küchengeräte gereinigt, die Kühlschränke ausgewischt, den Rasen gemäht, die Hecken geschnitten, den Hof gekehrt, die Garagen und den Keller aufgeräumt und natürlich die Gartenhütte auf Hochglanz gebracht. Sophie und Jessie, die beide ursprünglich aus Hannover kommen und eigentlich nur das Wochenende in den Bergen verbringen wollten, sind hiergeblieben und haben uns tatkräftig unterstützt, weil sie sowieso nicht wussten wohin und wieso auch.
„Das Haus ist sauber“, sagte ich zu Christian, als ich mit Sophie ihn und Jessie bei sich zuhause besuche.
Die beiden haben wirklich ganze Arbeit geleistet, auch bei Christian sieht es so aus, als ob alles zum Verkauf ausgeschrieben steht. Kein Krümelchen Staub in und um das Haus herum.
„Lass uns, falls wir wiederkommen, noch die heimischen Vorräte auffüllen“, meint Sophie, als sie bei Christian in den halbleeren Kühlschrank guckt.
Sie ist wirklich wohltuend praktisch veranlagt, sie meint, wir sollen doch einfach in den umliegenden Lebensmittelmärkten streunen gehen und jeder zuhause die Gefriertruhe auffüllen, den Keller mit Lebensmittelkonserven vollstapeln und ein paar Kanister mit Benzin deponieren. Trinkwasser nicht vergessen und vielleicht irgendwo einen Stromgenerator organisieren, der falls der Strom zusammenbrechen sollte kurzzeitig ein wenig Energie liefern kann.
Die Truhen sind voll, Trinkwasser, Benzin und Lebensmittel sind eingelagert. Jeder hat mittlererweile auch ein Aggregat zuhause stehen, welche wir bei der naheliegenden Niederlassung des THW organisiert haben. Die Anrufbeantworter werden mit aktuellen Texten, mit e-Mail-Adressen und Handynummern besprochen. Wir hinterlassen auf den Tischen zuhause und in den Wohnungen von Verwandten und Bekannten Nachrichten mit unseren Daten und treffen uns kurz vor der Abreise noch mal in der Gartenhütte.
„Wir sollten noch von allen Abschied nehmen, bevor wir losziehen.“, meint Stefan.
„Von wem denn, wir sind doch die einzigen oder siehst Du noch andere“, kommentiert Mike.
„Meinst Du eine imaginäre Totenfeier?“, grummelt Vera.
Sie hat recht, wir müssen irgendwie einen Schlussstrich unter die Niedergeschlagenheit setzen. Wieder nach vorne blicken und das Beste aus der Situation ziehen.
Wir beschließen, alles für die Fahrt nach München soweit vorzubereiten, die Autos mit Vorräten, Zelten, Kleidung usw. vollzustopfen, um uns dann auf dem Friedhof zu treffen. Ich weiß nicht wie wir gerade auf die Friedhof gekommen sind. Keiner von uns ist das, was man als irgendwie gläubig, katholisch, evangelisch oder sonst was bezeichnen könnte. Vielleicht ist es die Hoffnung ein wenig Trost zu finden, außerdem ist es ein neutraler Ort, ein Ort wo keiner oder vielleicht alle zuhause sein könnten. Irgendwie werde ich auch den Verdacht nicht los, dass wir Einheimischen, also alle außer Jessie und Sophie, im Unterbewussten einig sind, dass sich in unmittelbarer Nähe der „Wirt“ befindet. Dazu muss man wissen, dass die meisten Beerdigungsfeiern, oder wie wir sagen „Leichenschmaus“ dort ausgetragen werden. Ich kann mich an einige erinnern, wo es zum Schluß lustiger war als auf manch einer Hochzeit.
Der offizielle Abschied von allen Nichtanwesenden war zunächst niederschmetternd. Keiner, der nicht geheult hat wie ein Schlosshund, keiner der nicht fest die Hände seines Nebenstehenden fest umklammert um Halt zu finden, keiner der nicht vielleicht doch still gebetet hätte. Es war vereinbart worden, dass wir nach einer Viertelstunde, egal was passiert, den Friedhof verlassen.
Mit roten Augen und verschnupften Taschentüchern machen wir uns die paar Meter auf zum „Wirt“.
Ich hab es doch gewusst. Obwohl wir nie ausgemacht hatten dorthin zu gehen, ist es doch gleich einer Pilgerwanderung die sich stillschweigend Richtung Gasthaus bewegt.
Wie selbstverständlich sitzen wir alle an einem großen Tisch in dem ansonsten aufgeräumten, aber leeren Lokal.
„Es ist geschafft“, denke ich mir. Die Trauer schwindet und nachdem Karin eine Brotzeit aus der Küche gebracht hat, Mike dem Zapfhahn seine Geheimnisse entrissen und der frischgezapfte Maibock auf dem Tisch steht, beginnt der Rest des Lebens. Ein lustige Trauerfeier. Wir beschließen diese Nacht noch im Gasthaus zu verbringen. Es kann sowieso keiner mehr fahren und obwohl wir annehmen, dass keine Polizeistreifen uns anhalten werden, lassen wir uns auch am nächsten Tag Zeit ,bis wir in den Autos sitzen und loszuckeln.
Wir sind mit zwei Autos, Mike’s Geschäftswagen, einem Van und meinem Minivan unterwegs. In jedem wäre bequem Platz für vier Personen, Gepäck und Vorräte. Die Landstraße ist menschenleer, was schon fast klar war. Verwunderlich ist vielmehr, dass auch sonst nichts unseren Weg versperrt. Ich hatte angenommen, dass, wenn die Menschen verschwunden sind, wenigstens ihre Autos noch überall rumstehen würden und ein vorwärtskommen ziemlich erschweren. Das einzige was wir zu sehen bekommen sind Fahrzeuge jeglicher Art, die ganz regulär geparkt wurden, vor den vorbeiziehenden Häuschen stehen oder vor irgendwelchen Einkaufzentren abgestellt worden sind. Wir haben keine Eile. Nach ungefähr einer Stunde kommen wir an einer großen Autobahnraststätte vorbei, decken uns mit Zigaretten, Junk-Food, Bier und Kaffee aus der Dose ein. Ein paar gönnen sich noch einen Gratisausflug auf die Toilette hinterlassen ihre Telefonnummern und kehren zurück in die Autos. Wenn unsere Uhren stimmen, wäre gerade Mittagszeit. Hunger wäre auch vorhanden und auf Mc Donalds hat irgendwie jeder immer Lust. Wir verlassen die Raststätte. Unmittelbar hinter der nächsten Autobahnabfahrt ist ein sogenanntes „Ich liebe es – Restaurant“. Wollen doch mal sehen, ob wir die Big Mäcs, Mc Nuggets, und Pommes auch selber hinbekommen.
Anscheinend war zu dem Zeitpunkt als sich die Menschheit in Luft aufgelöst hat nicht soviel los. Nur ein bis zwei Tische sind verdreckt. In einer Friteuse haben sich die Pommes schwarzgeschmurgelt und zwei Frikadellen für die Burger stinken brikettartig vor sich hin. Die Lüftung hat im groben den angebrannten Geruch schon abgesaugt. Die Salatbar schnurrt lustig kühlend vor sich hin und auch die vorgefertigten Saucen und Gurkenscheiben liegen verzehrbereit auf der Anrichte. Bevor ich noch irgendwie eine Peilung davon bekomme, was sonst noch genießbar sein könnte, haben sich die Mädels schon in Richtung Kühllager davongepirscht, alles ausgepackt und sind schon fleißig am frittieren und brutzeln.
„Bierchen wär nicht schlecht.“, dürstet es Stefan schon.
„Schon da“, Mike kommt mit einem Tablett voller gefüllter Plastikbecher.
„Wartet ja auf uns.“, brüllt Vera aus der Schmorküche heraus. „Sonst kriegt ihr höchstens die Briketts zu essen.“, Sophie muß natürlich auch ihren Senf dazugeben und das nicht nur auf die Burger.
Nach ungefähr einer Stunde geben wir auf. Es passt einfach nichts mehr rein. Der Magen ist voll, die Gedärme glucksen vor sich hin und weit und breit keine Verdauer in Sicht.
„Schnäpschen gefällig?“ Christian wedelt triumphierend mit ein paar Brausepäckchen. In der anderen Hand eine Flasche Wodka. Wie sich herausstellt hat er bei unserem Pit-Stop an der Rasstätte sämtliche Vorräte an Brause und etliche Flaschen Wodka mitgenommen. „Man weiß ja nie, wann wir das nächstemal in den Genuß kommen“, fügt er mit einem schelmischen Gesichtsausdruck hinzu. So kenne ich ihn. Er scheint wieder der Alte zu sein und auch die anderen legen wieder ihre Leichtigkeit an den Tag. Es ist schön wieder alle in ihrem Urzustand um mich zu haben.
„Jetzt“, meint Jessie. Und schon sind wieder die Plastikbecher gefüllt. Brause in den Mund und ab die Post.
Es stellt sich heraus, dass Christian so ca. 300 Päckchen Brause und 4 Flaschen Wodka ergattert hat. Dennoch beschließen wir es für heute und machen uns weiter auf den Weg Richtung München.
„Stadtmitte oder Flughafen?“, Mike fährt voran und ist kurz vor der jeweiligen Abfahrt.
Die Handys sind immer eingeschaltet. Angenehm, jeder plaudert mit jedem, Christian sendet einige schmutzige SMS an Jessie, obwohl sie gleich neben ihm auf der Rückbank von Mike sitzt.
Wir beschließen München nur am Mittleren Ring zu streifen, um uns einen kurzen Eindruck zu verschaffen, aber dennoch möglichst schnell zum Flughafen zu gelangen.
„Tote Hose“, Vera hat die Abfertigungshalle inspiziert.
„Lass uns einen Kaffee trinken, vielleicht noch ein Stück Kuchen dazu.“, trällert Karin ganz beiläufig und ist schon in den unteren Bereich, die Shopping und Fressmeile, verschwunden.
Am Lavazza Café haben wir sie wieder eingeholt. Sie schäumt gerade Milch für unsere Cappuccinos. Den Kuchen hat Sophie aus der Konditorei nebenan besorgt. Leckere Obstkuchen, Sahnetorten und Tiramisu. Wunderbar. Die Musik aus der Stereoanlage berieselt uns. Einen Grappa um die fetten Torten zu verdauen und weiter geht’s Richtung Gateways. Wir inspizieren die Maschinen, die wahrscheinlich gerade zum Einstieg freigeben worden waren. Ziemlich fad das Ganze. Und nachdem von uns noch nie jemand ein Flugzeug geflogen hat, beschließen wir die Nacht im „Bayerischen Hof“ in der Stadt zu verbringen.
Der Abend war ein voller Erfolg. Denn nachdem jeder an der Hotelbar seine mehr oder weniger gelungenen Cocktailkreationen zum Besten gegeben hat, verwandelte sich der Wellnessbereich, nach Zugabe aller verfügbaren Shampoo- und Badezusatzvorräte in den Whirlpool, in eine fast undurchdringlich Schaumlandschaft und abgesehen von den paar blauen Flecken, die jeder davontrug, verlief die Nacht ohne Zwischenfälle.
Aufgewacht sind wir in der Präsidentensuite und nachdem wir uns ein hervorragendes Frühstück mit allerlei Meeresfrüchten, frisch gepressten Fruchtsäften und aufgebackenen Croissants munden ließen, geduscht und gepackt haben, verabschiedeten wir uns von diesem gastfreundlichen Haus um mal die Bahnhofsgegend abzuklappern.
„War ja klar, dass wir hier auch nicht weiterkommen, Lokführer bin leider auch nicht.“, Mike ist immer noch verkatert und man spürt, dass ihm irgendwie noch der Antrieb fehlt. Mit einem „ich will wieder ins Bett“, reibt er sich an Vera, die ihn jedoch mit süffisanten „Alter Suffkopf“ abwimmelt und darauf aufmerksam macht, dass es uns allen nicht wie einem jungfräulichen Frühlingsmorgen nach erwachen des Sonnenlichts zu gehen scheint. Wir stehen in der riesigen, menschenleeren Bahnhofshalle, die große Leuchtreklame mit dem Logo eines Arzneimittelherstellers blinkt munter vor sich, der ICE nach Paris ist einsteigebereit. Die Sonne scheint fahl durch die Milchglasscheiben. Im Eingangsbereich steht ein verlassener Zeitungstand mit den schon bekannten Schlagzeilen der Boulevardpresse. Überall die Hinweise auf das weitverzweigte U-Bahn-Netz der Stadt. Ein Labyrinth, ein Irrgarten; ein Irrenhaus? Wir begeben uns zur Lagebesprechung in ein Café auf dem Bahnhofvorplatz. Besser gesagt wir sitzen unter den großen Sonnenschirm, der die kleine Terrassenbestuhlung mit Schatten versorgt. Es gilt eine weitere Richtung unseres Handelns zu bestimmen. Wollen wir hierbleiben? Wenn nein, welche Richtung sollen wir einschlagen? Was ist mitzunehmen? Wie ist es zu transportieren? Macht jedes weitere Handeln überhaupt noch Sinn? Usw. usw.. Erstaunlicherweise steht schon nach 15 Minuten ein Ergebnis fest. In München versauern? Auf keinen Fall. Zuhause versauern? Erst recht nicht. Weitere Städte innerhalb Deutschlands absuchen? Warum auch. Der nächste Winter kommt bestimmt, auch wenn wir uns erst im Frühsommer befinden. Ans Meer, so die große Übereinstimmung. Zuvor, so lautetet ein weiterer Beschluss, trennen wir uns, um in kleinen Gruppen oder paarweise, alles nötige für die Reise, die uns zunächst über Österreich, die Schweiz, quer durch Frankreich nach Spanien bringen soll, zusammenzutragen.
Jessie und Christian:
Getauft wurde Jessie eigentlich auf den Namen Ulrike. Irgendwie hatte ihr Vater wohl einen Faible für Ulrike Meyfarth, die erfolgreiche Hochspringerin der olympischen Spiele von 1972 in München und da Jessie schon bei der Geburt anscheinend eine beachtliche Größe für ein Neugeborenes vorweisen konnte und ihr Vater hoffte, auch seine Tochter möge eine berühmte Sportlerin werden, war trotz Widerstand der Mutter, mit Unterstützung der Schwiegermutter, einfach die Entscheidung für Ulrike getroffen worden. Mit den Jahren jedoch stellte sich heraus, dass bezüglich ihrer Größe keine weiteren Höhenflüge mehr zu erwarten seien, so dass die Hochsprungkarriere, ganz zum Leidwesen ihres Vaters, bald derer einer Femme Fatale weichen musste. Zu Jessie kam es dann, als irgendeiner ihrer pubertierenden Verflossenen, sie mag damals 13 oder 14 gewesen sein, den Vergleich mit Jessica Lange in „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ anstellte. Sicherlich hat er den Film irgendwo aus Papa’ s Videosammlung hervorgekramt und wollte eben beweisen, was für ein ausgeschlafener Kerl er doch ist. Nichtsdestotrotz, Jessie schien es zu gefallen im gleichen Atemzug wie Jack Nicholson und ihrer berühmten Namensgeberin genannt zu werden und da sie auch sonst bei der Beendigung von Beziehungen nicht die Feinfühligste war, blieb es dabei: Jessie – Femme Fatale.
Zufall oder nicht. Christian war von Frauen, die vom Kaliber her, wie Jessie gestrickt waren immer schon fasziniert. Er zog sie magisch an. Es ist immer magnetisch gewesen. Sie kreisten umeinander, bis es zum Aufschlag kam. Was meistens schon wieder einer Entladung glich. Mit mehr oder weniger Leid war immer kurz darauf Schluss.
Die beiden fuhren mit einem abgestellten Auto, Jessie bestand auf einen BMW, den sie kurzerhand zum starten brachte, Richtung Messegelände los. Erst später erfuhr ich von Stefan, dass Jessie Autoschlosser gelernt und bis vor ein paar Tagen als Fernfahrerin gearbeitet hat. Ich dachte unmittelbar an „Thelma und Loise“, „Lara Croft“ oder so was in der Richtung, verworf aber den Gedanken, da sie einfach wesentlich weicher aussah, ohne lange zu reden handelte und so wie ich sie kennenlernte einfach ein guter Typ war.
Wie ich schon die letzten Tage bemerkt hatte, schien Christian ziemlich spitz zu sein. Ich dachte mir schon, dass die beiden die meiste Zeit mit endlosen Diskussionen verbrachten.
„Lass es uns vor der „Bavaria“ tun.“, Christian strotzte in diesem Augenblick vor Selbstbewußtsein. Er war der Reiseführer, der Tourguide, der der Alles kennt. Diese Nummer hat er auch schon desöfteren zuhause abgezogen, indem er den Damen die einsamen Wasserfälle und die schönsten Waldlichtungen gezeigt hat.
„Was tun?“ sie wusste genau was er meinte.
„Hast es schon mal an der frischen Luft, an einem sonnigen Tag in aller Öffentlichkeit getrieben?“
„Ja, und?“
„Genau das sollten wir tun.“, gibt Christian noch mal seiner Hoffnung Nachdruck.
„Christian“, sie schaute ihn fast liebvoll an, „es gibt keine Öffentlichkeit mehr, keine Augen, die uns beobachten könnten, keine Spanner und keine Kameras, die auf uns gehalten werden.“
Er war perplex. Sie hatte recht. Dieser Versuch ging gründlich in die Hose.
Sie fuhren wortlos weiter. Auf dem Weg zum Messegelände tauschten sie ein paar neckische Blicke. Bis Jessie abrupt rechts abfuhr und direkt auf eine großen Heimwerkermarkt zusteuerte.
Vera und Mike:
Vera bemerkte, dass Mike den unheilvollen Zustand von Kater und einer extremen Verliebtheit erreicht hatte. Und da sie es ja nun auch ein paar Tage vermissen musste, was wahrscheinlich weniger mit Zeitmangel, sondern vielmehr mit den vielen Gelagen zu tun hatte, steuerten die beiden direkt vom Bahnhof wieder zurück ins Hotel.
Sie liebten sich zunächst wie die Steinesel, nahmen einen leichten Lunch zu sich und steuerten Richtung Kaserne. Mike war dort während seiner Grundausbildung stationiert und obwohl dies schon einige Jahre, die anderen würden sagen, Jahrzehnte, zurückliegt, findet Mike immer noch was er sucht.
Stefan und Karin:
Nach unsere Lagebesprechung hatten wir auf einmal das unweigerlich Bedürfnis auf ein Weißwurstfrühstück.
„Die besten gibt’s irgendwo am Viktualienmarkt.“, bemerkte ich.
„Du denkst nur an Fressen und Saufen.“ ,Sophie schien nicht so begeistert. „Außerdem haben wir gerade erst gefrühstückt.“
„Wo ist das Problem?“, Stefan war ganz meiner Meinung. Und nachdem Karin ihr wohlwollend zugesprochen hat, von wegen wir sind doch in Bayern, stimmte auch Sophie ein.
Wir fuhren mit zwei Autos, wir hatten ja schließlich noch einiges danach zu erledigen. Jessie hatte sicherheitshalber vor ihrer Abfahrt einige Autos mehr in Fahrbereitschaft versetzt.
Es verlief durchweg gesittet. Wir haben zwar besagtes Lokal nicht gefunden, doch ein Marktstand hatte einige Weißwürste vakuumiert in der Kühlung liegen. Das dunkle Weizen war in der richtigen Temperatur. Warmgemacht wurde die Würste direkt am Stand nebenan und am Marktbrunnen ließen wir uns schließlich nieder und blinzelten in die Mittagssonne. Danach trennten sich kurzzeitig unsere Wege.
Stefan und Karin begaben sich Richtung Deutsches Museum. Sophie und ich blieben noch ein wenig sitzen.
„Sie sind das perfekte Paar.“, meinte Sophie.
„Ja das sind sie.“, gab ich zurück.
„Sie lieben sich.“, Sophie war richtig fasziniert von den Beiden.
„Ja und das schon ziemlich lange.“
„Sie haben die gleichen Interessen.“
„Ich träume schon seit langem davon, jemand genau mit meinen Interessen zu finden.“, gab ich ehrlicherweise zu.
„Was sind Deine Interessen?“, wollte sie wissen.
„Leben, leben und noch mal leben.“
„Wie soll das aussehen?“
„Liebe Menschen um sich herum haben. Gut essen, gut trinken, vielleicht sogar so was wie Liebe verspüren.“
„Hört sich nicht schlecht an.“, gab sie zu.
Ich küsste sie auf die Wange.
„Komm, ich bin nicht nur ein Tagträumer, laß uns was organisieren.“
Sophie:
Sie kommt wie Jessie aus Hannover, Dipl. Soziologin, 171 cm, weiche braune Augen, sie ist nicht blond wie ich anfangs in meinem verworrenem Zustand angenommen hatte, sie hat weiche braune Haare, nicht zu dünn, nicht zu dick. Rein äußerlich genau der Typ, auf den ich stehe. Sie hatte bisher soviel Nachsicht mit mir, dass ich mich schon oft gefragt habe „Warum eigentlich?“. Wie es aussieht haben wir noch nicht miteinander geschlafen. Ist auch egal, vielleicht ist es die Situation, vielleicht sie, vielleicht wir beide. Ich fühle mich geborgen. Ich möchte alles zu ihr sagen, ich will wissen wie sie denkt, wie sie tickt. Mich interessieren ihren vorherigen Beziehungen nicht. Ihre Familie. Sie ist hier. Ich werde für sie da sein.
Sophie und ich sind die Ersten auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes. Inzwischen haben wir mein Auto gegen ein riesiges, mit allen Schikanen ausgestattetes Wohnmobil eingetauscht. Wir haben alle Lagermöglichkeiten mit Lebensmitteln und kleinen Annehmlichkeiten des Alltages vollgestopft. Es fehlen weder Hygieneartikel, noch Bekleidung für alle. Auch gibt es keinen Mangel an Unterhaltung. Wir sind über Massen an DVDs, CDs, Videospielen gestolpert. Eigentlich dürfte ich das Ding überhaupt nicht fahren. Doch nachdem die Straßen sowieso frei sind, habe ich mich einfach reingesetzt und bin losgeschossen. Ein Smart im Heck und 2 kleine Roller haben wir auch noch untergebracht. In der Kiste können bequem 4 Leute wohnen. Gut und gerne 50 qm. Bisher gab es so was immer nur im Fernsehen. Als nächstes trudeln Christian und Jessie ein, Jeder fährt ungefähr ein Wohnmobil von gleichen Ausmaßen. Jessie hat weiter gedacht. In einem Ihrer Gefährte befinden sich Werkzeuge aller Art, Zelte, Decken, Schlafsäcke sogar eine ganze Kiste voll Batterien, Sprechfunkgeräte, und kanisterweise Benzin und Diesel. Gerade als wir anfangen unser Bestände zu vergleichen, bricht mit einem lauten Knallen am Haus gegenüber die Fassade zusammen.
„Mike!!!“, kommt es wie aus einem Munde von Christian und mir.
Und tatsächlich, wir wussten beide, dass er es nicht lassen kann. Ein Leo II kommt uns durch die Staubwolken entgegengerattert.
„War nur ein Scherz.“, ruft er lachend als er die Einstiegsluke öffnet. Während seiner Wehrdienstzeit war er Panzerfahrer, und gewiss ist er kein Krieger oder sonst irgendwie ein gewaltbereiter Mensch. Er hatte einfach immer nur Spaß dabei mit dem Ding durch die Gegend zu heizen. Meistens hatte er, während der Zeit auf Truppenübungsplätzen mit irgendeinem amerikanischen Gegenüber schon ein oder zwei Flaschen Whiskey getrunken und es genossen, die ohnehin verplemperte Zeit als Wehrpflichtiger mit einer hohen Energie als Steuergelderverschwender durchzubringen.
„Du Arschloch!“, brüllt Christian. „Was wäre gewesen, wenn wir woanders gestanden hätten?“
Mike verschwindet wieder im Inneren des Panzers, kommt wieder aus der Luke gekrochen und hält triumphierend ein Gallone Bourbon in der Hand. Ich muß lachen. Ich kenne alle seine Geschichten. Eine ist mir im Gedächtnis geblieben: Er hätte Wache gehabt. In irgendeinem LKW hätte er sitzen müssen. Der Spieß hat die Tür geöffnet und nachdem Mike zuvor viele amerikanische Freunde gefunden hat, die ihren Schnaps Duty Free bezogen, ist er nach Öffnung der Fahrertür nur noch rausgefallen und hat seinem Vorgesetzten an die Hose gekotzt.
Wir müssen alle lachen. Es ist befreiend, es tut gut, wieder mal die Seele zu entlüften, die absurde Situation zu vergessen.
„Im Ernst,..“, berichtet er uns als er den Panzer verlassen hat. „..wir waren nicht untätig und haben nicht nur Kriegsspiele veranstaltet. Vera und ich haben in der Kaserne zwei Transporter beladen, die allerlei Technik beinhalten. Wir haben vier 2000 Watt Generatoren. Als Anhänger einen kompletten Dieseltank und noch dutzendweise vollgefüllte Benzinkanister. Sicherheitshalber habe ich noch zehn G3, einige MGs, Panzerfäuste und genügend Munition verstaut.“
„Was ist mit Handgranaten?“, ruft Christian aus dem Hintergrund.
„Wieso Handgranaten?“ entgegnet Mike.
„Zum Fischen, du Ochse.“
„Ach so, ja klar.“, Mike dämmert, um was es geht.
Ein paar Minuten später trudelt auch Karin ein. Sie hat eine kleinen Transporter vollgestopft mit Gefriergut. Angefangen von Hühnchen über Meeresfrüchte bis zum feinsten Filet und Gemüse.
„Vom Großmarkt“, lässt sie uns wissen. „Stefan müsste auch jeden Moment auf der Bühne erscheinen.“
Ein Triumphzug. Es fehlt der rote Teppich. Es fehlen die Rosenmädchen, der Präsident, die Kanzlerin, die Stars und Sternchen, die Abwischer, die Schleimer, die Berichterstatter, die schreibende Zunft, die Oscar-Kommission, der Papst, die Schweizer Garde, der russische und der amerikanische Präsident, die Flaggen an den Häusern, es fehlt einfach alles. Doch „Er“ kommt.
Ein Auftritt der seinesgleichen sucht. Zwei Außenlautsprecher. „I will surive“ von Gloria Gaynor. Fahnen auf dem Dach. Ein Lastzug und Stefan am Steuer. Er hat eine Faschingskrone auf dem Kopf, mit Recht.
Er steuert in diesem Augenblick ungefähr 20.000 Liter feinstes Weizen.
„Ist da so vor der Brauerei rumgestanden.“, klärt er uns auf.
„Vielleicht als Gastgeschenke?“ meint Sophie
„Wenn es sein muss.“, ich liebe Weizen
„Wir werden sehen.“, meint der begnadete Chauffeur.
Ich hatte angenommen, dass die beiden nützliche Dinge aus dem Deutschen Museum mitbringen würden, doch ehrlich, was jetzt hier auf uns zugerollt ist, übertrifft sogar die Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne bewegt.
Wir stellen einen seltsamen Konvoi zusammen. Der Panzer bleibt hier. Logisch. Alle Waffen, bis auf vier Gewehre auch. Wir sind hier schließlich nicht Mad Max. Christian bestand allerdings auf die Handgranaten, von wegen Fischen und so. Munition und Gewehre zum Jagen, falls wir wirklich mal in die Verlegenheit kommen sollten. Der Zug der modernen Nichtsesshaften setzt sich langsam in Bewegung
Unser Zirkus setzt sich zusammen aus:
Vier Megawohnmobilen, gefahren von Karin, Sophie, Christian und meiner Wenigkeit.
1 Gefriermobil, gefahren von Vera
1 Weizen und Verpflegungstruck, gefahren von Stefan. Wir haben den Anhänger für alle sonstigen für das Leben notwendigen Dinge freigemacht.
1 LKW mit Anhänger für Diesel und Benzin, gefahren von Mike
1 kompletter Sattelzug mit allem technischen Equipment, gefahren von Jessie.
Wir fahren Richtung Bodensee. Die Sprechfunkgeräte sind noch besser als die eingeschalteten Handys. Keine Verzögerungen. Jeder weiß genau, was in den anderen Fahrzeugen gesprochen oder laut gedacht wird. Es ist so als ob wir alle zusammen in einem Fahrzeug unterwegs wären.
Wir sind ungefähr zwei Stunden unterwegs, als Mike, der unseren Komödiantenzug anführt, in der Höhe von Lindau bemerkt, dass es schon gleich dunkel wird und wir Rast machen sollten.
„Aber zuerst über die Grenze.“, meint Vera.
„Da hast Du recht.“, Christian stinkt es inzwischen auch ziemlich hier.
„Abfahrt Dornbirn“, kommt glaube ich von Sophie.
Mike, der uns allen vorausfährt, nimmt die Ausfahrt, wir steuern in die Ortsmitte. Der Mensch hat sich selber überflüssig gemacht, alle Straßenlaternen sind mit Sensoren ausgestattet. Die Leuchtreklamen hell erleuchtet, sogar das Hinweisschild auf irgendein Ortsfest strahlt uns in einem furchtbaren Neongrün entgegen.
Wir halten an.
„Österreich gehört zu EU, vielleicht haben uns die Araber oder die Israelis einen Streich gespielt. Die konnten uns noch nie leiden, weder die einen noch die anderen, vielleicht haben sie unsere Lebensmittel mit Drogen durchsetzt, uns mit falschen, besser gesagt keinen Nachrichten ausgetrickst, lachen sich gerade ins Fäustchen und warten darauf bis wir wahnsinnig werden und uns erschießen. Lass uns noch die paar Kilometer bis zu Schweizer Grenze fahren, um zu wissen, ob es ein Politikum ist.“, Stefan hat recht.
Wir fahren noch die paar Kilometer bis zur Grenze. Das Erscheinungsbild ist wie überall, wo wir schon gewesen sind. Zürich. Da müssen wir hin. Die Seele der Schweiz. Der neutralste Punkt auf dem Globus.
Wir sind irgendwo in der Stadtmitte. Eine leere Tankstelle, hell erleuchtet. Wir füllen unsere Tanks, stocken unsere Vorräte auf und sind der Ansicht, dass wir einen kleinen „Stoßtrupp“ bilden sollten, der die Fußgängerzone durchkämmt. Wenn unsere Uhren stimmen, müsste es ungefähr kurz vor Mitternacht sein. Den Tag wissen wir sowieso nicht mehr. Ein gemischtes Doppel, bestehend aus Christian und Jessie, Mike und Vera macht sich mit einem Mercedes, der anscheinend gerade repariert wurde und dessen Schlüssel noch im Schloss steckt auf den Weg.
„Nichts!“, erzählt uns Mike bei ihrer Rückkehr.
„Scheiße“, kommentiert Sophie.
„Gib mir ein Weizen.“, meint Stefan.
„Gib mir auch ein Weizen.“ kommt überraschenderweise auch von Vera, sie scheint deprimiert. Sie ist es. Wir begeben uns an den Vorrat.
„Macht mir bloß keine Sauerei.“, wettert Karin, in deren Wohnmobil wir uns befinden. Mutter Beimer in der Endzeit. Ich bin ihr nicht böse. Niemand ist böse, wir wollen nur schlafen. Schlafen, ein Gedanke, ein Wunsch. Ist der Körper hinüber? Der Kopf arbeitet immer. Auch nach 48 Stunden ohne Schlaf arbeitet das Hirn, es lässt dich nicht zur Ruhe kommen. Es gibt nur eine Art das Hirn auszutricksen. Entweder Glück oder Alkohol. Wir sind glücklich, dass wir leben. Die eine Art von Glück. Doch zum Kompletten fehlt die Gewissheit über die Umstände unseres Lebens. Also Alkohol. Wir konsumieren den Alkohol, wir dezimieren unser Hirn, wir schlafen.
Ein Trommelwirbel ertönt über der Tankstelle. Na klar Mike. Er hat eine leere Öltonne ausgemacht, sich einen Schraubenschlüssel geschnappt, ein anderes Fass über den Hof gestoßen und schließlich noch die Stereoanlage auf dem Weizentransport auf Vollgas geschaltet.
„Ich hab was gefunden, ihr Tränen.“
Jeder schnappt sich sein Kissen und dreht sich um
„Ehrlich, wer es entdeckt kriegt von mir ein Weizen.“, setzt er nach.
Ich muß würgen. Sophie, die noch vor wenigen Sekunden neben mir gelegen hat, kotzt gerade aus der Eingangstür. Christian und Jessie schlafen noch oder täuschen es vor. Stefan und Karin liegen engumschlungen in friedlicher Zweisamkeit. Vera steht neben Mike. Ihr Blick geht nicht geradeaus. Sie ist einfach nur fertig. Nur Mike strahlt:
„Schaut mal, zwei Schweizer Käseköpfe.“
Es dauert keine 30 Sekunden, ein jeder von uns steht auf dem Rastplatz. Nüchtern von zehn auf Null. Der Wahnsinn. Tatsächlich, vor uns, auf einem Grünstreifen liegt ein Pärchen, beide ungefähr Ende zwanzig. Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass beide sich ihrem hart erarbeitetem Delirium hingebeben. Ihre Hosen hängen auf Kniehöhe. Sie sind total voll. Wir schleppen sie in ein Wohnmobil, waschen sie grob, trocknen sie ab und legen sie in eines unserer frischbezogenen Betten. Bis zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht wie sie heißen, wer sie sind, geschweige denn, was sie eigentlich hier machen. Wir haben vielleicht eine Vorstellung davon was sie gemacht haben, bzw. von dem was sie vorgehabt haben zu machen wollen.
„Beat“, ist seine Antwort als ich ihn nach seinem Namen frage
„Und sie?“
„Heidi“, ich schaue ihn fragend an, „sie heißt wirklich so“, schießt er wie aus der Pistole nach.
„Immer noch mausetot?“
„Nur ein wenig besoffen.“
„Wie lange seid ihr denn schon unterwegs?“
„Ehrlich, ich weiß es nicht.“
„Habt ihr Nebel gesehen?“
„Wieso?“
„Sei mir nicht böse, habt ihr?“
„Ja, ungefähr vor ein paar Tagen.“
„Sogar in der Schweiz.“ murmle ich vor mich hin.
„Wo sind euere Freunde, Verwandte, Bekannten?“, hake ich weiter nach.
Er schläft wieder. Ich mag ihn. Total voll, aber er hat gute Augen.
Nachdem Christian Mike von der schönen, unbekannten Schweizerin verdrängt hat, erfährt er nachdem sie doch erwacht ist, ungefähr das gleiche wie ich. Nebel, saufen, vielleicht Sex.
Heidi und Beat machen sich auf den Weg in das neben der Tankstelle liegende Hotel, um dort erst mal mit einer Dusche einen klaren Kopf zu bekommen und um sich zu kultivieren.
„Verdammt, ich hätte nicht gedacht, dass ein, zwei Tüten so eine Wirkung haben können.“, versucht Heidi ihren Zustand zu erklären. Wie sich herausstellt sind Beat und Heidi einem, manchmal auf der Flucht vor sich selbst unterstützendem, Durchzug der Lungenflügel nicht abgeneigt.
Heidi und Beat:
Die beiden kennen sich erst seit ein paar Tagen. Wenn wir ungefähr unserem Gefühl für Zeit noch trauen können, müsste es der gleiche Zeitpunkt sein, an welchem wir unsere Odyssee begonnen haben. Sie haben sich, nachdem jeder schon mit seinen Freunden durch die Clubs von Zürich gezogen ist, irgendwann zu vorgerückter Stunde in einer Bar kennengelernt. Nachdem die Formalitäten, wie, wo kommst du her?, was machst du?, wie alt bist du?, was hast Du vorher gemacht?, was hast du noch vor zu machen?, bla bla bla, abgeklärt waren, tranken sie noch ein Gläschen zusammen und machten sich auf den Weg um noch eine andere Kneipe anzulaufen, die 24 Stunden rund um die Uhr geöffnet hat. Später sagte mir Heidi, dass sie am liebsten mit ihm sofort ins Bett gestiegen wäre, doch sie wollte ihn noch ein bisschen zappeln lassen, von wegen anständigem Mädchen und so.
Nachdem sie in der Bar noch ein fröhliches Zigarettchen geraucht hatten, machten sie sich mit dem Taxi auf den
Weg zu Beat. Sie kamen sich dann noch sehr nahe und schliefen ein.
Aufgewacht sind beide mit einem sackschweren Kopf. Er hat ungefähr ausgesehen wie ich. Überhaupt, die Situation muss ähnlich gewesen sein. Nur hatte Beat den Schrumpfmann nachhause geschickt, damit Heidi keinen Grund zur Klage hat.
Auch sie waren anfangs ziemlich verdutzt keinen mehr anzutreffen, schoben das ganze aber zuerst auf das Gras, von dessen „klärender“ Wirkung sie zuerst angetan waren, kamen aber dann doch auf den Trichter, dass irgendwie der Wurm drin ist.
Als ihnen nichts mehr einfiel, wen sie denn noch versuchen könnten zu erreichen, beschlossen sie noch ein Wenig zur Inhalation zu besorgen. Das ging auch für kurze Zeit sehr gut an. Sie trödelten mit Rauchwolken blasen und Sekt trinken durch den Tag. Ein kleines Küsschen hier, ein kleines Bettlakenzerknüllen dort, ein wenig sinnieren danach. Ein schöne Zeit, wie sie meinten.
„Es kamen Hände aus der Wand. Sie griffen nach mir. An der Decke klebte Heidi. Auch aus ihren Körperöffnungen kamen Hände. Ich lag auf dem Bett und starrte zur Decke. Meine Augenlider waren durchsichtig. Ich wollte nichts von alledem sehen. Ich zog die Decke über mein Gesicht. Das Bettzeug war durchsichtig. Statt Gänsedaunen war es mit kleinen Teufeln gefüllt, die mir alle ihre Hände entgegenstreckten. Ich musste aufs Klo, meine Blase war zum bersten gefüllt. Ich wollte aufstehen. Eine kleine Teufelshand hielt meine Genitalien. Ich wurde wach und stand auf. Mein erster Tritt ging ins Leere. Ich klammerte mich an den Rand des Bettes, von unten kamen Klauen, ein Apfel pisste mir von der Bettkante ins Gesicht, ein Birne entleerte ihren Enddarm. Ein Schwein fuhr auf einem Motorrad an mir vorbei, furzte und fiel in das Nichts. Eine grüner Aal glitt in meinen Mund. Ich würgte, bekam keine Luft mehr. Vorbei....“
Beat war noch nicht ganz fertig mit seinen Ausführungen, da prustete Heidi schon los. Sie kugelte beinahe vor lachen.
„Ich war ja zu dem Zeitpunkt als ihr uns gefunden habt auch ziemlich Banane, und Dir..,“ sie wandte sich an Beat, „.. hab ich noch gesagt, dass Du bei den Kräutern bleiben sollst. Doch Du musstest ja noch ein paar Zutaten beimischen, oder habt ihr schon mal versucht, getrocknete Schuhcreme, Aspirin und Klebstoff zu rauchen?“
Auch Beat muss lachen:
„Nur noch Kräuter, ich schwör es, vielleicht ein geistiges Getränk dazu, aber sonst ist Äpfel.“
Die Dämmerung zieht auf. Wir haben am Zürichsee unser Lager aufgeschlagen. Beat und Heidi sind gerade dabei Besorgungen zu machen. Kräuter. Das Wohnmobil, welches sich die beiden besorgt haben steht mit unseren in Reih und Glied. Die zusätzlichen Verpflegungsrationen sind auf alle Fahrzeuge aufgeteilt. Stefan der Feuermeister bereitet gerade ein Grillfeuer. Aus der Anlage strömt leise Musik. Ein wunderschöner Abend.
Beat meinte, wenn er schon als Kräuterbote unterwegs sei, müsse Dies schon Klischeehaft erfolgen und ist mit Heidi kurzerhand mit einem Ferrari, der so vor einer Bank rumstand davongeschossen. Das Wohnmobil haben wir mit an den See genommen. Mit dem was die beiden von ihrer Exkursion mitbringen, könnte man den ganzen Vatikanstaat zu ausschweifenden Orgien bewegen.
„Sicher ist sicher.“, Beat krümelt gerade so vor sich hin.
„Amateur“, grinst Christian, verschwindet hinten im Wohnmobil und kommt mit ein paar nicht gerade schönen, aber durchaus tauglichen Wasserpfeifen zurück.
„Woher?“ ,Jessie meint, dass Christian doch die ganze Zeit in Ihrer Nähe gewesen sei.
„Hab ich schon in München besorgt, wie Beat schon sagte – sicher ist sicher – und nachdem wir sowieso auf dem Weg nach Zürich waren und ich schon demöfteren auf der Streetparade, dachte ich mir vielleicht treffen wir dort noch auf ein oder zwei Kollegen, die ich schon öfters besucht habe. Doch damit war es ja wohl nichts.
Wie sagt man doch: Der König ist tot, es lebe der König“, mit blubbern zieht er an der Pfeife und prostet Beat zu.
„Wer sagt, dass alle tot sind?“ Sophie meldet sich nach langem wieder zu Wort.
„Aber wo sind sie hin?“, erst nachdem Heidi und Beat aus ihrem mehrtägigen, seligen Dämmerzustand erwacht sind, stellt sich ihnen diese Frage.
Wir versuchen einen Zusammenhang zu rekonstruieren. Warum die beiden, warum wir, warum keine anderen, warum sind wir zehn die Einzigen, die weit und breit die Einzigen Menschen zu sein scheinen?
Szenario 1:
Nachdem ein böser Bube die Weltherrschaft erringen wollte und James Bond gerade keine Zeit zur Rettung der Erde hatte, beschloss dieser, von seinem Stützpunkt irgendwo auf den südlichen Antillen, die Muskeln seines Atomprogramms spielen zu lassen. Doch wie sich herausstellte, waren seine Techniker, die er teuer überall anheuerte doch nicht so ausgeschlafen wie er dachte. Die Zutaten zum Nuklearmix wurden vertauscht, falsche Chemikalien dazugegeben, andere vergessen und Puff... unter Nebel verschwand die Menschheit von der Eroberfläche.
Szenario 2:
Es gab einen neuen Chemieriesen, einen Gigakonzern. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte er es geschafft die großen Unternehmen der Welt auf seine Seite zu ziehen. Die Konzerne witterten das große Geld.
Es wurde ein riesiges multinationales Forschungslabor geschaffen. Standort irgendwo, wo es keinen interessiert. Die Koryphäen der Wissenschaft und vor allem die Macht- und Geldgeilsten hatten ihr El Dorado gefunden. Sie zerlegten die das Erbgut, sie schufen neue, tödliche Viren für die Militärs dieser Welt. Sogar aus dem NASA-Archiv wurden einige Meteoritenstaubkörner zur Schaffung von neuartigen Kolibakterien gemopst. Einige hatten bei einer kleinen Forscherei nach dem Frühstück herausgefunden wie man AIDS und Krebs bekämpfen kann und schlugen vor dies zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Sie verschwanden. Einige ihrer Vorgesetzten vertraten eher den Standpunkt, dass sie vom Weg abgewichen waren und somit den Versuchslabors zur Verfügung stehen sollten.
Nach einiger Zeit der wissenschaftlichen „Alles ist Machbar“ Erkundigungen, hat Prof. Dr. Dr. Wasweißich beim Füttern seiner Liebschlange versehentlich das Reagenzglas umgestoßen. Ein Nebel.. die Menschheit verschwand vom Globus.
Szenario 3:
Jehovas Zeugen hatten recht.
Szenario 4:
Die Strategie der Aliens: Schöner Planet. Schöne Aussicht auf die Milchstraße. Die Menschen sind nur irgendwie hinderlich. Also, weg damit. Nebel.. und Zisch.
Szenario 5:
Die Anzeichen waren da. Krieg, Umweltzerstörung, Hass. Wahrscheinlich nicht ganz genau die Vorboten der Apokalypse. Doch irgendwie ähnlich. Gott saß also so auf seinem Stuhl und hat uns eine Weile beobachtet.
Er sprach noch zu Petrus und Jesus: „Die da unten gehen mir schön langsam ganz gewaltig auf den Sack.“
„Sind doch auch nur Menschen.“, meinte Jesus.
„Ja, nimm sie nur in Schutz, warst ja selber mal einer.“, Gott ließ abwertend seine Nasenflügel beben.
„Du wolltest es doch so.“, erwiderte Jesus
„Ja damals.“
„Wie damals?“
„Ist doch logisch, damals gab es ungefähr 50 Millionen von denen und ich dachte, denen werden wir schon zeigen wo der Most gemacht wird. Schau einer wie du hat doch so eine geringe Zahl dieser Wesen im Griff. Ein Gerücht hier, ein kleines Wunder da, eine Auferstehung dort.. und nicht vergessen.. Himmelfahrt da standen sie früher drauf.“
„Ja, und?“
„Ja und heute wollen sie selber zum Himmel fahren, wollen nach den Sternen greifen, wollen ein Leben vor dem Tod, wollen Glück, Reichtum und das alles bevor sie gestorben sind.“
„Chef?“, Petrus meldete sich ziemlich kleinlaut hinter einer Wolke. „Lass sie doch einfach.“
Gott nahm einen weiteren Becher ewigen Lebens zu sich, schleuderte einen kleine Blitz gen Petrus, ließ sich in seinen Sessel fallen und atmete tief durch.
„Tut mir leid, wollte Dich nicht verletzten.“ Entschuldigte er sich.
„Hast eh verfehlt Chef“
„Aber im Ernst, irgendwie muss ich doch zeigen wer der Herr im Haus ist, die lachen mich ja mit der Zeit aus.“
„Chef, hast schon mal darüber nachgedacht, dass, wenn Du sie vernichtest keiner mehr da sein wird, dem Du den Chef machen kannst?“, gibt Petrus zu bedenken.
„Und ich häng wieder zwischendrin.“, Jesus ist sich seiner Zwischenposition bewusst.
„Moment mal Jungs, also ich bin Gott, ich kann sie ja mal eine Zeit verschwinden lassen und wenn mir fad wird schaffe ich sie einfach neu.“
Der Vorschlag Gottes wurde einstimmig angenommen. Zwar hatte der heilige Geist noch so seine Zweifel, doch nachdem er nur ein Geist war, wurde wie es meist so abläuft, er einfach ignoriert.
„Wo keine Menschen, braucht es auch keine Geister.“, meinte Gott. Dies sah auch der heilige Geist ein und freute sich schon auf ein ausgedehntes Nickerchen.
„Also gut“, meint Karin. „Wir haben jetzt alle möglich Szenarien durchgesprochen. Doch ist Euch schon aufgefallen, dass, auch wenn eines davon zutreffend wäre, es immer noch nicht erklärt, warum gerade wir noch auf dem Planeten sind?“
„Nööhhh.“
„Wer ewig trinkt, der ewig währt.“ Stefan hat manchmal richtig lyrische Momente.
„Auch wer raucht, ist nicht verkehrt.“ auch Heidi hat Lyrik.
„Und wer nichts wird, wird Wirt.“,alle schauen Christian verständnislos an.
„Wollte ja nur Michael zuvorkommen“, kommt es kleinlaut von ihm zurück.
„Ich bin ehemalige Klosterschülerin.“ hab ich von Sophie auch noch nicht gewusst. Jessie nickt beiläufig.
„Also was ist wahrscheinlich, Atombombe? So blöd sind nicht die größten Schurken. Gigakonzern? hätte man bemerkt. Jehovas? Bis auf das klingeln Sonntags um halb sieben? Harmlos. Aliens, na ja. Wir machen ein kleines Brainstorming. Wir nehmen an, Gott hat über uns geurteilt. Wir verteilen Rollen.“
Mike = Gott
Vera = Maria
Stefan = Petrus
Karin = Maria Magdalena
Beat = Jesus
Heidi = bleibt Heidi
Jessie = Mutter Theresa
Christian = Der ungläubige Thomas
Sophie = mein Engel
Gott: „ Vernichtung über die Menschheit.“
Petrus: „Über mich auch?“
Jesus:“ Meine Mutter ist auch ein Mensch.“
Mutter Theresa: „Auch Hindus sind Menschen.“
Mein Engel: „Ja, ja Klugmensch.“
Maria Magdalena: „Wer zahlt schafft an.“
Maria: „Friede sei mit euch.“
Heidi: „Leckt mich.“
Der ungläubige Thomas: „ Der Scheiß ist nicht zu glauben.“
Mit dem himmlischen Brainstorming kommen wir auch nicht weiter. Wir beschließen besser ein Bier zu trinken. Calanda oder so ähnlich heißt das beste Bier in der Schweiz. Hat übrigens Beat noch aus dem Sheraton mitgenommen.
Wo ist der Zusammenhang, wo ist der geistige Orgasmus, wo ist einfach die Lösung unserer Fragen?
Wir sind also wieder am Anfang. Vielleicht ein kleines Stückchen weiter. Angenommen, eines unserer Szenarien träfe zu, was zwar komisch, aber doch anhand der Tatsachen irgendwie zutreffend wäre. Angenommen wir sind wirklich die einzigen, die, was weiß der Geier, irgendwie einer Katastrophe ausgekommen sind. Warum gerade wir? Wir beschließen für den Moment mal die Sache auf sich beruhen zu lassen und einfach das Leben zu genießen.
„Ich wollte schon immer mal Schlossbesitzer sein und den teuren Weinkeller plündern.“, Stefan ist wieder voll da.
Der Lagerplatz ist schnell aufgeräumt. Die Vorräte reichen bis zum Renteneintrittsalter. Die Handys sind an den Ladestationen, feine Sache die Steckdose im Auto. Die Tanks gefüllt und mittlerweile wehen an allen Gefährten die Fahnen sämtlicher Nationen, die wir bei einem Zwischenstopp in Genf kurzerhand am UNO-Gebäude abgeschraubt haben.
Genf liegt schon lange hinter uns. Wir tuckern gemütlich durch das Loire-Tal. Schlösser-Suche.
Ich habe keine Ahnung, wo genau sich die noch bewohnten Schlösser befinden. Wie wir alle annehmen, dürften zur Zeit alle leer stehen und nur darauf warten, dass die edlen Tropfen Abnehmer finden. Es stellt sich heraus, dass noch keiner von uns je in dieser Gegend war. Man hat eben nur schon mal davon gehört, was für ein herrliches Fleckchen Erde dies sein soll, und ehrlich, wir sind absolut begeistert. Richtig romantisch, verträumt und überhaupt mal was ganz anderes als das was wir sonst so auf unseren Ferienreisen zu sehen bekommen haben. Wenn man nämlich so wie wir aus dem Voralpengebiet stammt, zieht es einen doch meist ans Meer. Beim Zusammenzählen der jeweiligen Urlaubregionen bemerken wir, dass wir gemeinsam schon die ganze Welt gesehen haben. „Tja, Live is a beach“, weiß Christian zu berichten.
“Das ist es.” Jessie ist ganz aufgeregt.
„Wo denn?“ ich höre Karin aus dem Funkgerät brüllen.
„Da unten links, ca. 300 Meter vor uns.“
In der Tat, es liegt wunderschön direkt am Fluss inmitten einer wunderschönen Parkanlage. Es stehen auch etliche Nobelkarossen vor der Tür. Wenn wir Glück haben, war vielleicht ein Gelage der Schönen und Reichen geplant. Ich träume schon vor mich hin. Die Kühlschränke voller Austern, ein gerade ausgenommenes Spanferkel, das nur darauf wartet einen Stock zu schlucken, ein offenes Feuer inmitten einer feudalen Fresshalle, einige Flaschen Champagner, edler Cognac und natürlich ein Weinkeller der auf Leerung wartet.
Es beginnt das, was wir im nachhinein immer gerne als eine neue Dimension von König Artus’ Tafelrunde, die Fortsetzung der Geschichte von Camelot bezeichnen, wenn es den Geschöpfen von Avalon genehm gewesen wäre.
Wir durchstreifen den gesamten Gebäudekomplex. Ich denke ich war ungefähr drei Stunden unterwegs, bis ich mich durch alle Gänge, Gewölbe und riesigen Parkanlagen wieder am vereinbarten Treffpunkt in der Empfangshalle eingefunden habe. Wie ich feststelle bin ich nicht der einzige der sich hier fast verirrt hatte. Nur Mike und Vera sitzen in riesigen Sesseln vor dem noch riesigeren Kamin, wo sie ein kleines Feuerchen entzündet haben.
„Wo sind die anderen?“, ich sehe mich immer noch beeindruckt in der mit Bildern irgendwelcher Ahnen behangenen Halle um.
„Also.“, Mike holt tief Luft. “Beat und Heidi hacken gerade Holz, anscheinend war das faule Herrschaftspack, das hier vor uns zugange war sich zu gut ein wenig mehr als das was vor dem Kamin bereit steht zu hacken. Karin ist mit Christian und Jessie in der Küche. Sie kontrollieren die noch verwertbaren Lebensmittel. Sophie habe ich zuletzt bei den Stallungen gesehen wie sie gerade die Pferde freiließ und Stefan, tja Stefan, keine Ahnung, den habe ich seit wir uns hier getrennt haben nicht mehr zu Gesicht bekommen.“
Auf dem Weg hierher haben wir etliche freilaufende Pferde, Kühe und auch einige Füchse und Rehe gesehen. Wir streiften auch ein oder zwei Bauernhöfe. Vielerorts waren die Tiere in einem wirklich bedauernswerten Zustand. Soweit es uns irgendwie möglich war haben wir sie alle aus ihren Stallungen, Pferchen und vor allem aus den Tiertransporten befreit. Es war ein Elend. Doch wir mussten weiter. Ich komme immer noch nicht ganz dahinter, wie der Zusammenhang zwischen – keine Autos auf den Straßen und den lebenden Tieren – herrührt.
„Was grübelst du schon wieder?“ Sophie kommt gerade herein.
„Ach nichts, ist nur so ein Hobby von mir.“
„Blöd rumstehen?“ meint Mike.
„Andere lümmeln sich eben lieber vor dem warmen Kamin, außerdem habe ich Hunger.“ Mike kann manchmal ein richtiger Nervarsch sein.
Obwohl wir schon mehrere Szenarien erkundet haben, bleiben doch noch viel mehr Fragen offen als mir lieb ist.
Zum Glück stellte die Küchenbrigade fest, dass wir an diesem Abend wirklich nicht an Hunger zu leiden haben. Wenn wir hierblieben, könnten wir gut und gerne drei Monate überleben ohne an unseren eigenen Vorräten auch nur ansatzweise zu knuspern. Nicht nur das jede Menge Gefrierhäuser bis obenhin gefüllt sind, sondern vielmehr hat es unser Gastgeber, unbekannterweise, auch nicht versäumt sich einen immensen Vorrat an Konserven und Trockenware anzulegen. Säckeweise Mehl, Hülsenfrüchte, Dörrpflaumen, in Weckgläsern eingemachte Antipasti und jede Menge Reis runden alles ab.
Als Stefan eintrifft sind wir schon am schmausen. Den Weinkeller hat jeder von uns entdeckt und sich auch genügend Flaschen des bevorzugten Weines mitgebracht. Doch er schafft es, noch einen draufzusetzen.
„Ratet mal wo ich herkomme?“ er ist zwar nicht voll, dennoch schon ganz gut angenebelt.
„Dem ewigen Leben entronnen?“ Sophie trinkt gerade ihr obligatorische Gläschen Dom Perignon nach jedem Bissen.
„Nein, Ihr schaut immer nur auf das Vordergründige, saufen, fressen, ficken. Ihr seht keine Zusammenhänge zwischen Ewigkeit und Wein, Wahrheit und Verdammnis oder so ähnlich. Zuerst dachte ich, ich betrete nur eine weitere Kammer des Weinkellers. Wirklich die edelsten Tropfen. Doch je mehr ich meine Schritte nach vorne lenkte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass es sich hierbei um was Besonders handeln muss. Ich ging also weiter, eine Treppe nach unten, noch mehr Weine, immer älter, ein Luke mit einem Schraubverschluss, wie bei einem U-Boot, eine Leiter nach unten. Ich kletterte weiter, hörte jemand röcheln oder bildete es mir ein. Als ich unten ankam, erkannte ich, dass es sich hier um einen Atomschutzbunker handeln muss. Ich kam mir vor wie im Führerbunker.
Neonlichter an der Decke, endlose Gänge, hier und da weitere Röcheleinheiten. Ich betrat eine Kammer. Gut dass ich eine Taschenlampe dabei hatte. Überall waren Särge, eine Hand griff nach mir..“ Stefan schläft ein.
Die Wahrheit ist, dass sich der Schlossherr wirklich einen Atomschutzkeller gebaut hatte, den besten Wein darin gebunkert und seine Ahnen darin aufgebahrt. Die Hand war ein Nagel, woran er hängenblieb und für das Röcheln war niemand anderes als Stefan selbst verantwortlich, der einfach seinen aufgeregten Atem von den Maueren widerhallen hörte.
Christian hat es sich mittlerweile mit Jessie am Tafelende bequem gemacht, sich die Krone auf den Kopf gestülpt und macht mit einem Löffel den er gegen ein Weinglas klopft auf sich aufmerksam:
„Liebe Burgfräulein und Ritter.“ wir schauen uns verblüfft an.
„Also noch mal, liebe Fräulein, anwesende Adlige, Ritter und Hofnarren. Nachdem wir uns nun zu einem üppigen Mahle hier eingefunden haben, möchte ich nicht versäumen, dem vorherigen Herrscher über dieses Lehen unseren Dank auszusprechen.“ Allgemeiner Applaus, Gläser erheben, zuprosten, trinken, rülpsen.
„Wir sollten uns bei unserem Gelage, wenn wir schon in einem so feudalen Rahmen uns aufhalten dürfen, vielleicht jedem eine Rolle zuordnen.“ Keiner weiß so genau, was der Herr eigentlich meint.
„Ich meine, auf so einem Schloss hatte in früheren Jahrhunderten jeder seine ganz bestimmte Aufgabe bei Hofe zu erfüllen. Es gab den König, das ist falls es Ihr nicht wissen solltet, der mit der Krone auf dem Kopf.“ Dabei deutete er auf sich, um uns zu erkennen zu geben, was er meint.
Mit einem Kissenwurf vom anderen Ende der Tafel wird er kurzerhand von Mike seiner schweren Bürde des Staatsoberhauptes von der Gnaden befreit. Mit einem gezielten Wurf hatte er nicht nur die Krone von Christians Kopf heruntergeschossen, sondern auch den Herrscher in Spee gleich mit von seinem Sessel herunterkatapultiert, so dass dieser erst nach zehn Sekunden wieder zum Vorschein kam, seinen Kopf auf den Tisch legte und den Hofstaat um Enthauptung bat.
Wir mussten derart Lachen, dass gleich ein paar von uns auch von ihren Sitzgelegenheiten runterpolterten. Es sieht so ähnlich aus, wie wir uns als Kinder den Spaß machten, die Schildkröten, die man mindestens einmal im Leben zum Geburtstag geschenkt bekommt, auf den Rücken zu legen, um zu sehen wie lange es dauert, bis sie wieder von alleine auf die Füße kommen.
Christian’ s Vorschlag wurde einstimmig mit der Auflage abgelehnt, dass er nur wieder als Gleichgesinnter am Tisch platz nehmen darf, wenn er eine Runde Wodka Brause aus seinem Vorrat spendiert.
Christians Idee mit Rollenspiel vergangener Zeiten lässt mich nicht mehr los. Nachdem ich mich schon immer sehr für die Antike, vor allem der Römischen Geschichte, und den Sagen von König Artus, Robin Hood, dem Helden Siegfried und noch so ein paar Helden interessiert habe, liegt der Gedanke nahe, was wir machen würden, wenn der Spuk der letzten Tage einfach von einer Zeitverschiebung herrührt. Eine Reise durch die Geschichte. Wer weiß, vielleicht begegnen wir bald Neandertalern. Ich verwerfe diesen Gedanken ziemlich schnell, da wir immer noch auf Errungenschaften der modernen Technik zurückgreifen, die bekannterweise nicht mal die alten Römer ihr eigen nennen konnten. Doch was wäre wenn? Wie würden wir uns in einer Welt zurechtfinden, in welche, sagen wir mal ein paar Jahre vor Cäsars Ermordung, wir zurückversetzt würden? Wir wissen wie ein Auto funktioniert, Internet? keine Frage, aus welchen Bestandteilen Sprengstoff hergestellt wird, wie Strom produziert wird und auch die Zusammenhänge des Universums sind uns nicht fremd. Doch all unser Wissen stößt eine seine Grenzen, wenn einfach die Rohstoffe fehlen bzw. keiner weiß wie diese verarbeitet werden müssten, um sie uns nutzbar zu machen.
Ich grüble eine Weile vor mich hin.
„Hoch die Tassen.“, schreit Mike.
Ich trinke meinen Krug auf Ex und verfalle wieder der Vergangenheit.
„Was ist denn mit Dir los?“, schreit mir Sophie ins Ohr.
Allmählich hat das Gelage ibizenkische Dimensionen angenommen. Die Musik dröhnt mit intensiven Bässen durch die Halle. Die Beats haben mittlererweile gut und gerne 150 pro Minute erreicht und alle Zucken mehr oder weniger dem Rhythmus folgend.
„Keinen Bock zu tanzen?“, schreit Sophie noch mal.
„Mmhh?“, ich befinde mich gerade in meinen Gedanken auf dem Forum Romanum mit anderen Senatoren über die allgemeine Lage in Gallien plaudernd und nach Wegen suchend, wie der Feldzug Cäsars baldmöglichst zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden kann.
„Komm Du fauler Sack, denk nicht so viel und lass Deinen Kopfdruck beim tanzen ab.“, knufft mich Sophie in die Seite.
„Heureka!“ fährt es mir auf.
„Wie?“
„Ja verstehst du denn kein Griechisch Senator?“
Ich höre nur noch so etwas wie Idiot und sehe wie sie Beat hilft seine Tütchen ein wenig kürzer werden zu lassen.
Nachdem ich noch einen weiteren Humpen Wein auf ex geleert habe befinde ich mich wieder auf dem Forum. Druck, das ist es, und zeichne die Funktion einer Dampfmaschine in den Sand, die zur Vernichtung Alesias beitragen soll. Das einzige was ich mir vorstellen könnte auch zur damaligen Zeit zu bauen. Man stelle sich vor das Ding wäre schon 2000 Jahre früher in Betrieb genommen worden. Wo ständen wir jetzt?
„Jetzt sei kein Spielverderber, komm lass uns tanzen.“, Sophie und Karin zerren mich zu den anderen.
Wie bekannt, wurde Gallien erst zu einem späteren Zeitpunkt unterworfen, jedoch beschäftigt mich auch noch beim Tanzen, was wohl gewesen wäre, wenn Hannibal statt seiner Elefanten, nur die halbe Anzahl an Panzern gehabt hätte.
„Sag mal, du rauchst doch nicht seit neuestem?“, Christian zieht genussvoll an einer Wasserpfeife.
Anscheinend war ich so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht mal bemerkte, wie Beat und Heidi wie wild auf dem Fußboden an ihrer Kleidung rumwerkelten und nachdem sie eh schon nackt waren, gleich noch den Akt dort vollendeten.
„Mist“, gebe ich von mir.
„Das nächstemal, frage ich einfach, ob ich ein wenig mitarbeiten darf.“, meint Christian eher amüsiert als ernst zu nehmend.
Christian ist eigentlich hauptsächlich auf dunkelhäutige Frauen spezialisiert. In der Regel wird er schon spitz, wenn jemand meint, dass z.B. der „schwarze“ Toner gewechselt werden muss. Deswegen wundert es mich auch, dass er Jessie, so wie man es raushört, doch als sehr attraktiv betrachtet und sie sogar ganz gut leiden kann, obwohl sie doch eher als hellhäutig durchgehen würde. Wir reden noch ein wenig über diese Tatsache, dann versucht er seine Kippe lässig wegzuschnippen, welche auf seinem nackten Arm landet und ihn verbrennt. Er flucht ein wenig vor sich hin, schlingert zu Jessie, küsst sie, nimmt sie huckepack und verschwindet letztendlich in die oberen Gemächer ohne es zu versäumen nochmals mit einem ewigbreiten Grinsen zu mir zurückblicken.
Mittlerweile haben auch Karin, Vera, Sophie und Mike der Tanzfläche den Rücken gekehrt, sitzen am Tisch und japsen nach Luft. Die Musik ist wieder auf Zimmerlautstärke.
„Heh, wo bleibt der Sound?“, Stefan guckt uns aus mauskleinen Augen an.
„Na, wieder unter den Lebenden?“ ,Karin küsst ihn zärtlich auf seine verlängerte Stirn.
„Begrüßungsschluck gefällig?“, Mike reicht ihm ein Glas Cognac.
„Und wo bleibt der Espresso, damit ich wieder richtig los legen kann?“ Stefan fehlt noch was zu wachwerden.
Er und auch alle anderen, die schon länger kenne, sind wie ich der Ansicht, dass diese ganzen Energy-Drinks aus viel zu viel Chemie bestehen. Der einzige Weg sich natürlich schnell aufzupuschen besteht aus der Mixtur Cognac und Espresso. Am besten im Mischungsverhältnis 1 : 1. Jeder Grün-Alternative wird uns sicher beipflichten. „Back to the roots“. Ökologisch Trinken oder Energie-Stricken wie wir es auch schon bezeichnet haben.
Superman hätte an mir seinen Meister gefunden. Ich flitze in die Küche und noch bevor Stefan sich kurz frisch machen hätte können, knie ich schon mit einem Tablett ECo, EspressoCognac, vor ihm:
„Hier Meister aller Meister, durchlauchter und ehrgebürtiger Abkömmling derer, die zueinst die Gewölbe durchforsteten, um zu finden den ewigen Schlafe, nachdem die Klauen des Todes ihm nichts anhaben konnten und welcher gefunden den Weg zurück in unsere Mitte.“
„Depp“, Stefan hat mich durchschaut und nimmt eine Tasse vom Tablett.
Auf Knien begebe ich mich zu den anderen und reiche jedem einen kleinen Muntermacher.
„Büttel, hat er nicht etwas vergessen?“, und nachdem Mike die letzte Tasse vom Tablett genommen hat, verpasst er mir noch einen angedeuteten Tritt in den Hintern.
Wir stoßen an. ECo wird immer in einem Zug getrunken. Deswegen auch das Mischungsverhältnis 1 : 1 sonst verbrennt man sich die Schnauze. Schnell eine Zigarette angezündet. Schmeckt mit dem noch frischen Cognac-Espresso-Geschmack im Mund einfach fantastisch.
„Rudlbums“, ist die Antwort von Mike als ich wissen wollte, was wir jetzt tun sollen.
„Ja, wenn der Rudl nichts dagegen hat“, überraschenderweise kennt auch Sophie diesen Insiderwitz.
„Es ist noch viel zu früh um ins Bett zu gehen“, meint Vera
„Wieso wie spät ist es denn“, Karin legt den Kopf in die Schulter und schaut auf Stefan.
„Es spielt doch keine Rolle, ich bin doch eh erst den Toten entronnen. Außerdem, wer muss denn morgen zum Arbeiten, und müde bin ich auch nicht.“
Ich stimme Stefan in jeder Hinsicht zu.
Mit Mike ist es so eine Sache, er bildet sich immer ein, dass nur das gemacht wird, was ihm gerade in den Kopf kommt, dass jeder, wenn er etwas will, genau zu diesem Zeitpunkt auf seiner Wellenlänge schwimmen muss.
Vera hat von allen die meiste Veränderung durchgemacht. Ich kannte sie noch vom Anfang ihre Beziehung von Mike. „Ja Mike, passt schon, was sollen wir tun usw.“ Sie hat Freunde gefunden, sei es bei der Arbeit, beim Sport oder auch nur weil sie ein „netter Kerl“ ist. Ich habe den Eindruck, sie liebt Mike wie am ersten Tag, doch hat sie erkannt, dass Liebe nicht nur daraus besteht, das zu tun was der Partner meint, was zu tun ist.
Mike nimmt sie an der Hand und gibt ihr einen Kuss auf die Backe:
„Komm, wir gehen nach oben.“
„Nein, ich möchte noch ein wenig Spaß haben und mit den andern irgendetwas verrücktes machen.“, bremst ihn Vera aus.
Mikes Schuss geht für ihn nach hinten los. Anstatt dass jeder und vor allem Vera ins Bett will, sind wir in richtig guter Partylaune, die sich auch Vera durch Mike nicht vermießen lassen will.
Er weiß was jeder denkt und einlenkenderweise schließt er sich unserem Streben nach Party an.
„Komm lass uns tanzen gehen.“, Sophie ist ein echtes Bewegungstalent.
Ohne zu bedenken, dass wahrscheinlich keine Disco geöffnet sein wird, schnappen wir uns einfach drei Luxuskarossen vor dem Haus und fahren in den nahegelegenen Ort.
Wir fahren eine dunkle Straße entlang. Die genaue Zeit ist uns eh abhanden gekommen. Als wir uns einem kleinen Nest nähern sehen wir wieder die Leuchtreklamen von den Bars und Restaurants vor uns aufleuchten.
Zeitschaltuhren. „Ich bewundere die Franzosen“, durchfährt es mich. Kein Schwein auf der Straße aber Essen und Trinken geht immer. Mit der Zeit freuen wir uns wirklich über noch so wenig Anzeichen von Zivilisation.
Es stellt sich heraus, dass dieses verträumte Dorf im Normalfall aus nicht mehr als aus 500 Einwohnern bestehen kann. Wenig Häuser, ein paar Herbergen, jedoch jede Menge an Nobelrestaurants.
„Guinness, ich sehe Guinness.“, brüllt Stefan in ein Funkgerät.
Er hält am Parkplatz vor dem Irish Pub. Er stürmt durch die nur angelehnte Eingangstür. Karin sperrt solange den Rolls ab.
Wir parken und schlendern gemütlich Stefan nachkommend in das Lokal.
Ein gutes Guinness dauert ungefähr zehn Minuten. Ein Pils sieben. Entweder waren wir sehr, sehr träge oder Stefan im wahrsten Sinne seiner Zeit voraus. Als wir das Lokal betreten, stehen sechs perfekt aussehende Bier auf dem Tresen. Er hat es sogar schon bewerkstelligt, dass die Initialen von jedem im Bierschaum vermerkt sind.
„Du hast doch gemogelt“, gebe ich zu bedenken.
„Jemand hat uns erwartet“, ich sehe wie Stefan die Sache langsam komisch vorkommt.
„Ich schwöre es euch, ich bin doch auch erst zwei Minuten vor Euch hier angekommen. Die Biere standen schon da. Und geht doch mal in die Küche „Irish Stew“ sechs Teller, genau Esswarm.“
„In einem irischen Pub gibt es nun mal Stew.“, gibt Karin zu bedenken.
Ich sehe wie auch sie ihr Stimme, trotz vorgebender Zuversicht, verliert.
„Ja verflucht noch mal, sieht das jetzt nach einer Einladung aus oder wie? Wir wollten tanzen gehen und das tun wir jetzt auch. Leckt mich doch am Arsch mit allen euren finsteren Gedanken. Habt Ihr schon mal was von Zufällen gehört? Wahrscheinlich steht der ganze Mist schon seit Tagen hier, reiner Zufall.“ Sophie hat insofern recht, dass man Essen zwar warm halten, jedoch nie über Tage den Schaum auf dem Bier beibehalten kann.
Ein Licht zischt draußen vor dem Pub vorbei.
„Sieht aus wie ein Truck.“, Mike hat seine Fassung wiedergefunden.
„Und wer sitzt drin?“ Vera ist auch noch da.
Irgendwann habe ich die Eigenschaft entwickelt, mir vorzumachen, dass ich das Leben liebe. Mitnichten ich liebe nicht das Leben, ich liebe das gute Leben, alles andere ist nur vegetieren. Ok, wer es so machen will.
Jenseitsfanatiker. Leben nach dem Tod. Verdammt lass uns vor dem Tod leben.
„Wach auf.“, ich höre Sophies Stimme in meine innere Gehirnwindungen dringen.
„Edel sei der Mensch hilfreich und gut“, ich zitiere Goethe.
„Du Doofsack, wer sitzt verdammt noch mal in diesem Truck?“
„Harry Potter vielleicht?“, ich kriege gerechterweise eine gescheuert, beziehe aber fälschlicherweise die Backpfeife auf mein Unwissen über Harry Potter, wo doch jeder weiß, dass er noch keine Führerschein hat und fast ausnahmslos auf dem Besen reitet. Als ich mir die Backe reibe und gerade keiner zuhört klärt mich Sophie auf:
„Weißt Du, warum ich Dir eine gelangt habe?“
„Na ja, ich denke, weil ich keine Ahnung von Harry Potter habe.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und kriege gleich noch mal eine. Allerdings sehe ich auch ihre Mundwinkel sich nach oben verziehen und ihre Augen haben ein kleines Funkeln:
„Ne mein großes Dummerchen, ist Dir eigentlich aufgefallen, dass, seit wir unterwegs sind, sich alles mehr oder weniger mit Feiern beschäftigt hat?“
„Ja, was hätten wir den sonst tun sollen, vielleicht in Trübsal verfallen und nach dem Nirvana suchen?“
„Du kapierst wieder mal gar nichts.“ Lächelt sie mich aufmunternd an.
„Ok, wir hätten auch an einem Platz bleiben können und unser Heil auf der spirituellen Ebene, Zarathustra nacheifernd auf einem hohen Berg suchen können. Vielleicht wären sogar noch ein paar Zeugen Jehovas hernieder aus dem Paradies geschritten, hätten uns ausgelacht, uns ihren Mittelfinger gezeigt und wären mit der Begründung, wir hätten nie den Wachturm gekauft, ohne uns mitzunehmen wieder durch die Himmelspforte entschwunden.“
Ich sehe wie Jessie....Jessie? gerade Guinness direkt aus dem Zapfhahn trinkt. Mike an der Musikbox ein paar weitere Titel wählt und Karin, nachdem sie zwei Whiskey getrunken hat schon munter auf dem Tresen tanzt.
„Haben wir Euch wenigstens einen gehörigen Schrecken eingejagt?“ Christian kommt gerade mit zwei Tellern Stew aus der Küche.
„Als wir oben waren, haben wir erst mal ein Pfeifchen geraucht und dachten, dass wir den Sex auch auf später verschieben können. Euch ist ja beim Wegfahren nicht mal aufgefallen, das ein Truck fehlt. Wie gesagt, wir haben uns schon gedacht.. Guinness.. Stefan und Michael?, Dinge die sich wie Magneten anziehen. Tja, ich muss schon sagen, das war den Spaß wert, wobei ich doch ein wenig enttäuscht bin, dass Ihr so gar nicht auf uns sauer seid.“
Sophie holt noch mal aus. Diesmal war ich schneller ich kriege sie am Arm zu fassen und drücke ihr einen langen, langen Kuss auf die Lippen.
„Genau das ist es.“, sie schaut mir tief in die Augen. „Wir sind die ganze Zeit nur am feiern, essen...
„Vergiss mir ja das trinken nicht“, füge ich hinzu. ....ja genau trinken“ Sophie hat wieder das Wort übernommen.
„Ich meine wir kennen uns ja noch nicht so lange und wie Du sicherlich bemerkt hast kann ich auch einiges vertragen, feiere gerne mit dir und den anderen, tanze gerne, vom guten Essen ganz zu schweigen. Weißt du eigentlich, dass du ein ganz lieber Kerl bist. du hast so viele gute Seiten und Eigenschaften. Nur wenn Du zuviel getrunken hast, schläfst du einfach weg und der Abend ist für dich gelaufen.“
„War doch nur ein oder zweimal.“, versuche ich mich rauszureden.
„Ja schon, aber auch wenn Du nicht schläfst hab ich nicht soviel von dir. du hast immer was mit jemanden zu besprechen. Wenn du und Stefan im Gespräch vertieft seid und ihr kurz danach wieder Eure Lachanfälle kriegt, was ich ja Euch von Herzen gönne, verstehe ich meist nur Bahnhof und komm mir irgendwie überflüssig vor.“
So hab ich das noch nie gesehen, ich will gerade antworten als sie fortfährt.
„Weißt du?“, sie zögert kurz
„Weißt Du, Du redest wirklich viel Blödsinn und ich selber habe oft schon schallend darüber gelacht. Nur musste ich dir eine kleben, damit du vielleicht auch mal mit mir über was ernstes, ehrliches sprichst. Und..
und vielleicht gerade deshalb weil du irgendwie doch über alles lachen kannst, obwohl ich weiß, dass du tief in dir drin auch mal ernsthaft nachdenkst, ich .. ich denke ich habe mich in dich verliebt.“
„Und ich dachte schon Du wolltest mir das Trinken verbieten oder die Biervorräte sind sauer geworden.“
Autsch, die hat wirklich gesessen und war die verdienteste Ohrfeige die ich je eingefahren habe.
Ich drücke sie ganz fest an mich. Ich spüre ihren Atem an meinem Ohr, sie zittert ein wenig. Ein kleines zerbrechliches Kind, auf sich gestellt in einer völlig absurden Welt. Ich beschließe sie nie wieder loszulassen.
„Ich hatte immer das Gefühl, du gehst mir eher aus dem Weg. Ich wusste nicht wie ich mich dir gegenüber verhalten soll, vor allem, nachdem ich ja bei unserem kennenlernen mich ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe. Ich war immer nur damit beschäftigt mich für Vergangenes zu schämen und mein schlechtes Gewissen blockte mich immer, wenn ich dir sagen wollte, was ich für dich empfinde. Abgewiesen zu werden, ausgelacht zu werden, damit komme ich nicht klar. Vielleicht ist meine vorgegebene Gleichmütigkeit mein ganz privater Atomschutzbunker, meine Baumhütte, meine Höhle. Hier kommt niemand rein. Aber noch viel schlimmer ich kam nie raus. Mir geht es schon seit dem ersten gemeinsamem Morgen so. Ich hatte das Gefühl dich schon zu kennen, vielleicht aus meinen Träumen oder Sehnsüchten. Es ist komisch. Zuerst musste dieser Planet menschenleer sein, damit ich dich finden konnte.“ Es brach einfach aus mir heraus. Ich hatte das Gefühl, ihr alles sagen zu können und doch, eine kleine Ruine meines Bunkers steht noch um frei zu sein. Ich hoffe ich habe nicht zu dick aufgetragen. Sie küsst meine Augen, streicht mir über das Gesicht und küsst mich. Der Bunker zerbröselt zu Staub, die Baumhütte – von Termiten zerfressen, die Höhle stürzt ein. Ich bin frei und glücklich.
Die Sonne blinzelt gerade über den östlichen Horizont. Die Vögel, meine Vögel, singen schon ihr erstes Morgenlied. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in so einem feudalen Zimmer aufgewacht zu sein. Sophie liegt noch schlafend neben mir. „Mein Gott ist sie schön, wie ein Engel“, durchfährt es mich. Ohne sie zu wecken schnuppere ich noch mal an ihren Haaren, küsse sie auf den Nacken und schleiche mich hinunter in die Küche, um sie mit einem ausgiebigen Frühstück zu überraschen.
In der Küche treffe ich Beat, der gerade versucht einen Frühstückspfannenkuchen für Heidi zu bereiten. Mit einem Kräuterzigarettchen im Mund, in der einen Hand einen Schneebesen in der anderen eine Rührschüssel, tanzt er, einer imaginären Musikquelle lauschend, durch die Küche.
„Irre Show gestern“, füge ich meinem „ Guten Morgen“ hinzu.
„Hat es euch gefallen?“, gibt er grinsend zurück.
„War jedenfalls sehr prickelnd, wenn man von Deiner Bremsspur in der liegengebliebenen Unterhose mal absieht?“ Beat hatte gestern überhaupt keinen Slip getragen, ich will nur wissen wie weit er sich überhaupt erinnern kann.
„Ehrlich, scheiße an die U-Hose habe ich überhaupt nicht mehr gedacht, liegt die wirklich noch in der Halle herum?“, frägt er mich peinlich berührt.
„Ich denke schon, kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sie der Hausmeister weggeräumt oder das Zimmermädchen sich was zum schnüffeln mitgenommen hat.“
Er flitzt aus der Küche, um sich auf „Brems“-spurensuche zu begeben. Nachdem gestern sowieso keiner mehr ans aufräumen dachte, wird es ein Weilchen dauern, bis ihm eventuell einfällt, dass er nie Slips trägt.
Ich vollende die Pfannkuchen, bereite Kaffee, netterweise sind ein paar Brötchen und Croissants auch schon aufgebacken und die Frühstückseier schon zum Kochen gebracht, pflücke ein paar Blümchen vom Fenstersims, alles auf ein großes Tablett und ohne dass er mich bemerkt, schleiche ich mich diebisch durch die Halle an ihm vorbei, um Sophie zu wecken. Eben als ich über die Galerie in den Gang der Gästezimmer entschwinden will, zischt ein abgenagter Knochen von unserem Abendmahl haarscharf an mir vorbei.
„Meinst du vielleicht ich sollte meine Qualmerei ein wenig einstellen, wenn das so weiter geht vergesse ich eines Tages sogar, wie man mit einer Frau schläft.“ Er lacht, schüttelt den Kopf und klopft sich mit der flachen Hand an die Stirn.
„Ach wo, solange du so super Frühstück zaubern kannst. Außerdem wie du dich gestern angestellt hast, ist sowieso nicht mehr viel von Deinen Erinnerungen vorhanden.“, lache ich zurück.
Gerade noch rechtzeitig kann ich ins Schlafzimmer verschwinden, bevor eine Salatschüssel am oberen Treppenabsatz einschlägt.
Gerade als Sophie und ich wieder ein bisschen eingeschlafen sind, hören wir quietschende Reifen, Hupen und voll aufgedrehte Autostereoanlagen. Wie es scheint lässt mit der Zeit auch unser Denkvermögen ein wenig zu wünschen übrig. Obwohl wir uns gestern ziemlich schnell von den restlichen Guinnesstrinkern verabschiedet hatten, ist es uns noch nicht in den Sinn gekommen, jemanden zu vermissen. Wie es scheint hat das Guinness und der gute irische Whiskey bis zum Morgen beste Dienste geleistet. Karin’ s Rolls gleicht im vorderen Bereich einer Ziehharmonika. Christian holpert mit dem Truck gerade über den Zierbrunnen der Auffahrt. Als sie aussteigen schwenkt jeder ein irisches Fähnchen und Stefan schleppt mit Mike noch ein Fässchen Guinness zum Eingang. Ich gehe Ihnen entgegen, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ein Keck Fass ohne Zapfanlage ziemlich wertlos sein kann. Bevor jedoch mein lästern weitergeht, kommen mir schon Vera und Mike mit einer kleinen Zapfanlage entgegen.
„Die Gasflasche steht noch im Truck.“, Mike weiß was ich denke.
„Wir haben die Christopher Street Day gefeiert.“, lallt Karin. „Oder war es vielleicht St’ Patricks Day? Ist ja auch egal, jetzt machen wir jedenfalls Guinness-Frühstück.“
„Ja gebt ihr denn nie Ruhe.“, brüllt Heidi aus dem Fenster. Hinter ihr erscheint Beat, deutet einen Akt an, winkt uns mit einer Hand herunter und gibt mit der anderen Heidi ein kleines Pfeifchen nach vorne.
„Sie hat sich noch nicht ganz erholt.“, er blickt zu mir „Ich habe mich gegenüber gestern um 120% verbessert.“
Ein sympathischer Sprücheklopfer.
„120% von Nichts ist Null.“, lacht Heidi herunter. „Zapft mal an wir machen uns nur noch frisch, sind gleich da.“
Frischmachen ist keine schlechte Idee. Ich watschle wieder nach oben, um zu sehen wie weit Sophie schon mit der Morgentoilette gekommen ist. Sie schläft. Als ich sie so daliegen sehe, verzichte auf Guinness und lege mich zu ihr.
Ein paar Stunden später sind wir frisch geduscht, neu eingekleidet und beschließen einen Blick auf die Guinness-Fraktion zu werfen. Nur Beat und Heidi.
„Wo sind die anderen?“, frage ich.
Heidi erklärt mir, dass Christian ziemlich geil war und nachdem er und Jessie den Sex schon gestern ausfallen ließen, schnappten sie sich eine Flasche Schampus und haben sich in den Wellnessbereich verkrümmelt.
Karin und Stefan seien die Treppe hinaufgekrochen und Vera diskutiert noch mit Mike in der Küche.
„Bei allen“, gibt sie zu bedenken, „wird es wohl bis morgen andauern, ehe sie wieder ihren Normalzustand erreicht haben werden.“
Am nächsten Morgen sitzen einige noch immer ziemlich verkatert am Frühstückstisch.
Wir räumen unser Schloss, ohne zu versäumen einige dieser fantastischen Flaschen Rotwein noch als kleine Wegzehrung einzupacken. Wir verlassen das Tal der Loire und steuern durch das Rhonetal Richtung Lyon. An einer Autobahnraststätte diskutieren wir, ob wir direkt über Montpellier an die spanische Grenze wollen oder ob wir noch einige Nobelherbergen an der Cote Azur mit unserem Besuch beglücken. Monaco, Cannes und Saint Tropez liegen praktisch zu unseren Füßen. Da jedoch unser Französisch nicht mal ausreicht um nach dem Weg zur nächsten Toilette zu fragen, unser Spanisch und Englisch demgegenüber schon viel mehr ausgeprägt ist, fahren wir direkt Richtung Montpellier und erreichen kurz danach die Grenze zu Spanien.
Als wir in der Höhe von Girona eine Pinkelpause einlegen und uns unter der Mittagssonne ein eisgekühltes Weizen einschenken fragen wir uns, wieso wir eigentlich die Sprache zu unserem ausschlaggebenden Argument für Spanien gemacht haben. Mittlerweile haben sich unsere Illusionen soweit verflüchtigt, dass keiner mehr annimmt, je einen anderen Menschen als einen aus unserer Gruppe anzutreffen.
„Security goes four“, ich hatte Vera vergessen, sie spricht bei weitem besser Russisch als Englisch.
„Aufsitzen“, ruft Mike, der schon seit unserer Abfahrt die Führung des Konvois übernommen hat.
Wir folgen ihm blind. Das heißt fast blind, denn zu meinem Erstaunen funktionieren selbst die Navigationssysteme noch einwandfrei. Jeder weiß wo wir uns gerade befinden. Mike arbeitete einige Zeit als Monteur für eine große Firma in ganz Europa. Er ist, oder besser er war überall mehr zuhause als zuhause. Ich kann mir denken welches Ziel er ansteuert. Vor geraumer Zeit verbrachten wir ein oder zwei Urlaube dort. Er hat ein gutes Gespür. Wenn es irgendwo noch Gleichgesinnte, allerdings 12 Jahre jünger, in dieser Gegend geben sollte, dann hier. Ein Ort, in welchem die 18jährigen alt sind. Trinken das Ziel des Daseins ist. Sex, Suff und Sonnenbrand einfach dazugehören. Und nachdem wir eigentlich seit damals nie älter geworden sind, gehören wir hierhin. Lloret de Mar. Das letzte mal war ich hier mit 21. Ich fühlte mich dermaßen deplaziert, das ich schon nach 6 Tagen per Anhalter wieder nachhause gestoppt bin.
Die Fahrt hierher dauerte mit angenehmen Unterbrechungen nicht mehr als drei Tage. Wir ließen uns wirklich Zeit. Ein Weinchen hier, ein Pfeifchen dort. Wir sind ausgeruht, richtig entspannt. Wir kennen unsere Ängste und Zuversichten, wir haben getrunken und geliebt, gestritten und versöhnt. Wir sind ein Team. Fast nichts ist mehr fremd. Jeder kennt fast alle Eigenheiten des anderen. Wir fühlen uns wie Musketiere. Einer für alle, alle für einen.
Mike stoppt am oberen Kanal, unweit der Strandpromenade. Ich bin froh, dass wir hier mitten in der Nacht, nach Zeitrechnung Tag X ca. um 21.30 Uhr hier eintreffen. Die Zeitschaltuhren funktionieren auch hier prächtig.
Soweit ich aus meiner Erinnerung weiß, gleicht es hier am Tage eher dem Mond nach der ersten Kolonialisierung durch die Menschheit. Der Parkplatz ist ziemlich gut belegt. Hat jedoch keine Aussagekraft, da alle Parkplätze, die wir sahen, gut belegt waren. Wahrscheinlich hat auch hier der Nebel am Wochenende zugeschlagen. Die Straßen sind wie überall menschenleer.
„Londoner?“, meint Mike nachdem wir alle ausgestiegen sind.
„Bumpers?“, schlägt Christian vor.
„Moef GaGa?“, habe ich in angenehmer Erinnerung.
Erst jetzt fällt mir auf, dass wir die einzigen von unserer Truppe sind, die hier ihre Jugendurlaube verbrachten. Die anderen sind erst nach und nach dem etwas anderen Leben verfallen.
Die Frauen übernehmen die Leitung des Zuges. Heidi war schon mal in Calella, einem unmittelbar angrenzenden Ort. Sie schreitet voran. Wenn Sie nicht gerade ein Weizen in der Hand hätte und gerade an Christians Chic ziehen würde, könnte man sie gut als Anführerin des Amazonenheeres durchgehen lassen.
Wir begeben uns in die innere Fußgängerzone. Es hat sich nicht viel verändert.
Nach 200 Metern schallt es uns entgegen. „TNT“
Wir sind ca. 50 m von der gleichnamigen Bar entfernt. Auf dem Vorhof kotzen gerade ein Engländer, ein Holländer und ein Deutscher um die Wette, alle ungefähr um die 20.
„Das ist das erstemal, dass ich in den letzten drei Tagen zum 2. Mal glücklich bin.“ Heidi lässt das Weizen fallen und stürmt auf die Jungs zu, steckt sich den Finger in den Mund und versucht solidarisch mitzuwürgen.
Wir hetzen hinterher. Verdammt Menschen, zwar randvoll, aber Menschen.
„Nur ein Wetttrinken“, sagt David, der kleine Engländer als wir alle vor dem Kotzgelage stehen.
Wir sehen ihn fragend an und als ob er unsere Gedanken lesen könnte fährt er fort:
„Wir nehmen jeder eine Kiste Bier hierher und machen einen sogenannten Coopertest. Wer zuerst nach dem wenigsten kotzt hat verloren – oder besser gesagt, wir trinken etappenweise, 10-minutenweise, wer in dieser Zeit mehr schafft hat gewonnen.“
Ernst, der Deutsche, liegt mittlererweile am Boden und japst nach Luft.
„Ich heiße Jan.“, auch ein netter Kerl dieser Holländer.
Ich gehe in die Kneipe, rappelvoll. Leute aller Nationalitäten und Alterklassen tummeln sich auf der Tanzfläche oder am Tresen. Sehr laute Rockmusik hallt aus den überdimensionierten Boxen. Nicht das neue Zeug, guter alter 70er und 80er Rock. Einige Luftgitarrenspieler knien auf der Bar. Headbanger strecken ihre Finger zum V in die Luft. In den Ecken wird reichlich geknutscht. Als ich die Toilette betrete kommt mir gerade ein Pärchen Klamotten zurechtzupfend entgegen. Ich schlendere an die Bar um mir ein San Miguel geben zu lassen.
Als ich zahlen möchte, höre ich nur „Bottleparty“ ich soll das nächstemal einfach auch was mitbringen. Wunderbar, das kalte Bier rinnt wie Balsam durch die Kehle. Gerade als ich zum zweiten Schluck ansetzen will, betreten die anderen die Bar. Ernst, gestützt von Christian und Stefan, wird auf einen Sessel verfrachtet. Jan und David sind noch relativ gut in Schuss. Wir betreiben ein wenig Smalltalk. Plötzlich verstummt die Musik. Alle Scheinwerfer brennen auf hellster Stufe. Der DJ macht eine Ansage:
„Überlebensrunde!“
Dutzende von Tabletts werden durchgereicht und jeder schnappt sich eins von den nur aus einer Sorte bestehenden Getränken. „Wodka-Brause“
Ich sehe in den Augen unserer Gruppe nur Fragezeichen. Aber was soll’s. Wodka geht immer. Wir prosten dem ganzen Lokal zu. Wir müssen mehr über diese Zeremonie herausbekommen. Während unsere Damen die Stellung im TNT halten, machen Beat, Stefan, Christian, Mike und ich uns auf den Weg um einige Kisten Weizen in das Lokal zu schaffen. Als wir nach einer Stunde wiederkommen fährt mich Sophie an:
„Wo ward ihr denn solange, der Weg zum Konvoi beträgt kaum zehn Minuten?“
„Ja hin schon, doch Du darfst nicht vergessen, dass wir eine Kette bilden mussten, so das immer zwischen zwei von uns eine Kiste Weizen mitgeschleppt werden konnte. Außerdem kannst Du nicht verlangen, dass wir so eine Strecke ohne Pause absolvieren können. Um uns nicht überzustrapazieren beschlossen wir in vier Teiletappen die Strecke anzugehen, um die Gelenke zu schonen.“, gebe ich zu bedenken.
„Ich hätte es wissen müssen.“, Sophie schüttelt verständnislos den Kopf „Aber eins musst Du mir noch erklären. Wenn ihr eine Kette mit fünf Leuten bildet und zwischendrin ist jeweils eine Kiste, dann müssen es doch vier Kisten sein, doch soweit ich sehe habt Ihr nur drei mitgebracht.“
„Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts durch zu große Anstrengung.“, lacht Beat aus dem Hintergrund.
Heidi schüttet ihm ein Bier über den Kopf.
„Innerlich, nicht äußerlich“, versuche ich zu erklären.
Jetzt sehe ich auch aus wie ein begossener Pudel.
Christian, Stefan und Mike kommen auch nicht besser weg. Wie es scheint mangelt es Frauen manchmal an Verständnis, was schwere Arbeit wirklich bedeutet.
Nachdem wir uns wieder abgetrocknet haben, schnappen wir uns aus dem Café nebenan einige Tische und stellen sie auf die Straße. Mit Jan, David und den drei Kisten sitzen wir unter den Sternen und lassen die beiden erklären:
„Wisst Ihr, eigentlich ist das TNT so was wie ein Trinker-Kibbuz. Ich bin vor ca. drei Wochen mit ein paar Freunden mit dem Bus hier angekommen. Ihr kennt ja den Tagesablauf hier. Die ganze Nacht feiern, lange schlafen und nach dem verspäteten Frühstück ab an den Strand. Wir waren zu dritt. Jeden Abend Party bis zum umfallen. Wodka-Brause trinken bis sich die Magenschleimhaut kringelt. Weiber aufreißen und wenn möglich abschleppen. Die ersten Tage waren wir immer gemeinsam unterwegs, dann hat sich Steven in eine aus der Nähe von Stuttgart verguckt. Wir, Take und ich, haben ihn dann nur noch ab und zu am Strand händchenhaltend und verliebt rumspazieren sehen. Er war auch nur noch ab und zu bei uns im Hotel und nach besagter Nebelnacht haben wir ihn ganz aus den Augen verloren. Take ist übrigens mit noch ein paar anderen Holländern auch jeden Abend hier beim abtrinken.“, Jan wirkt fast ein wenig nachdenklich.
David hingegen schnappt sich ein Weizen und ergänzt ein wenig:
„Mir ging es ähnlich. Nach jener Nacht war ich der einzige von all den Leuten, mit welchen ich angekommen bin hier in Lloret. Ich durchstreifte die Straßen, der einzige Platz wo noch Leute anzutreffen waren – das TNT -.
Anfangs waren es vielleicht 15-20. Mit den Tagen wurden es dann ein paar mehr. So wie ihr es jetzt seht besteht es ungefähr seit einer Woche. Seit dieser Zeit ist auch keiner, außer euch, mehr hinzugekommen. Wir haben natürlich zu rekonstruieren versucht, was geschehen ist. Nach ein paar Tagen hatten wir den Durchbruch. Jeder von uns hat ziemlich exakt zur selben Zeit an jenem Tag Wodka-Brause getrunken. Daher trinken wir jetzt jeden Tag so ungefähr zur gleichen Zeit eine Überlebensrunde. Keiner ist sich sicher ob es was bringt, jedoch sind die meisten der Ansicht, dass es keinesfalls schaden kann.“, David schnappt sich noch ein Weizen.
Es stellt sich heraus, dass auch wir zur selben Zeit Wodka-Brause getrunken haben. Wenn sich die Theorie des Trinker-Kibbuz als richtig erweist, gibt es nur noch die Menschen, die an jenem Tag, genau zur gleichen Sekunde Wodka in sich reingeschüttet haben. Eine Stunde hat 3600 Sekunden, ein Tag 86400, Die Erde hat ca. fünf Milliarden Einwohner. Ich kenne schon verdammt wenig, die überhaupt Wodka-Brause trinken, dass es andere genau in dieser eine Sekunde taten gilt schon als sehr unwahrscheinlich. Angenommen jeder 1000. Erdbewohner hätte an diesem Tag Wodka-Brause getrunken, wären es 5 Millionen Leute. Jedoch bei einer Wahrscheinlichkeit von 1: 86400 Sekunden an diesem Tag blieben genau 57,87 Menschen weltweit übrig. Das ist ein bisschen weniger als sich hier im TNT aufhalten. Zum Glück gibt es doch noch mehr Trinker als ich errechnet habe. Ich sehe schon die Schlagzeile in Bild, wenn es sie noch gäbe. „Wodka rettet Menschheit“ oder „Trinken erhält Leben“ oder „Tod durch Abstinenz“. Das mit den Zahlen verwirrt mich noch ein wenig ich hake bei Jan nach:
„Sag mal, wo kommen den die Leute überall her und in welchen Zeiträumen sind sie hier angekommen?“
„Schwer zu sagen, wie David schon sagte, waren es anfangs ungefähr 15 oder so. Die waren alle im Urlaub hier, jetzt fällt es mir erst auf, alle waren auch an jenem Tag im TNT und einer schmiss eine Runde Wodka-Brause. Da hab ich auch David und Ernst kennengelernt. Der Rest kam dann tageweise nach. Immer in Gruppen von zwei bis ungefähr sechs oder acht Personen. Einige sind aus Dänemark, andere aus Österreich, die vier hübschen Mädels, vielleicht hast Du sie schon gesehen, kommen aus Italien. Es sind noch ein paar Länder vertreten, doch ich kann Dir momentan nicht sagen welche.“
„Und wie versteht Ihr Euren Kibbuz?“, interessiert mich brennend.
„Nun ganz einfach. So wie es heute hier abgeht machen wir seit jenem Tag jeden Abend Party. Jeden Abend ist eine andere Truppe dran, das Personal zu stellen. Sie besorgen die Getränke, machen den Service, spülen, räumen auf und schauen, dass alles wie in einer normalen Kneipe seinen Gang nimmt.“
„Gibt es denn da keine Reibereien, von wegen einige wollen nicht arbeiten und sich vor allem Drücken?“, frage ich nach.
„Im Gegenteil“, erklärt mir David „Jeder ist schon immer ganz wild drauf den Abend auszurichten, weil mittlerweile schon ein richtiger Wettbewerb entstanden ist, wer die beste Party ausrichten kann und den Laden am besten schmeißt.“
„Und was macht Ihr so tagsüber?“ will ich noch wissen.
„Nun, wie Ihr sicherlich schon bemerkt habt, sind unsere Partys kein Kindergeburtstag. Somit verbringen die Meisten den Vormittag damit, sich von Ihren Wehwehchen zu erholen. Ich habe mir angewöhnt, so gegen Mittag ein Reparierbier zu trinken, um den Kater ein wenig abzuschwächen. Wenn unsere Gruppe dran ist mit der abendlichen Party, treffen wir uns meist so am späten Nachmittag, um „Einkäufe“ zu erledigen. Hier ist es wie im Schlaraffenland. Lloret ist bzw. war jeden Abend auf ca. 50.000 Partyleute ausgerichtet und ungefähr genauso viele Übernachtungsgäste. Die Supermärkte sind voll, die Kühl- und Gefrierhäuser der Hotels bis obenhin gefüllt, von den Bier und Schnapsvorräten in den unzähligen Pubs und Discos ganz zu schweigen.
Wir sind ja nun schon eine zeitlang am feiern, dennoch haben wir bei unserer Vorratsbeschaffung noch nicht einmal auf ein anderes Hotel als unseres zugreifen müssen. Und hier gibt es wirklich einige. Wenn wir nicht gerade am vorbereiten sind, hängen wir meist am Strand rum. Irgendwie hat sich so eine tägliche Strandparty mit Sunset-Chill eingebürgert. Alles total zwanglos. Wer Lust hat kommt, wer nicht, wird schon etwas anderes zu tun haben. Tagsüber und auch am Strand ist Selbstversorgung angesagt. Wir wohnen auch nicht im gleichen Hotel. Jeder dort wo es ihm gefällt. Einige haben sich ins Hinterland verzogen. Andere sich in ein paar Luxushotels einquartiert. Eine Gruppe verbringt Montag bis Freitag in Barcelona. Wie sie sagten, brauchen sie einfach das Stadtleben, solche Spinner. Doch am Wochenende hauen sie sich hier die Rübe voll, wobei sie jedes Mal auch eine Party mit Neuheiten aus der Stadt ausrichten. An sich machen sie auch nichts anderes als wir. Doch wir geben uns jedes mal wieder erstaunt, wie toll sie sich doch vorbereitet haben.“
„Kein schlechtes Leben“, Beat hebt anerkennend seinen rechen Daumen und zündet sich ein paar Kräuter an.
David öffnet sich sein mittlerweile fünftes Weizen und heißt uns nochmals ein mit ins TNT zu kommen, damit er uns gebührend in die „Szene“ einführen kann. Als wir eintreten hat die Anzahl der Aufrechtstehenden schon merklich nachgelassen. Dennoch bedeutet es hier anscheinend nicht, dass die Party schon zuende wäre, vielmehr wird einfach am Boden oder auf einem Sofa liegend lustig weitergeschluckt.
„Ich bin müde, war ein langer Tag.“, meint Sophie.
„Ja lass uns gehen.“, schließt sich Jessie an.
Nachdem wir alle im TNT eingeladen haben, morgen auf unsere Party zu kommen, gehen wir zurück zum Konvoi und legen uns schlafen.
Ich verbringe eine unruhige Nacht. Die Uhr zeigt ca. 0.30 Uhr als wir uns in den hinteren Bereich des Wohnmobils zurückziehen. Die Betten hatten wir morgens schon frisch überzogen. Wir haben zwar eine Waschmaschine samt Trockner an Bord, doch haben wir uns auf dem Weg hierher immer wieder mit neuer Kleidung und Bettwäsche eingedeckt, so dass wir uns waschen und bügeln schenken können. Sophie kommt gerade aus der Küche und bringt uns noch zwei Gläser Rotwein als kleinen Schlummertrunk. Der ganze Tag war so überladen mit Neuigkeiten und Veränderungen, dass wir das Trinken fast ganz und gar vergessen haben.
„Auf uns“, sie prostet mir zu.
„Salut dinero y amor“, gebe ich zurück.
„Mir gehen einige Sachen nicht aus dem Kopf.“, Sophie sieht sehr nachdenklich aus.
„Ist dir aufgefallen, dass, obwohl die meisten schon mindestens zwei Wochen hier sind, doch alle ziemlich blass aussehen? Also ich wenn hier wäre, würde ich doch die meiste Zeit am Meer oder zumindest im Freien verbringen, ins Hinterland fahren, Jet-Ski fahren oder weiß der Geier sonst irgendetwas tun. Bevor du anfängst...
ich weiß, du hast auch nichts gegen feiern, doch bei allem was Du mir erzählt hast, würdest sogar Du einen Tag am Meer einem Tag bei heruntergelassenen Rolläden, schwitzend im Zimmer, vorziehen. Für mich sind das alles ziemlich verkommene Gestalten. Trinken und Feiern ist eine Sache, Pillen und Spritzen eine andere. Ich weiß ja nicht wie es im Männerklo ausgesehen hat, doch im Damenklo, in den Bindenabfalleimern lagen einige Kanülen herum. Außerdem habe ich beobachtet, dass fast jeder Zweite in der Kneipe auf Speed war. Wenn ich bedenke, dass eine Gruppe jeden Tag die Hütte wieder auf Vordermann bringt und ich an die Anzahl der Spritzen in den Eimern denke, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Da drin war irgendwie eine schaurige Stimmung. Alle abgestumpft. Klar, Fummeln und Tanzen, jedoch hast du da drin jemand lachen gesehen, geschweige denn ein Unterhaltung beobachtet. Nur Stumpfsinn. Alle Regungen ausgeschaltet. Grundbedürfnisse bestimmen das handeln. Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung ohne Sinn, ohne Genuss, ohne Gefühl. Nur noch Instinkte und Fleisch, Körper ohne Seele, Hüllen ohne Inhalt. Ich glaube die einzigen „Normalen“ sind David, Jan und Ernst und vielleicht noch ein paar andere, wie die Italienerinnen zum Beispiel. Sicherlich, Du wirst Dich jetzt fragen, wie ich gerade auf die drei Jungs komme. Sie hatten wenigstens ein bisschen Farbe im Gesicht und waren nicht direkt in der Bar als wir angekommen sind. Auch die Tatsache, dass sie sich das Bier mit nach draußen nahmen hebt sie von den anderen ab. Mir tun sie irgendwie leid. Mir kommt es so vor, als ob sie die einzigen wären, die sich positiv von den anderen abkapseln. Sicherlich, sie sind hier und verbringen doch irgendwie die Zeit mit den anderen, doch nicht um derentwillen, vielmehr glaube ich, dass sie auf der Suche sind oder hier einfach abwarten. Sie sehen wahrscheinlich hier einen Treffpunkt, die letzte Enklave der Menschheit, der Gedanke lautet: „Wenn wir noch andere treffen, dann hier.“ Vielleicht haben sie ihre Freundinnen verloren, falls sie welche hatten. Abi hinter sich, Studium vor sich – das ganze Leben. Wir sind vielleicht in diesen Bereichen schon viel zu abgestumpft, außerdem haben wir uns.“
„Ja, wir haben uns.“, ich drücke sie an mich.
Erst jetzt wird mir klar, wie recht sie hat, sei es in Bezug auf uns oder auf das TNT.
Ich lege meinen Kopf auf ihren Bauch und schließe die Augen, sie streichelt mein Gesicht
„Gute Nacht Wochenendtrinker.“
„Gute Nacht Klosterfrau.“
Ich sehe auf den Wecker. 02.30 Uhr. Mit dem Kopf befinde ich mich am Fußende des Bettes. Ich habe Durst und gehe an den Kühlschrank um mir ein Wasser zu holen. Ich kenne unruhigen Schlaf, doch mit dem Kopf am Fußende bin ich noch nie aufgewacht. Sophies Worte kreisen durch meine Gedanken. Ich trinke mein Wasser stelle die Flasche neben das Bett und versuche wieder einzuschlafen. Ich starre an die Decke, drehe mich von links nach rechts, schließe die Augen, öffne sie wieder, kuschle mich an Sophie, trinke noch einen Schluck Wasser. 03.30 Uhr. Ich weiß nicht ob ich geschlafen habe, geträumt oder nur wachsinniert. Entweder bin ich immer noch wach oder schon wieder aufgewacht. Sophie schläft trotz meiner Wälzerei immer noch. Mir geht es einfach nicht aus dem Kopf. Wieso sollten sich hier nur die Kaputten treffen? Ich habe den Laden in guter Erinnerung, immer Party und genügend Frauen. Ich schleiche mich aus dem Wohnmobil, ein bisschen frische Luft, ein paar Schritte und hoffen, dass sich das Sandmännchen meiner erbarmt. Indianergleich haben wir auf dem Parkplatz mit den Wohnmobilien einen Kreis gebildet und die Vorräte in die Mitte gestellt. Gerade als ich die zweite Runde um unser Wigwamdorf drehe kommt mir Vera entgegen.
„Kannst Du auch nicht schlafen?“, frage ich.
„Nee“, lautet ihre Antwort. „Hatte eine nicht zufriedenstellende Diskussion mit Mike.“
„Schlimm?“
„Nein, das nicht, brauchte nur ein bisschen frische Luft, war ein wenig stickig da drin.“, sie deutet mit dem Daumen hinter sich auf deren Bleibe.
Ich will nicht weiter fragen. Vielleicht können wir uns gegenseitig helfen. Ich erkläre ihr Sophies Gedanken und dass ich gerade deswegen kein Auge zubekomme. Erstaunlicherweise hatte sie dieses Thema auch bei Mike angeschnitten. Er verstand nicht, was sie meinte, wahrscheinlich halluziniere sie und trinkt einfach zu viel, außerdem sei das deren Problem, Hauptsache Party. Wir begeben uns zu Mike und erläutern noch mal die Erlebnisse. Nach einiger Zeit kommen wir überein; Vera und ich begeben uns noch mal ins TNT um die Lage zu sondieren und er bleibt solange bei Sophie. Ich bin froh, dass wir uns geeinigt haben. Sophie alleine in dieser Kiste und keiner der ihr im Notfall beisteht. Vielleicht übertriebene Vorsicht. Ist ja keiner da, doch wer weiß wie sich manche verhalten, wenn sie vollgepumpt bis oben auf dem Nachhauseweg sind.
Um den Schein zu wahren schlendern wir volltrunken vorgebend in die Bar. Es sind ungefähr zwei oder drei Stunden vergangen, als wir sie verlassen hatten. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten schon jenseits der Schmerzgrenze.
Als wir eintreten öffnet sich ein riesengroßes Loch. Der Laden ist noch zu einem Drittel gefüllt, die Junkies.
Alle völlig weggetreten. Koks liegt auf Spiegeln. Es macht sich keiner mehr die Mühe irgendwelches Spritzbesteck wegzuräumen. Kopulierende Körper. Schwitzende Gestalten. Eingefallene Gesichter. Sophie hatte recht. Leere Hüllen.
„Auch nen Schuss?“, der Barkeeper, welcher mir anfangs so überaus freundlich das Bier in die Hand drückte, schaut uns schmierig hinter der Theke entgegen.
„Klar gib her.“, kommt es spontan aus mir. Vera knufft mich in die Seite und flüstert mir ein schnelles „Spinnst du.“ ins Ohr. „Will wissen was hier abgeht.“, flüstere ich leise zurück.
Er schiebt mir das Besteck entgegen und ich begebe mich damit zur Toilette um vorzutäuschen mir dort die Spritze zu setzen. Als ich wieder den Barraum betrete unterhält er sich gerade mit Vera. Er versucht sie anzubaggern und prahlt:
„Weißt du, diese Gestalten die hier rumhängen sind wirklich alle zum kotzen. Sie sind der Abschaum. Ich habe vor dem Verschwinden der Menschheit die ganze Costa Brava mit Stoff versorgt und massig Kohle eingesackt.
In einer angrenzenden Bucht liegt noch meine Yacht. Ich würde Dich gerne mal auf eine Spritztour mitnehmen. Du fragst Dich sicher, nachdem Geld wertlos geworden ist, warum ich immer noch für Stoff sorge. Ziemlich einfach. Alle die hier noch rumhängen sind so was wie meine persönlichen Sklaven. Sie brauchen jeden Tag ihren Stoff oder eine Prise weißes Pulver. Sie tun alles um wieder auf den Trip zu kommen. Sie lecken mir die Füße oder Küssen mir den Hintern. Ich bin ihr Gott. Es die absolute Macht. Willst Du meine Göttin werden und mit mir gemeinsam über alle herrschen?“
Das gehörte reicht mir. Vorgebend dass ich unbedingt nachhause muss, schnappe ich mir Vera und wir gehen wieder zurück zum Lager.
„Und jetzt?“, Christian schaut beim morgendlichen Frühstück fragend in die Runde.
Sophie ergreift das Wort:
„Wir können mit Sicherheit hier keine Suchtberatungsstelle eröffnen, doch ich finde wir sollten retten, was noch zu retten ist. Also schlage ich vor, dass drei Leute hier bleiben um unseren Aufbruch vorzubereiten. Einige sollten nach den Jungs gucken, damit wir sie von hier wegbringen können. Vorausgesetzt mein Instinkt hat mich nicht verlassen und sie sind damit einverstanden und weil wir es gestern ja groß versprochen haben, rüsten wir das TNT noch mit Getränken aus und machen alles für eine Party bereit. Wir geben einfach vor, nichts mitbekommen zu haben, schreiben einen Zettel, wünschen viel Spaß und erklären, dass wir uns als nächstes Italien anschauen wollen, um einen Giro de Grappa zu veranstalten. Somit haben sie uns alle in guter Erinnerung und wir unsere Ruhe. Anstatt nach Italien fahren wir einfach mal nach Andalusien ich habe schon richtig Appetit wenn ich an leckeren Serranoschinken und Sherry aus uralten Fässern denke.“
Vorschlag angenommen.
Wir treffen Ernst, David und Jan als sie sich gerade an der Strandpromenade ein Mittagsbierchen genehmigen.
„Warum nicht, hier ist sowieso alles so eingefahren.“, meint Jan nachdem wir ihnen unseren Vorschlag mitgeteilt haben. „Aber die Italienerinnen müssen mit.“, fügt David hinzu.
„Uns soll’s recht sein, wenn Ihr Euch 3 : 4 zutraut und das konditionell durchhaltet.“, und mit dem Hinweis, dass er auch eine übernehmen würde, grinst Christian den Dreien aufmunternd zu.
In Barcelona fällt der Abschied von den Sieben herzlich aus. Sie bedanken sich noch mal bei uns, dass wir sie auf die Idee des Nomadentums gebracht haben und nachdem auch sie nun mit Vorräten, Wohnmobilen und Trucks ausgestattet sind, tauschen wir unsere Nummern und Mailadressen, beschließen in Kontakt zu bleiben und winken ihrer Kolonne nach als sie uns mit Ziel Griechenland verlassen und hinter einer Straßenecke verschwinden.
Mit einigen angenehmen kulinarischen Unterbrechungen u.a. in Valencia, Granada, Ronda und Malaga erreichen wir nach ungefähr einer Woche Marbella. Wir sitzen gerade am glamourösen Yachthafen und betrachten uns bei ein paar Fläschchen Champagner die umliegenden Luxusboote. Quartier haben wir mittlerweile in einer der pompösen Villen irgendeines Araberscheichs bezogen. Wir genießen jeden Tag indem wir uns frischen Fisch und Meeresfrüchte zubereiten, die Christian und Mike immer beim Angeln vom Steg herausziehen. Karin zeigt den Damen unserer Runde immer wieder neue Köstlichkeiten und Rezepte, die sie uns auf den Tisch zaubern. Ich kümmere mich mit Beat um die Getränkevorräte und Stefan betätigt sich als „Neuigkeitenscout“ wie er sagt. Er verbringt die meiste Zeit oberhalb des Hafens mit einer Kiste Weizen bewaffnet und beobachtet mit einem Himmelsteleskop das Meer. Die Schranken, die bisher immer die Zufahrt zu den teuersten Yachten versperrten haben wir abmontiert, um zu vermeiden, dass wir eines der schönen Autos demolieren die wir uns geliehen haben. Auf diese Idee kam Karin als sie von der Villa mit einem Ferrari in der Dämmerung ohne Licht um die Ecke schoss und nur um haaresbreite der Enthauptung durch eine heruntergelassene Schranke entging.
„Ihr Idioten“, bemerkt Stefan als er sich gerade bei einem Weizen eine Pause von der Meeresbeobachtung und Nachschubholung gönnt.
„Was denn? Wir sitzen doch gemütlich wie jeden Tag hier und warten auf das was der Abend auf den Tisch bringt?“ Christian hatte heute mit Mike einen sehr guten Fang und wartet wie wir anderen auch, was wir wohl zubereitet bekommen werden.
„Habt ihr denn nicht gewusst, dass ich einen Segelschein habe und in Navigation und allem was dazugehört sehr bewandert bin? Muss ich denn an alles Denken? Ich beobachte den ganzen Tag das Meer und zermartere mir den Kopf wie wir vielleicht was anderes machen könnten und keinem kommt es in den Sinn, dass ich ein Spitzensegler bin. Also ehrlich, wenn ich nicht wüsste was ich weiß, wo kämen wir dann hin?“
Jessie prustet Ihren Wein heraus: „Was Du kannst segeln?“
„Ja kann er, er hat sogar eine Nussschale von Italien nach Thailand gebracht.“, ziemlich betreten blickt Karin in die Runde.
Ich wusste es auch. Doch der Gedanke kam mir nie in den Kopf. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich zweimal mit ihm von Phuket nach Malaysia gesegelt bin und jedes Mal kurz vor dem Tode stand. Seekrank.
„Ja verflucht“, Jessie hakt nach. „Dann wäre es doch ein einfaches für dich ein Boot zu schnappen und einfach über die Meere zu schippern?“
Stefan nickt, hebt sein Weizen und meint, dass Kapitän Ahab gegen ihn ein richtiges Weichei gewesen wäre und dass überhaupt auch Käptn Nemo zuerst Segler war, der nur das Geschaukel oberhalb der Wasseroberfläche nicht vertragen hat.
„Aber wohin könnten wir denn eine Tour unternehmen?“ frägt Sophie
„Malle“, Jessie und Christian sprechen aus einem Munde.
Die meisten sind diesem Gedanken nicht abgeneigt. Denn wenn es noch etwas gäbe, das die Trinker dieser Erde mehr als Lloret de Mar bündelt dann ist es Arenal zumindest hier in Europa. Sicherlich, es gibt noch Magaluf, ein oder zwei griechisch Inseln und natürlich das Oktoberfest, doch dafür befinden wir uns in der falschen Jahreszeit. Vielleicht ist ja doch etwas Wahres an der Geschichte mit dem Wodka Brause und abgesehen davon, dass Mallorca ein Insel ist und schwer zu erreichen, könnte es ja dennoch sein, hier einige Menschen, trotz der verschwindend geringen Chance des eventuellen Wodka-Brause-Rettungszeitpunkts anzutreffen.
Wir diskutieren die Frage, ob wir alle unsere Vorräte mitnehmen oder sie einfach verstecken, wenn wir uns auf die Reise begeben.
Mike bringt es dann irgendwann auf den Punkt:
„Schaut doch mal, wenn wir jetzt nach Mallorca fahren, gibt es mit Sicherheit auch alles was wir hier haben.“
„Weizen auch.? Stefan hat noch seine Zweifel.
Mike weiß ihn zu beruhigen:
„Klar ich war schon ein paar Mal dort. Es gibt alles, was das geschundene Trinkerherz begehrt. Ich glaube sogar zu wissen, dass dort Weizen irgendwo in Lizenz produziert wird.“
Ich sehe Stefan aufatmen. Der Entschluss wird gefasst nach Mallorca zu fahren.
Wir haben unsere Probleme das passende Schiff für uns zu finden. Einige wollen eine romantische Segeltour, andere wollen gleich mit einer Fähre von Valencia losfahren um möglichst viel mitnehmen zu können.
Wir einigen uns darauf eine der Luxusyachten hier aus Marbella zu nehmen, diese mit möglichst viel zu beladen, unsere Trucks zu verstecken und einfach mal loszugurken.
Trainingscamp für Segler die Riesenyachten steuern wollen:
Glücklicherweise begannen Stefan, der Kapitän und Jessie, der technische Offizier alleine auf einer 25 – Meter Yacht. Jessie schaffte es die Maschine in Gang zu bringen und Stefan hatte auch schon den Kurs berechnet. Alles bereit. Wir anderen waren noch ein wenig skeptisch und haben beschlossen die Szenerie in sicherem Abstand mit Bier, Wein und kleinen Häppchen zu beobachten. Das Signalhorn ertönte. Rumms. Volltreffer. Der kleine Segler nebenan beginnt zu sinken. Tosender Applaus von unseren Tischen, die wir direkt vor dem Schiff platziert haben. An den Tischen heben sich die Gläser. Stefan winkt uns über die Reling. Er entschuldigt sich damit, dass er dem technischen Offizier das Steuer übergeben hätte.
„So ein Depp“, Jessie winkt auch. „Ich dachte er wäre am Steuer.“
„Kapitänsempfang“, Stefan schwingt ein Weizen vor unseren Nasen.
Nächster Versuch. Die Kaimauer war stärker als das Schiff. Vorne befindet sich eine Riesendelle. Neues Boot.
Jessie ist ein technisches Genie. Kurz nachdem sie und Stefan auf die nächste Yacht gepilgert sind, dröhnen die Motoren. Diesmal winkt uns Stefan aus dem Führerstand. Weizen bei Fuß. Rumms.
„Tut mir leid, falscher Gang, ich glaube die Schraube ist im Arsch.“, erklärt er uns als er wieder von Bord klettert. Jessie ist am verzweifeln:
„Da hilft der beste Mechaniker nichts, wenn der Kapitän nicht den Unterschied von Bug und Heck kennt.“
„Was sollen wir erst sagen.“, Beat gibt sich entrüstet. „Kaum haben wir es uns mit allem genau vor euch bequem gemacht, dann müssen wir schon wieder die Tische, Getränke und Häppchen verrutschen, um euch überhaupt folgen zu können. Ihr zwei schafft es wirklich ein 10-Millonen Euro Schiff schneller zu zerstören als wir fähig sind ein Glas auf Ex auszutrinken.“
„Ist nicht wahr.“ Stefan zieht an. „Nur fünf Sekunden und das Weizen ist leer. Zum Zerstören brauchten wir immerhin 5 Minuten.“
Nochmals Applaus.
Schön langsam wird es eng. Nachdem Stefan und Jessie, zwar mit immerwährenden Fortschritten, noch einige Boote zu klump gefahren haben, bleiben nur noch 30 oder 40 übrig.
Ich habe wirklich meine Zweifel. Gesunder Zweckpessimismus.
Nach ungefähr 15 - 20 Tischverschiebungen und noch vielmehr gerammten und versunkenen Booten sehen wir ein Schiff aus dem Hafen fahren, eine Weile überhaupt nichts und dann eine wiederkehrende 60-Meter-Yacht.
„Auftanken“, befiehlt der Kapitän. „Heute Abend laufen wir aus.“
Jessie und Stefan steuern noch mal die Zapfsäule des Hafens an.
Das Schiff ist vollgetankt. Die Menge langt ungefähr für eine Fahrt in die Karibik. Doch nachdem auch wir durch diese ungeheure Prozedur ein wenig müde sind, die Offizierserfolge feiern und dieses Schiff noch beladen müssen, stechen wir drei Tage später Richtung Mallorca in See.
Wir machen uns nicht die Mühe den Hafen von Palma de Mallorca anzulaufen. Direkt am Strand der Playa de Palma machen wir Stopp. Ich weiß noch bei unserem Törn in Thailand hatten wir ein Dingi. Hier haben wir Schnellboote, die wir nur abseilen müssen. Christian, Jessie, Stefan und Karin bleiben an Bord. Wie sie meinen sei dies sehr uneigennützig. Jedoch ist mir nicht entgangen, dass sich in der Kapitänskajüte ungefähr 20 Kisten Weizen befinden, die Stefan dort gebunkert hat.
Wir anderen erreichen den Strand am Ballermann 6. Leer. Es ist ungefähr 16.00 Uhr nachmittags. Das gleiche Bild wie überall. Die Autos stehen auf den Parkplätzen nur für uns gemacht. Ich will zum Bierkönig.
Tote Hose. Die Zapfanlage funktioniert. Schönes KöPi als erstes. Ich hatte den Gedanken, dass es mittlerweile ziemlich schal in den Fässern liegen muss. Es schmeckt frisch. Eines auf die Schnelle zur Stärkung, danach begebe ich mich auf die Suche zur Bierkühlung. Im Keller werde ich fündig. Ein Paradies. KöPi in 50ern, 100ern und 200 Liter Fässern. Ich lege mir ein 50er auf die Schulter und schleppe es die Treppe hoch, an der Zapfanlage noch ein Schnelles zur Stärkung. Mit lautem Geschepper schlendere ich wieder, das Fass vor mir herrollend, Richtung Ballermann.
„Die Mühe hättest Du Dir sparen können.“, Beat zapft gerade eine Runde Pils für alle.
„Ich will aber KöPi, wenn ich schon mal hier bin.“ Hurtig klemme ich ein Fass ab und hänge mein persönliches Bier an die Leitung.
„Wenn Du ganz lieb bitte, bitte sagst bekommst Du ein frisch gezapftes Pils von mir.“, Beat hat mich schon fünf Minuten beobachtet, wie ich mich abmühe mein Privatpils schaumfrei zu bekommen, doch bei dem Geschüttle den ganzen weg herunter vom Bierkönig, kann das noch Stunden dauern. Mein Durst zwingt mich zur Aufgabe.
„Bitte, bitte Bier“, ich gebe mich geschlagen.
„Geht doch.“, unter schallendem Gelächter der ganzen Truppe, reicht mir Beat endlich einen kühlen Schluck und ich setze mich zu den anderen, um zu beobachten, wie gerade die „Schiffswache“ mit einem anderen Schnellboot am Strand anlegt und uns entgegentorkelt. Wunderschön geht die Sonne am Horizont unter und verdampft zischend im Meer. Die Abenddämmerung legt sich gerade über Arenal und wir beziehen, nachdem wir uns in den umliegenden Boutiquen mit Abendgarderobe eingedeckt haben, Quartier in einem der bezugsfertigen Hotels. Nach dem üblichen Abendessen in einem der umliegenden Restaurants, schalten wir im Bierkönig die Scheinwerfer an, drehen die Musik auf und lassen das Bier in die Eimer plätschern.
Gegen Mitternacht beginnt es zu regnen und mit dem Hinweis, dass im Riu-Palace eh noch der Hund begraben liegt, schlägt Mike vor mal im Oberbayern vorbeizuschauen.
Laute Musik dröhnt uns schon am oberen Ende der Treppe entgegen, die den Zugang zum Kellereingang freigibt. Wie es mir scheint haben wir noch nicht genug intus, um die Stimme von Jürgen Drews und Co. zu ertragen. Doch die Aussicht auf Leute zu treffen lässt uns ein Weilchen verharren und Mike erklärt sich bereit, mal nachzusehen wen wir hier wohl antreffen werden. Er verschwindet hinter der Eingangstür. 30 Sekunden später stürmt er wieder die Treppe zu uns herauf.
„Außerirdische“, flüstert er
Ich gebe ja zu, dass die Gestalten, die sich da unten sonst immer mit ihren Lederhosen und Bierkrugmützen aufhalten, aussehen als ob sie nicht von dieser Welt wären, doch als Aliens würde ich sie dennoch nicht bezeichnen. Wie ich Mike kenne macht er sich wieder einmal einen wüsten Scherz mit uns.
„Sie sind gelandet, um unsere Welt zu vernichten.“, Mike lässt nicht locker.
Ich überlasse ihn und seine Ausführungen den anderen und beschließe selber mal nachzusehen. Wahrscheinlich sind die Playmates des letzten Jahres auf Betriebsausflug und Mike will als einziger Hahn im Korb bei ihnen Eindruck schinden. Ich öffne vorsichtig die vordere Eingangstür, schleiche durch den Vorraum und kiebitze in das Lokal. Soll ich wegrennen, lachen, weinen oder einfach mitmachen?
Sie sind zwar nicht grün. Doch mit Sicherheit nicht von diesem Planeten. Kleine Gestalten, ungefähr 1,50 Meter groß, ihre Körper gleichen einem aufrecht stehendem Tapir, ihre Hautfarbe irgendwie zwischen pink und gelb, nur die Nasen sind knallrot, sie haben kleine Mickeymausohren, sechsfingrige Hände, davon jeweils rechts und links einen Daumen, kleine Bierbäuche und O-Beine. Ihre Augen sind rehbraun und ihre Haare gleichen einer Ansammlung an Strohalmen. Die „Männer“ gekleidet mit Bermudas und Hawaiihemden scheinen sich intensiv um die „Frauen“ in Fransenröcken und Bikinioberteilen zu bemühen. Sonst alles wie in jeder Kneipe; die besoffenen hängen am Tresen und Paare die sich schon gefunden haben knutschen in den Ecken. Ich brauch einen Schnaps und schleiche mich wieder nach oben. Mike ist mittlerweile mit seinen Erläuterungen am Ende. Ich habe nichts hinzuzufügen. Der Regen prasselt nicht mehr so stark wie vorher auf uns hernieder. Christian lässt eine Flasche Wodka kreisen. Wir ziehen uns zwei Straßen weiter in eine kleine Bar zurück und jeder schnappt sich hinter der Bar eine Flasche von seinem Lieblingsgetränk oder wenigstens etwas Starkes. Kein lautes TamTam wie sonst auf unserer Tour. Wir finden ein paar Kerzen, entzünden sie und lassen uns in einer hinteren Ecke an einem Tisch nieder, so dass wir von der Straße nicht gesehen werden können.
Die Meinungen über unser weiteres Vorgehen gehen anfänglich sehr stark auseinander. Es fallen die verschiedensten Argumente wie fleischfressende Aliens, Versuchstiere, genmanipulierte Schimpansen, aber auch so etwas wie ET oder Alf.
„Wir sollten so schnell wie möglich hier verschwinden.“, meint zum Beispiel Heidi
„Aber vielleicht haben sie eine neue, bisher unbekannte Rauchpflanze.“, meint Beat
„Wohin verschwinden?“, wendet Jessie ein
Stefan ist der Ansicht, dass man den lieben Kleinen mal das Onanieren beibringen könnte, worauf er von Karin eine vors Schienbein bekommt. Mike will zurück zur Yacht und die Waffen holen und Vera möchte noch einen Schluck Wodka.
„Wenn da voll ist, gehen wir eben doch ins Riu-Palace“, Sophie macht den einzigen vernünftigen Vorschlag.
Christian ist ganz ihrer Ansicht und hakt bei ihr unter. Sie stehen auf, nehmen noch zwei Flaschen Wein aus dem Regal neben dem Eingang und schlendern los. Ich blicke mich in der Runde um. Stefan reibt sich das Schienbein und wird von Karin getröstet. Heidi diskutiert mit Beat, Mike mit Jessie und Vera, die schon ganz schön Schlagseite hat und gerade ein intensives Gespräch mit ihrem Wodka führt. Hier ist es mir auch zu blöd. Also auch eine Flasche Wein und ab ins Riu-Palace. Die Flasche wird nach 200 Metern immer leerer. Ich mache eine kurze Rast am Bierkönig. Wir haben vergessen die Musik abzustellen und die Lichter auszuknipsen. Auch recht. Ich lege mich auf den Tresen und starre zur Decke, öffne den Mund und lege mit der rechten Hand den Zapfhahn auf voll tanken. Zehn Sekunden und mir läuft das Bier wieder aus dem Mund heraus. Ich muss noch an meiner Schnellschlucktechnik feilen. Ich drehe den Hahn ab, lausche der Musik und starre weiter an die Decke. Eigentlich bin ich müde, doch Christian alleine mit Sophie? Ich weiß, unbegründete Eifersucht, doch nach einigem im Schädel macht man sich so seine Gedanken, zumal wenn einem 20 Minuten zuvor Außerirdische einen vorgetanzt haben. Also rapple ich mich hoch mache mir einen schnellen Eco zum Wachwerden, trinke entgegen meinen Gewohnheiten noch einen Red Bull, wasche mir das Bier aus dem Gesicht und mache mich schnellen Schrittes auf den Weg zum Riu-Palace. Es ist nur eine kurze Strecke. Die Straße hoch und dann einfach ein paar hundert Meter links. Vor einem Getränkeladen muss ich pinkeln und bekomme gleichzeitig Durst. Ich fühle mich wie ein Alkohol-Katalysator. Oben Bier oder Wein rein – unten Wasser raus. Katalysatoren werden gewechselt und entsorgt. Was passiert mit meinen Innereien? Ich verwerfe diesen Gedanken schnell wieder und betrete den Getränkeladen, schnappe mir ein paar Dosen Castlemaine XXXX und höre nach ein paar Schritten schon die Musik aus dem Riu-Palace schallen. Die ganze Trinkerei hat mich doch durstig gemacht. Ich gönne mir noch eine Dose auf der Eingangstreppe bevor ich hineingehe.
Die Zigarette fällt mir fast aus dem Mund. Eine Bierdose kann ich noch retten bevor sie auf den Boden knallt und sich in ein Schaumgemisch verwandelt. Christian gibt gerade mit einer UFO-Frau einen wilden Tanz auf einer der großen Lautsprecherboxen und Sophie, alle überragend, scheint gerade ein Wodka-Brause-Wetttrinken mit einem der Hawaii-Hemden-Träger zu veranstalten. Bevor ich überhaupt weiß wie mir geschieht, stehe ich schon mitten auf der Tanzfläche und werde mit einem Bier begrüßt. Hände klopfen anerkennend auf meine Schulter und zu meiner Verwunderung sprechen alle nicht nur deutsch sondern genau meinen Dialekt. Nachdem ich mit dem Bier in der Hand ein, zwei Lieder mitgetanzt habe, kämpfe ich mich durch das Getümmel zu Sophie. Komisch mit ihr wird hochdeutsch gesprochen. Christian gesellt sich kurz darauf zu uns. Mit ihm sprechen unsere neuen Brüder im Geiste oder vielmehr geistiger Getränke wieder unseren Dialekt. Wenn sie uns etwas sagen wollen, das uns drei betrifft sprechen sie Englisch. Auf meine Frage wieso jeder von ihnen dies so handhabt kriege ich folgende Erklärung:
„Wie ihr sicherlich bemerkt habt sind wir ein fröhliches Völkchen und dem Feiern und einem Bierchen nie abgeneigt. Wir haben in unserer Galaxie schon etliche Planeten mit unseren Gelagen überzogen. Auch dort werden unter anderem verschiedene Sprachen gesprochen, genau wie bei euch sind die meisten Planeten in sich zerstritten, doch wie wir festgestellt haben, wenn getrunken wird fallen alle ethnischen, religiösen oder sonstige Streitereien in den Hintergrund. Es wird gefeiert und damit hat es sich. Kein wenn und kein aber. Es ist egal wie jemand aussieht, wie viel er verdient oder woher er kommt, wohin er will oder was er morgen vorhat. Auch wir sind keine Sprachgenies, bei ca. 10000 Fremdsprachen ist Sense, daher haben wir uns angewöhnt zuerst die Sprachen der drei trinkfestesten Völker auf einem Planeten zu erlernen bevor wir ihn besuchen. Hier waren es Deutsch, Englisch und Euer komisches Kauderwelsch. Was uns stutzig macht, alle anderen Trinkergemeinschaften bestehen aus einigen Millionen, doch Ihr seid aus einer Region mit nur ca. 10000 Einwohnern. Na ja, jedenfalls haben wir festgestellt, dass wenn mehrere Leute unterschiedlicher Sprache unterwegs sind, meist Englisch gesprochen wird. Somit sprechen wir, damit es ihr alle versteht einfach Englisch, wenn mehrere von Euch auf einem Haufen sind.“
Christian klärt sie auf, dass es wahrscheinlich am Besten ist, wenn sie einfach mit uns hochdeutsch sprechen, so kriegen alle etwas mit und niemand von den trinkfreudigen Außerirdischen muss sich verkünsteln.
Wir erzählen uns noch einige unanständige Witze und veranstalten einen Tanzwettbewerb. Sophie gewinnt.
Ich meine Christian gerade mit einer Fransenrockfrau knutschen zu sehen und verliere die Peilung.
Als ich aufwache sitzen die anderen, sogar Christian, schon unten am Pool beim Frühstück. Kalte Dusche, rasieren schnell in die Shorts, T-Shirt drüber, ich habe Riesenhunger. Mit einigen Fragezeichen im und noch mehr Brettern vor dem Kopf setze ich mich an den Tisch. Sophie, die diesen Zustand schon ein oder zweimal, wie ich behaupte, fünf bis zehnmal, was sie mir vorwirft, erleben durfte fasst extra für mich zusammen:
„Also mein lieber Freund und Kupferstecher, nachdem du gestern am Tisch eingeschlafen bist und nur noch den Kopf erhoben hast, wenn du mit den Strohhalmköpfen auf die interstellare Trinkerunion anstoßen wolltest, was meist kläglich damit endete, dass du mit dem Kopf wieder auf den Tisch geknallt bist, haben wir uns ein bisschen mit ihnen unterhalten. Soweit ich mitbekommen habe, waren sie meist kreuz und quer im Universum unterwegs um auf trübsinnigen Planeten Partys und Gelage zu veranstalten. Sie setzten dann immer den ganzen Planeten unter Strom. Man muss sich das so vorstellen, als ob irgendein Getränkehersteller bei uns in einer Kneipe oder Disco eine Promotion mit Musik und Freigetränken ausrichtet. Manchmal besuchten sie auch sogenannte Partyplaneten, die rund um die Uhr auf Feiern ausgelegt sind, doch davon gäbe es viel zu wenige wie sie meinten. Sie hatten riesige Raumschiffe mit Millionen von Animateuren, Barkeepern, Go-Go-Girls und was sonst noch für eine gelungene Session notwendig ist. Was wir im Riu und Oberbayern sahen ist der traurige Rest ihrer Bevölkerung. Ihr Planet ist nach wie vor hochtechnisiert nur eben die Bewohner sind verschwunden, genau wie bei uns. Wir haben es ihnen zu verdanken, dass bei uns noch alles was irgendwie mit Technik, Strom, Energie und Lebensmittel zu tun noch intakt ist. Auf ihrem Planeten haben sie es soweit gebracht, dass sie überhaupt nichts mehr arbeiten mussten. Das gab ihnen auch die Freiheit immer auf Tour zu sein. Ihre ganze Versorgungskette funktioniert z.B. beim Bier, damit auch du es verstehst, so dass ausschließlich Roboter und Maschinen dazu da sind die komplette Nahrungsmittelkette, von der Hopfenaussaat, über die Ernte bis zur Produktion und Auslieferung zu übernehmen. So funktioniert es in allen Bereichen wie Raumschiffbau und Entsorgung, Energie und Kommunikation. Um darauf zurückzukommen wie sie es bei uns gemacht haben. Sie verfügen u.a. auch über eine sogenannte Fernsteuerungstechnologie, die es ihnen erlaubt mit einer sogenannten Multifernbedienung alles am Laufen zu halten. Auch auf ihrem Planeten ist alles noch intakt, nur natürlich noch wesentlich ausgereifter als hier.“
„Und wieso gerade bei uns?“, will ich wissen.
„Reiner Zufall. Sie schicken oder besser gesagt schickten, immer einige hundert Gruppen mit jeweils 200-300 Leuten als sogenannte Partyscouts durch das Weltall, um zu erkunden, wo richtig gefeiert werden kann bzw. welcher Planet mal eine richtige Sause nötig hat, die sie dann selbstverständlich ausgerichtet hätten. Bei uns funktionierte das ungefähr so. Sie richteten von ihrem Heimatplaneten sogenannte Gurgelfroschsensoren auf uns.
Dies war immer der erste Schritt, damit sie wussten, welche Sprachen sie zu lernen hatten. Hier wurde nicht nur nach offiziellen Sprachen sondern auch nach Dialekten unterschieden. Sie scannten die ganze Erde und stellten fest, dass der prozentuale Anteil von Spaßtrinkern auf die gesprochene Sprache eben bei Englisch, Deutsch und natürlich eurem Slang am größten war. Ich habe mir von einem der Kleinen sagen lassen ihr wäret mit Abstand die Besten gewesen.“ Das erklärt mir das Schulterklopfen von gestern Abend. Sie gibt mir einen kleinen Hieb mit den Ellenbogen und schaut mich schelmisch an.
„Ich hab es ja schon geahnt, doch jetzt habe ich die offizielle Bestätigung. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja,
eben diese eine Gruppe Partyscouts muss wohl zum Zeitpunkt des Nebels hier in Mallorca gewesen sein. Wie sie mir sagten, waren der ganze Trupp zu dieser Zeit im Bierkönig und irgendeiner dachte, hier wäre wohl Pygmäenfasching und fand die „Verkleidung“ dermaßen Klasse, dass er eine Runde Wodka-Brause für alle schmiss. Wie mir einer der Strohhälmler sagte, vergaßen sowohl der Spender als auch einige von deren Truppe mitzutrinken und sind seit diesem Umtrunk nicht mehr gesehen worden.“
„Ah, verstehe“, ich frag mich was sie mir gerade sagen will.
„Tust du nicht, aber ich helf dir noch ein bisschen, damit die Sacher runder wird. Das mit den Gurgelfroschsensoren machten sie auf jedem Planeten. Sie begannen von Ihrem Planeten und erweiterten dann spiralförmig nach außen, damit auch keiner zu kurz kommt. Der Nachteil an den Sensoren war nur, dass er nur auf Spaßtrinker, Schluckspechte und Partyleute ansprach. Somit konnten sie hiermit nur die Leute ansprechen die sowieso schon tüchtig am Feiern waren. Dies war zwar ungemein praktisch, wenn man herausfinden wollte wo gerade die Post abgeht, jedoch haben sie sich ja zum Ziel gesetzt „Gute Laune“ überall im Universum zu etablieren, und genau da begann das Problem. Sie machten es sich zur Gewohnheit, was ich durchaus anständig von ihnen finde, unbekannte aber bewohnte Planeten, also solche wo nicht mal eine Pipette Alkohol verkonsumiert wird, einfach auf gut Glück mit einer Spontanfete zu überziehen. Was den Leuten auf auch durchwegs gefiel und sie voll abgingen. Doch vor geraumer Zeit kamen Sie einer fremden Macht ins Gehege. Sie nennen es spaßeshalber den „Griesgramglobus“. Dieser hatte weit, weit weg von ihrer Galaxie damit begonnen die Einwohner in seinem Umfeld auszubeuten und zu unterdrücken. Auch spiralförmig und auf Expansionskurs. Es wurde nicht mehr gefeiert und über die Jahrtausende wurde Spaß und lachen einfach unbekannt.“
„Jetzt wird mir klarer“, ich verstehe immer nur noch Bahnhof.
„Das einzig Klare an dir ist der Wodka in Deiner Leber.“, unbeirrt fährt sie fort:
„Und genau die Erde ist die Schnittstelle dieser zwei total gegensächlichen Welten. Durch ihren ungeheuren technologischen Fortschritt, denken unsere neuen Freunde nicht in Jahren, vielmehr in Jahrmillionen in denen sie ihre Zivilisation aufgebaut haben. Sie waren vor etlichen tausend Jahren schon mal hier. Sowohl die vom Griesgramglobus als auch die.., ihren richtigen Namen können wir eh nicht aussprechen, also sagten, sie wir sollen sie einfach „Vierglashalter“ nennen.“
Mein armes Gehirn sucht nach einem Rettungsring:
„Vierglashalter???“
„Mir ging es genauso wie dir. Mann wie peinlich. Dir ist ja auch schon aufgefallen, dass sie Hände mit sechs Fingern und jeweils zwei Daumen haben. Ihre Evolution hat wirklich ganze Arbeit geleistet. Mit diesen Händen ist es ihnen möglich jeweils zwei Gläser zu halten ohne Angst zu haben das etwas verschüttet wird. Genauso wie die Haare, sie sehen nicht nur aus wie Strohhalme, sie werden auch als solche genutzt. Man zieht einen hervor und schon wächst der nächste nach, genau wie bei einem Haifischgebiss, nur eben viel, viel schneller.“
Das erste Mal, dass ich wirklich was verstanden habe.
„Aber wir kommen vom Wesentlichen ab.“ Sophie und ich fürchte auch mein Schüttelhirn gehen in die nächste Runde:
„Sie hinterließen ihre Hintermänner. Die vom Griesgramglobus die einen die Machtgeilen, die Vierglashalter die Partycrew und so ließ man es mal eine Weile laufen. Dass die Scouts hier sind beruht eher auf einem Zufall. Irgendeiner ihrer Leute hatte wohl vor lauter Bier und Wein damals verschludert die Erde im Kataster als erledigt abzuhaken. Wie sie mir sagten passiert das wohl öfter. Somit hat sich auch keiner weiter um uns gekümmert und die Machtmenschen nahmen überhand. Aber wie Du siehst, war ja noch nicht aller Tage Abend; ein bisschen Spaß verstand die Menschheit dennoch.“
„Das erklärt Vieles. Haben sie dir auch das Ding mit dem Nebel veranschaulichen können?“, jetzt werde ich beweisen zu welchen Glanztaten ein verkaterter Schädel imstande ist.
„Konnten sie. Die vom Griesgramglobus beobachten Ihren Machtbereich ganz genau. Sie hielten den wiederholten Besuch der Vierglashalter für eine gezielte Provokation und wollten ein für allemal einen Schlussstrich ziehen. Sie überzogen das komplette, auch das ihnen noch unbekannte Universum mit ihrem, in langer Forschung vorbereiteten, intelligentem Nebel.“
„Intelligenter Nebel?“, mein Hirn schmeißt den Rettungsring beiseite und droht abzusaufen.
„Ja intelligenter Nebel, sie haben diesen Nebel so entworfen, dass er die Bevölkerung eines jeden Planeten in Luft auflöst, sobald sich nur ein Milligramm Alkohol auf ihm befindet. Ein sogenannter Schnüffelnebel, der praktisch Alkohol riechen kann.“
Der Rettungsring ist wieder hier, doch eines will ich noch wissen:
„Soweit so gut, doch warum sind wir dann noch hier?“
„Wir haben gestern lange mit allen die noch dazu fähig waren im Riu-Palace diskutiert. Es muß am Wodka-Brause liegen, den die Leute in Lloret de Mar, die Vierglashalter und wir alle exakt zum gleichen Zeitpunkt getrunken haben. Irgendetwas müssen die Griesgramis in ihrer jahrelangen Forschung übersehen haben. Wir sind uns sicher, dass der Wodka-Brause, genau zum richtigen Zeitpunkt getrunken, das Überleben gesichert hat.“
Ich sitze nach wie vor am Frühstückstisch, total verdattert. So viele Informationen auf einmal hätte ich mir nie träumen lassen. Vor allem habe ich jetzt das Problem Diese zu verarbeiten.
„Gebt mir bitte ein Weizen.“, das einzige was ich noch aus mir rausbringe.
Für den Nachmittag hat Sophie mit einigen der Vierglashalter eine Fragestunde am Ballermann verabredet. Mit dem Hinweis ich solle doch versuchen bis Mittag nicht mehr als drei Bier zu trinken, damit ich auch einen produktiven Beitrag leisten kann, springt sie in den Pool und versäumt nicht, mir den Hauptanteil des spritzenden Wassers zu verpassen.
Gegen 13.30 Uhr begeben wir uns Richtung Strand um ein wenig mehr über die allgemeine Weltraumsituation und unsere weitere Vorgehensweise zu erfahren. Sichtlich stolz auf mich, ich habe es bei dem einen Weizen zum Frühstück belassen, trage ich Sophie Huckepack durch die Schinkenstraße, vorbei an den unaufgeräumten Tischen des Bierkönigs, bis ich sie, komplett außer Atem, auf einem Stuhl am Ballermann absetze.
„Braver Junge.“, Sophie steht wieder auf und kommt mit einem mittlerweile schaumfreien Köpi an den Tisch zurück. Voller Dankbarkeit nehme ich einen tiefen Schluck und blicke auf den Tisch neben uns, wo sich gerade einige Vierglashalter ein paar Strohhalme zusammenstecken um kurzerhand ein Eimerchen Sangria zu leeren.
„Ganz im Ernst“, flüstere ich Sophie zu „kannst Du sie irgendwie auseinanderhalten, außer das es Männlein und Weiblein gibt, erkenne ich keinen Unterschied bei Ihnen. Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen.“
„Geht uns genauso mit euch.“, ruft mir einer der Sangriatrinker nach einem großen Rülpser zu.
Peinlich berührt zähle ich die Sandkörner zwischen meinen Zehen.
„Wir haben uns wirklich gefragt, wie man so komisch aussehen kann, ein Fehlgriff der Schöpfung“, mit einem vollen Eimer kommt er auf uns zu und lacht: „Trinkt zuerst mal, damit Ihr nicht dauernd daran denken müsst, wie Euch die Evolution vernachlässigt hat.“ Ruckzuck hat er für uns Erdbewohner die Strohhalme zusammengefügt, wir bedanken uns tausendfach und der Eimer ist auch schon leer.
„Wenigstens trinken und feiern könnt ihr, selbst wir können nur bewundernd zusehen, wenn Ihr richtig Gas gebt.“ Auch meint unser Freund , kann es Jahre dauern, bis man weiß, wo die genauen Unterschiede sind. Er vergleicht uns für ihre Augen aber auch sie für unsere Augen ungefähr einem Fischschwarm. So dass man dem am einfachsten mit Namensschildern abhelfen könne, die gerade von ein paar seiner Kollegen in einem ihrer Raumschiffe organisiert werden. Ich staune nicht schlecht als wir schon einige Minuten später die Namensschilder von ein paar heranfliegenden Leuten ausgehändigt bekommen. Es ist nicht nur das Fluggerät, welches einer Bierdose mit Sattel und Düsenantrieb ähnelt oder dass sie unsere Namen schon in die Schilder eingedruckt haben. Vielmehr muss ich mir das Lachen verkneifen als ich sehe, wie sich „Dumpfschädel“, „Schrumpfleber“, „Weichhirn“ oder z.B. auch Promilla ihre Schilder anstecken. Eine gewisse „Bacardia“ klärt uns auf: „Wie wir euch ja schon sagten, wäre es ein Unmögliches für euch unsere Sprache auch nur ansatzweise zu artikulieren. Im Gegensatz zu Eurer Zivilisation gilt es bei uns als große Ehre diese Namen zu tragen, da sie für ein großes Maß an Ausdauer beim Feiern und Trinken stehen. Es verhält sich genau so wie wenn bei Euch jemand Felix „der Glückliche“ oder Andreas „der Tapfere“ genannt wird.“ Anerkennend über so viel Weisheit, erhebt Mike sein Glas, prostet ihnen zu, um sogleich eine neue Lage Pils für alle Anwesenden zu zapfen. Bei Anbruch der Dunkelheit frage ich mich, wieso Sophie auf nicht mehr als drei Bier bis Mittag bestand. Das einzig Produktive an diesem Nachmittag besteht darin, dass wir bei der fröhlichen Strandparty, die nach dem Anstecken der Schilder vonstatten ging, wir wenigstens nichts kaputt gemacht haben. Außerdem haben wir es bei der Verabschiedung doch noch bewerkstelligt einen neuen Termin für Morgen um die gleiche Zeit zu vereinbaren.
Auszüge aus der Frage und Antwortstunde am nächsten Tag:
Beat: „Gibt es bei Euch auf dem Planeten auch was Anständiges zu rauchen?“
Lungenflügel: „Bei dem Besuch unserer Ahnen vor etlichen tausend Jahren hier auf der Erde, brachten sie ein paar Cannabis-Setzlinge mit. Die Grundsubstanz dieser Pflanze ist wirklich fantastisch. Doch gehen mit dem Genuss ihrer Produkte, so wie Ihr es kennt, auch einige Nebenwirkungen einher. Unsere Botaniker haben ein Weilchen daran gefeilt, doch das Ergebnis kann sich sehenlassen. Die Suchtsubstanzen wurden herausgenommen, auch kommt es nicht mehr vor in einen depressiven Zustand zu verfallen, vielmehr haben sie es geschafft, nachdem sie es mit einer bei uns heimischen Pflanze gekreuzt haben, das Euphorische herauszuheben. Allerdings,.. ein Nachteil bleibt: In einer Wasserpfeife dieser Art steckt soviel Kondensat wie in 10 Stangen Zigaretten, so dass die meisten von uns, außer mir und noch ein paar wenigen anderen, lieber mit Bier und Wein abgeben und Katererscheinungen dem dauernden Husten vorziehen.“
Sophie: „Bestehen, außer der unterschiedlichen äußeren Erscheinung weitere Unterschiede zu uns Menschen?“
Dumpfhirn: „Nein, unser ganzer Aufbau der inneren Organe entspricht exakt dem der Menschen. Wir werden auch ungefähr so alt wie Ihr. Wir konnten zwar durch technologisches Wissen viele Arbeitsvorgänge vereinfachen und können uns somit voll und ganz auf die „Missionierung“ des Universums konzentrieren, doch vom Grund her sind dies alles nur einfache Spielereien. Der menschliche, wie auch unsere Körper sind wahnsinnig komplex, so dass wir nach einer langen Nacht genauso wie ihr Kopfweh und einen riesigen Brand haben. Wir haben zwar auch unsere Medikamente Forschungsroboter und Arztmaschinen, die euren Wissenschaftlern und Ärzten entsprechen, doch über das allgemeine „Nehmen sie zwei Aspirin und legen sie sich ins Bett“ sind sie wie bei Euch nicht hinausgekommen.“
Jessie: „Habt Ihr so was wie einen Anführer oder hattet Ihr vor dem Nebel einen Regierung?“
Nochmal Dumpfhirn: „Nein, das hatten wir nicht nötig. Es wollte sowieso jeder nur feiern. So kam es nie zu Interessenkonflikten, Machtdenken war uns unbekannt. Wieso auch? Es war genug zu essen und zu trinken da, was immer noch der Fall ist. Die Maschinen erledigen alles. Jeder kann ohne Schwierigkeiten kreuz und quer durchs All jeten. Wenn jemand z. B. eine neues Raumschiff braucht, sagt er es einfach der dementsprechenden Robotereinheit, die sich dann darum kümmert.“
Heidi: „Haben die Griesgramis wirklich das ganze Universum von seinen Bewohnern befreit?“
Trinkernase: „Oh mein Gott nein, wie wir Euch schon sagten, nur Planeten auf dessen Oberfläche sich Alkohol befindet. Somit gibt es noch vier Kategorien von bewohnten Planeten. Da wäre als erstes der Griesgramglobus, dann kämen die von ihnen unterdrückten Galaxien und Planeten, des weiteren welche die zwar keinen Alkohol auf der Oberfläche haben, aber noch nicht unterdrückt sind, da sie noch nicht persönlich von den Griesgramis erreicht wurden. Tja, und als viertes wir, die letzte Bastion der Menschheit und Vierglashalter, das Bollwerk der Partyleute, der Extrinker und Biergenießer, der Gurgelfrösche und Possenreißer.“
Heidi: „Ich verstehe nur nicht, dass wenn eine Macht die Möglichkeit hat das ganze Universum je nach Belieben von seinen Einwohnern zu befreien, warum sie dann nicht gleich alle versklavt haben?“
Trinkernase: „Das ist ganz einfach, sogar Ihr Menschen habt es geschafft einige Sonden auf dem Mars landen zu lassen. Rein theoretisch hättet ihr auch Atomraketen dorthin schicken können um dort alles zu zerstören. Doch um die Einwohner euerem Diktat zu unterwerfen, hättet Ihr schon selbst hinfliegen müssen. Doch das war Euch ja zu weit oder ihr wart einfach noch nicht in der Lage selber dorthin zu reisen. So ist es auch bei den Griesis. Sie sind zwar viel weiter als ihr es je hättet werden können, doch da sie nicht überall gleichzeitig sein können, hat es bis jetzt nur zur Zerstörung aber nicht zur Bereisung des kompletten Universums ausgereicht.“
Heidi hakt nach: „Gab es wirklich so was wie Marsmenschen?“
Trinkernase: „Aber klar doch, sie lebten tief unter der Oberfläche und haben sich dort ein Paradies erschaffen. Kurz bevor wir auf der Erde landeten haben wir sie noch besucht, um zu sehen, ob unsere Missionierung vor etlichen hundert Jahren Früchte getragen hat. Und ich kann euch sagen, sie hat. Die hatten den besten Rum im gesamten Universum. Ihr hättet Euren Spaß an der letzten Party gehabt. Zwei Wochen wurde nur getanzt, gelacht, gegessen und getrunken. Mir kommen die Tränen, wenn ich denke, dass sie sich auch in Luft aufgelöst haben.“
Ich gebe dem armen Trinkernase ein frisches Bier und ein Taschentuch, damit er sich die kleinen Tränchen, die ihm gerade die Backe runterkullern, abwischen kann. Dankbar nimmt er es entgegen und prostet mir zu.
Ein laute Explosion unterbricht die fast andächtig wirkende Stille. Sie kommt vom Meer. Wie vom Blitz getroffen springen wir alle auf und beobachten eines von unseren Schnellbooten wie es ungefähr 300 Meter vom Strand langsam seine Kreise dreht.
„Es funktioniert prächtig, heute Abend gibt es frischen Fisch für alle.“, brüllt uns Mike mit einem Megaphon entgegen. Erst jetzt fällt mir auf, dass Christian und Mike nicht an unserer Fragestunde teilnehmen und sich stattdessen beim „Fischen“ austoben. Wir sehen noch mehrmals einige hohe Wasserfontänen unweit vom Boot hochspritzen, bis sich Christian mit Köcher und Flossen bewaffnet daran macht ihre Beute einzufangen und Mike ins Boot zu reichen. Eine halbe Stunde später gleitet das Boot sanft auf den Strand.
„Ihr seid mir ja ein paar saubere Petrijünger.“, meint Stefan als er die beiden mit einem Bier begrüßt.
„Na ja, vielleicht nicht sportlich einwandfrei, doch wir mussten es doch mal probieren bevor wir anfangen.“, entgegnet Christian.
„Anfangen mit was?“ will Stefan wissen.
„Ja mit Handgranatenfischen.“, wie selbstverständlich gibt Christian Antwort.
„Und was war das?“, verduzt hakt Stefan nach.
„Dynamit“, Christian und Mike grinsen im Kreis „das langt auch um den Fischen den Spaß am schwimmen zu verderben. Ich freue mich schon, wenn wir morgen weiter rausfahren um die großen Brocken zu holen, dann aber wird richtig scharf geangelt.“
Ich habe keine Ahnung, wo Mike das Dynamit aufgetrieben hat. In dieser Beziehung ist er ein richtiges Spielkind.
Mit etlichen Vierglashaltern als Kochlehrlingen im Schlepptau, karren Christian, Karin, Mike und Vera den Fang in unsere Hotelküche.
Nach dieser Einlage ist auch Trinkernase wieder wohlgemut und zapft gerade eine Runde für unseren Tisch. Ich helfe ihm tragen und wir setzen uns wieder zu den anderen.
„Glaubst Du, dass die Griesgramis wissen, dass wir noch leben?“ frage ich ihn.
„Ich denke nicht, es handelt sich ja bei der Erde und bei uns um ihnen wohlbekannte Planeten mit ein wenig mehr als einem Milligramm Alkohol an der Oberfläche. Ich bin mir sicher, dass sie annehmen, nur noch ins All ziehen zu müssen um die bisher neutralen Planeten auszubeuten.“
Am späteren Abend treffen alle in unserem überdimensionierten Hotelrestaurant an. Die Vierglashalter haben sich richtig rausgeputzt und die lächerlichen Hawaiihemden und Fransenröcke gegen ihre normale Kleidung getauscht, die vielleicht ein wenig ausgeflippt anmutet, aber sich nicht wesentlich von unserer unterscheidet.
Sumpfhirn hat mir anvertraut, dass sie annahmen, hier auf der Erde würden alle immer wie auf einer Mottoparty gekleidet rumrennen. Mit dem Hinweis, er solle sich doch mal Filme von Hot-Dog-Essenden Amis in der Karibik oder auf Hawaii anschauen, kann ich ihn nur allzu gut verstehen. Ich bin richtig froh, dass sie wenigstens keine Birkenstock und weiße Socken trugen, was uns Deutschen ja zugute gehalten wurde, als wir sie zum ersten Mal im Oberbayern sahen.
Während sich die Vierglashalter für den Abend frisch gemacht haben, ergänzten wir noch am Nachmittag die Getränkevorräte des Hotels aus den umliegenden Restaurants und bauten aus leeren Bierkisten eine riesige Selbstbedienungsbar. Schließlich ist es unsere Party und wir möchten unseren Gästen wirklich nichts schuldig bleiben.
„Das Büffet ist im Nebenraum eröffnet.“, höre ich Karin durch den Saal brüllen.
„Nicht so gierig.“, meint Sophie als ich losstürmen will und hält mich am Arm.
„Wollte doch nur noch einen Aperitif mit Stefan an der Bar trinken.“, winde ich mich.
„Abgesehen davon, das Du innerhalb der letzten halben Stunde schon mit Mike, Promilla, Schrumpfhirn, Trinkernase und das sind nur die mir namentlich Bekannten einen getrunken hast, bleibst Du jetzt erst mal brav bei mir und wartest bis die anderen auch zum Zuge kommen.“
„Aber..“, will ich gerade entgegensetzen.
Sie gibt mir einen Kuss auf meine sonnenverbrannte Nase und reicht mir ein Glas Wein. Ich fange an zu schnurren und gebe mich gerne geschlagen.
Sophie ist eine charmante Tischherrin. Sie plaudert mit Leberschwund, Gehirnverlust, Schluckadia und noch einigen Anderen dermaßen interessiert, so dass ich mich bequem zurücklehnen kann um den Rotwein zu genießen und die umliegenden Tische zu beobachten. Die ganze Zeit Frage ich mich wie es Karin mit ihrer Küchencrew geschafft hat, ein Essen für so viele Personen zu zaubern. Sie ist ja gewiss eine Künstlerin was das kochen betrifft, doch eben diese Menge? Ich hoffe dass sie nicht einfach den so mit lautem Knallen geschossenen Fisch durch den Fleischwolf gedreht und uns einfach Fischstäbchen oder irgendwelchen Lübecker Eintopf vorsetzen wird. Nachdem ich beim nächsten Glas schon vergammelten Labskaus auf meinem Teller liegen sah, beschließe ich mich gegen alle Einwände von Sophie vom Tisch loszueisen um das Büffet in Augenschein zu nehmen. Zu meinem Erstaunen höre ich keine Kommentare wie „Gierschlund“, „Füllhornzerstörer“ oder „Nimmersatt“. Auf dem Weg zum Nebenraum mache ich noch eine kleine Pause an der Bar, wo sich gerade Stefan mit Mike einen schönen Port zur weiteren Öffnung des Magens gönnt.
„Wie ich sehe seid ihr auch noch nicht weiter gekommen.“, begrüße ich sie
„Oh doch, wir brauchen nur gerade einen Zwischenverdauer, das Büffet ist fantastisch, nur, wenn du nicht zumachst dir etwas zu holen, wird bald nur noch der Nachtisch auf Dich warten.“ Ohne abzuwarten stoßen die beiden miteinander an. Unmittelbar lasse ich sie stehen und stürme in den Nebenraum.
Wie angewurzelt bleibe ich stehen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Der Nebenraum entpuppt sich als direkter Zugang in den Wellnessbereich. Kunstvoll sind um die Whirlpools, Wasserfälle, Erholungsoasen und Fitnessgeräte meterlange Tische aufgebaut. Mit seidenen Tüchern und Blumen geschmückt. Jeder Tisch oder besser gesagt jede Tafel verkörpert einen anderen Planeten. Ein Fischplanetenthemenbüffet. Es werden Zubereitungen gereicht, die ich weder je gesehen, geschweige denn jemals gekostet habe. Es riecht in jeder Ecke nach unterschiedlichen Gewürzen und Marinaden. Die gesamten Speisen sind mit verschiedenfarbenen Lichtern ausgeleuchtet, die aus der künstlich geschaffenen Tropfsteinhöhle scheinen. Zwischen all diesen unbekannten Köstlichkeiten entdecke ich Karin, Christian, Vera und Mike mit ihren Kochlehrlingen an einem Tisch sitzen und fröhlich bechern. Vera scheint irgendwie meinen fragenden Blick erkannt zu haben, zeigt auf die Kochlehrlinge und meint:
„Die sind schuld. Wir wollten wirklich heute unser Bestes geben, doch als wir hier ankamen, meinten sie, dass wir doch ganz schön blöd seien, wenn wir annehmen in so kurzer Zeit ein kulinarisches Erlebnis für so viele Gäste zelebrieren zu können. Dann hat“.. wie ich seinem Namenschild entnehme, Wohlstandsbauch. „er zuerst mal in die Tasche gegriffen und seinen Flachmann herausgeholt. Oh Mann, Smirnoff ist ja wirklich ein geiles Gesöff, doch den Wodka, den er aus dieser kleinen Flasche gezaubert hat übertrifft sogar den besten Russischen bei weitem. Nachdem sein Flachmann leer war, griff er einfach in die andere Tasche und holte eine Fernsteuerung heraus. Es dauerte keine fünf Minuten, die wir übrigens mit dem Flachmann von Schlucki überbrückt haben, bis eine ganze Armada von Robotern in Küchenschürzen und Arbeitshandschuhen, inklusive Werkzeug und ein paar geheimnisvollen Taschen anrückte. Seitdem sitzen wir hier und lassen uns von den Küchenrobotern, Mundschenkmaschinen und Aufräumhiwis bedienen. Wie mir Schlucki sagte, seien ihre Raumschiffe nur unweit von hier entfernt und er würde sich freuen, wenn sie uns ein bisschen zur Seite stehen dürften.“
„Gebt mir doch auch bitte einen Verdauungswodka.“, wende ich mich an Gurgolina, die direkt neben Schlucki sitzt.
„Zuerst wird gegessen, Du musst unbedingt versuchen, was wir nicht zubereitet haben.“, legt Karin nach.
„Tschuldigung ich vergaß.“ Ich schnappe mir einen Teller und schaufle ihn von Tisch zu Tisch immer voller. Da wirklich alles so verlockend sich meinen Blicken hingibt, lande ich am Schluss mit einem Tablett mit sechs Tellern wieder bei Sophie und ihren Gesprächspartnern.
„Typisch“, Sophie schaut mich schnippisch an.
„Ja was denn, ich wollte dir und unseren Tischnachbarn nur die Arbeit erleichtern und euch mit allem versorgen.“ Erst beim hinsitzen sehe ich, dass sie schon genügend Teller vor sich haben und schon eifrig am spachteln sind.
„Wenn du nicht so ein Gierschlund....“, Ich hatte es schon fast vermisst. „.. wärest, hättest du bemerkt, dass unsere Vierglashalter nicht nur für die Zubereitung der Speisen sondern auch den kompletten Service gesorgt haben.“ Und in der Tat, erst jetzt bemerke ich, dass Serviceroboter sich aufs eifrigste bemühen uns zufriedenzustellen.
„Wahr wirklich so gemeint.“, versuche ich mich herauszureden.
Sophie ist dermaßen in ihr Tischgespräch vertieft, dass ich nach ein paar Bissen dieses hervorragenden Essens vorziehe noch mal Stefan an der Bar zu besuchen.
Statt Stefan treffe ich Heidi und Beat, die sich auch gerade an dem intergalaktischen Wodka versuchen.
„Weißt Du...“, erklärt mir Beat.
Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, wie lange wir für den Aufbau der Bar gebraucht hatten, geschweige denn die Sortimente der Delikatessenläden innerhalb von 300 Metern Umkreis zu plündern, bis wir mal ein einigermaßen vernünftigen Grundstock für ein Galadinner zusammenhatten. Wir haben wirklich alles zusammengeschnorrt, was hier ohne großen Aufwand zu bekommen ist. Es war beachtlich, wenn man bedenkt, dass wir uns hier in einer reinen Tourigegend befinden.
„Weißt Du ..“, Beat rüttelt mich wieder wach.
„Ich habe nachgedacht, die Story von Lungenflügel hat sich komplett meiner Behagnis entzogen. Ich entsage den raucherischen Halluzinationen .“
„Ja spinnst Du denn“, entfährt es mir. Ich muss immer an ihn denken, wenn er gerade seine Wasserpfeifenzeremonie, sei es hier oder irgendwo in den Bergen der Sierra Madre abhält. Ich hatte nie den Bezug zu „Rauchen“ in seinem Sinne. Ich versuchte es ein oder zweimal, war eh schon besoffen und musste kotzen. Doch er hatte immer ein Weltverständnis, das den ganzen Planeten zum Frieden gezwungen hätte. Nicht wie Bob Marley, John Lennon, Hans Söllner oder sonstige Weltverbesserer. Er lebte es, ohne Kommerz ohne Hintergedanken, er rauchte und hätte den Frieden, die Solidarität und Genesungswünsche der gesamten Menschheit vereint.
„Ganz ehrlich..“, ich komme aus dem Staunen über seine Begründung nicht heraus.
„... also, wenn es sich auf der euphorischen Schiene so verhält, wie es Lungenflügel angedeutet hat, ziehe ich doch vor meine Atmungsorgane ein wenig zu schonen. Ich habe mal eine Bericht gelesen in dem es heißt, Alkohol erweitert die Blutgefäße und Nikotin verengt sie. Somit fällt die Wahl nicht schwer, ich mach beides, ich trinke, zur Erweiterung, ich rauche Zigaretten zur Verengung, ich lebe gesund.“
Ein wenig verdattert lausche ich gerade „You came“ von Kim Wilde aus den Lautsprechern, als Heidi mich anknufft und auf den DJ zeigt. Es ist eindeutig ein Vierglashalter. Heidi und ich versuchen zu ergründen, warum es keine DJ Roboter gibt. Gurgolina, die sich gerade vom Tisch der Küchenbrigade erhebt um selbst mal einen Cocktail zu mixen gibt uns Auskunft:
„Es ist emotional. Wir haben unsere Roboter und Maschinen so erschaffen, dass sie sich nur auf die Entgegennahme von Anweisungen verstehen. Sie haben keine Gefühle oder menschliche Regungen. Sie verstehen die Technik und was man daraus machen kann. Sie sind kreativ in allen Belangen jeglicher Entwicklung. Man könnte sogar sagen, dass sie denken. Selbstverständlich könnten wir einem Roboter auch eine Playlist in die Hand drücken und er würde sie abspielen, doch versteht er nichts davon auf die Stimmung im Saal einzugehen. Ein guter DJ erkennt sein Publikum und weiß was es hören will. Er braucht ein Gefühl für die Schwingungen im Raum und vor allem muss er mit Herz bei der Sache sein. Unsere Blechkästen sind für alles geeignet, nur darf man von Ihnen nicht erwarten ein Lied zu komponieren, ein Buch zu schreiben, Liebe oder Leid zu empfinden, sie kennen keine Emotionen und sind somit die perfekten Arbeitsbienen unserer Zivilisation. Und um Euch die etwaige Frage gleich beantworten zu können. Maschinen entwickeln selbstständig keine Gefühle und machen keine Aufstände. Den ganzen Blödsinn, den ihr in Euren Science Fiction Filmen zu sehen bekommen habt, könnt ihr getrost ins Land der Fantasie verweisen.“
„Wirklich perfekt.“, anerkennend mixe ich uns ein paar Cocktails, um Gurgolina zuvorzukommen.
„Universum „All Inklusive“, vielen Dank für die Einladung Jungs“, Stefan bekommt von Karin wieder mal eine vors Schienbein. „und natürlich Mädels“ fügt er, Karin wunschgemäß, eilig hinzu. Wir befinden uns mittlerweile in der Lounge eines riesigen Raumschiffs auf dem Weg zum Planeten Vierglashalter wie unsere Gastgeber ihren Wohnsitz der Einfachheit halber namensgleich mit der Bevölkerung benannt haben. Wir drehen gerade die 20. oder 30. Besichtigungstour um die Erde bevor es richtig losgehen soll und haben es uns vor dem Panoramafenster bequem gemacht. Die Gläser sind dank der Serviceroboter immer angenehm gefüllt und Reste vom großen Büffet stehen neu aufbereitet als kleine Häppchen zur Verfügung. Erstaunlich wenn man bedenkt, dass sich da unten noch vor wenigen Wochen Millionen von Menschen die Köpfe eingeschlagen haben, jetzt nur noch ein paar Drogensüchtige sich ihren Träumen hingeben und eine kleine Gruppe von sieben Personen ihr Glück in Griechenland sucht. Außer auf den anderen Kontinenten hängen noch ein paar Wodka-Brause Süffler rum. Ich versuche, ob mir bei dieser Frage Schrumpfhirn weiterhelfen kann.
„Wir haben bereits mit unseren Gurgelfroschsensoren die gesamte Erde abgescannt. Wie Du schon vermutet hast, bewegt sich ein kleine Gruppe gerade entlang der oberen Adria, somit müssten sie immer noch auf dem Weg nach Griechenland sein. In Lloret hängen auch noch einige rum, sind aber nicht mehr so viele wie du angenommen hast. Wir haben uns die Gegend wirklich zweimal angeschaut, doch da ist nichts mehr. Nordamerika: Nichts, Südamerika: Nichts, Afrika: Nichts, Australien: Nichts, Asien: Nichts. Es tut mir leid mein Freund, im Augenblick befinden sich noch 18 lebende Menschen auf dem Planeten. Sieben an der Adria und elf in Lloret. Wir haben dort noch ein paar schwache Signale von Menschen empfangen, das heißt aber nur, dass welche dort sind. Um genau zu sein sind sie innerhalb der letzten 10 Tage verstorben und wie du mir die Situation dort schildertest, werden auch die letzten elf bald mal das Handtuch werfen.“
18 von vielleicht sogar 7 Milliarden und wir. Wenigstens hat keiner gelitten. Ich nehme einen großen Schluck.
„Stopp, stopp“, brüllt Stefan.
„Was ist denn los? Nichts mehr zu trinken da?“, Trinkernase macht sich wirklich um Stefan sorgen.
„Wir sollten noch eine kleine „Tour de Delikatesse“ auf dem Globus unternehmen. Wir müssen noch mal zurück, um weltweit die Trink- und Speisenspezialitäten eines jeden Landes einzusacken, so als Marschverpflegung. Müsste doch für euch ein leichtes sein, überall zu landen. Ihr werdet es auch sicher nicht bereuen.“, rät Stefan.
„Gute Idee, auf die paar Stunden kommt es nun auch nicht an.“, Trinkernase scheint auch schon wieder Hunger zu haben.
Wir düsen kurz noch mal runter. Ein paar Stunden später sind wir dank der fliegenden Bierdosen, kleineren Raumtransportern, fleißiger Roboter und durstiger Vierglashalterseelen mit den Leckereien der Erde eingedeckt. Es mangelt an nichts. Da wären z.B. die edlen Weine aus Italien, Frankreich und Spanien, Sushi aus Japan, Bier aus Bayern und Australien (kalt gar nicht mal so übel), Reiswein aus China, echter russischer Wodka, Kaviar, den wir wegen der Frische bis zum Verzehr noch in den frischgefangen Stören lassen, Kanadischer Hummer, der lebt auch noch, edler Grappa und Port, einige Angusrinder aus Argentinien, fast wie auf der Arche Noah, und noch diverse Süßigkeiten aus Belgien. Gerade als wir um den Mond biegen hören wir es wieder:
„Stopp, Stopp“, Stefan hat anscheinend immer noch nicht alles.
„Was fehlt denn noch?“, wie bei einem kleinen Jungen tätschelt Trinkernase Stefan die Wange.
„Fehlen tut nichts mehr. Doch was ist mit unsern Vorräten auf der Erde, unseren Trucks in Marbella, unseren Häusern zuhause, der Yacht mit einem Rest Weizenbestand in Mallorca und vor allem, was passiert, wenn es schlecht wird?“
Trinkernase sorgt dafür, dass Stefan sich völlig entspannt seinem Weizen und den Häppchen widmen kann:
„Wir sind zwar ziemlich schnell nach der Party abgeflogen, doch du darfst unsere fleißigen Heinzelmännchen nicht vergessen. Immer wenn wir eine kleine Exkursion durchs All starten, nehmen wir für jeden von uns mindestens 100 Roboter mit, sicher ist sicher. Wir sind mit exakt 352 Leuten gestartet. Zirka 150, um genau zu sein 162 haben es versäumt den ausgegebenen Wodka zu trinken, bleiben als 190 übrig. Also haben wir gut und gerne 15000 Roboter übrig. Den Rest haben wir schon für euch auf unserem Weg nach Vierglashalter verplant.
Dank unseres Oberkoordinators dieses Schiffes, Robot IV, sind diese bereits auf der Erde damit beschäftigt, die für euch nötige Infrastruktur aufrechtzuerhalten bzw. sie zu verbessern. Eure Häuser zuhause werden renoviert und erweitert, trefft euch doch baldmöglichst mal mit unseren an Bord verbliebenen Architekten, damit sie eure Wünsche schnellstmöglich auf die Erde senden können. Bisher haben wir dank unserer Fernsteuerung die gesamte Energieversorgung, soweit die Rohstoffe vorhanden waren weiterlaufen lassen. Den Strom haben wir quer über den Globus umgeleitet, waren die Kohlevorräte in einem herkömmlichen Kraftwerk zuende, haben wir kurzerhand das nächste Atom- oder Wasserkraftwerk angezapft. War auch kein Problem, denn wie ihr wisst, war kein großer Energieverbrauch mehr vonnöten. Um Rohstoffe zu sparen wird für die Zukunft anders geplant. Doch ich weiche ab. Die Yacht bringen wir wieder zurück nach Marbella. Eure Vorratstrucks stellen wir Euch vor die Villa und um Stefans Ängsten vorzubeugen. Wir errichten Euch zwei eigene Brauereien, eine in Marbella, eine bei euch zuhause.“
„Und was ist mit Wein?“, ich wusste doch, dass Christian ein Gourmet ist.
„Keine Bange“, fährt Trinkernase fort. „Die komplette Nahrungsmittelkette wird von uns fortgeführt. Wir haben u.a. Landwirte, Brauer, Bäcker, Winzer, Metzger, Atomphysiker, Bergbautechniker, Automechaniker, Müllmänner, Wirte, Köche und Kommunikationsspezialisten dagelassen. Es wird Euch an nichts mangeln. Ihr habt Energie in Hülle und Fülle, sogar für etwaige Berghüttenabende, haben wir schon jemand zum Holzhacken abgestellt. Wir schaffen euch, vorerst mit unseren bescheidenen Mitteln, also mit dem was wir dabei hatten in Marbella und zuhause zwei komplette Mikrokosmen. Für den Fall dass ihr schnell mal irgendwo auf die andere Seite der Welt müsst, stehen Euch genügend Transportmittel und Roboter zur Verfügung, die euch die Reise so angenehm wie möglich machen. Aber schaut doch erst mal was das Universum, vor allem Vierglashalter, sonst noch zu bieten hat. Vielleicht bleibt Ihr ja bei uns.“
„Und was passiert mit den sieben auf dem Weg nach Griechenland?“, möchte ich wissen.
„Keine Sorge, wir haben eine Hundertschaft Roboter in einem kleinen Erdensegler, die sie die ganze Zeit, vorerst unerkannt, umkreisen. Es wird Ihnen an nichts fehlen.“ Dankbar ziehe ich mir noch zwei Weizen aus der Kühltheke der Bar und schenke Trinkernase und mir ein.
Kurze Zeit später als wir gerade den Pluto hinter uns lassen beschließen Sophie und ich einen kleinen abendlichen Raumschiffbummel zu unternehmen. Mit einem Schiffsplan bewaffnet machen wir uns auf den Weg. Das Schiff besteht aus vielen tausend einzelnen Segmenten, die sich jeweils einzeln durch ständige, jeweils der Lage des Schiffes angepasster Rotation, der Stellung des Raumschiffes in der Schwerelosigkeit anpassen. Dies hat den Vorteil nie auf dem Kopf zu stehen und sich wie auf der Erde bewegen zu können. Das ganze entspricht einem dreiachsigem Globus in einem dreiachsigem Globus oder vereinfacht einem Tellurium mit jeweils drei Achsen für jeden Planeten, nur nicht zusammengesteckt. Damit sich die Achsen niemals überschneiden, haben die Vierglashalter so etwas wie aggressive Luft entwickelt, die es ermöglicht völlig ohne Antrieb die einzelnen Segmente ohne Reibung und ohne dass sich irgendwelche Antriebe oder Antriebswellen in die Quere kommen zu bewegen.
Für den Reisenden bleiben diese Segmente völlig ohne Belang. Er bemerkt keinen der einzelnen Abschnitte. Es ist, als wenn man sich wie auf einem Kreuzfahrtschiff bewegt. Bei unserem Einstieg auf Mallorca fielen mir schon die Augen aus dem Kopf als ich es auf dem Rollfeld des Flughafens sah. Die Vierglashalter mussten schräg einparken, d. h. der Platz der beiden Rollbahnen inklusive der Brachflächen langte nicht aus um es in der waagrechten abzustellen. Somit ließen sie es ungefähr in einem Winkel 75 Grad schräg mit der schmäleren Seite nach unten stehen. Hierfür reichte der Platz gerade noch aus. Abgestützt wurde der ca. 4,5 Kilometer hohe Koloss von sogenannten Luftsäulen, irgendwelchen künstlichen Wirbeln, die entlang der Außenhaut das Schiff, bis auf den Eingang umschlossen.
„Wenn dies Schiff für ca. 500 Leute ausgelegt ist, dann möchte ich wirklich wissen, mit was die unterwegs sind, wenn sie auf Clubbing gehen“, ich bin immer noch ganz baff.
„Und vor allem, wo sie dann parken“, Sophie denkt wie immer praktisch.
Wie mir Trinkernase noch mit auf den Weg gab, müssen wir aufpassen, wenn das Schiff seine Form den Fluggegebenheiten anpasst. Für schnellen Flug wird der Luftwiederstand verringert und für normalen Gleitflug vergrößert. Ungefähr wie bei einem Militärjet der seine Flügel anklappt. Nur wird eben hier das ganze fliegende Monster auf die ideale Form gebracht. Um nicht zu dumm zu erscheinen, unterließ ich die Frage, nach der nichtvorhandenen Luft im All. Die werden das schon wissen. Die Veränderung der Ursprungsform wird durch ein hupendes Trinksignal mit roter Lichtunterstützung bekanntgegeben. Wie Trinkernase meinte, sei es dann das beste die nächste Bar, die nie mehr als 100 Meter entfernt ist, aufzusuchen und abzuwarten bis der aktuelle Schiffsplan aus dem Drucker kommt oder die Wegweiser wieder neu justiert sind, sonst könne man sich hoffnungslos verfransen. Schon in der Hoffung mit einem perfekten Alibi mit Sophie in einer Bar zu versacken, fragte ich danach wie lange so etwas wohl dauern könne.
„Ungefähr 30 Sekunden...“, war seine Antwort. „... doch es ist doch etwas Schönes, wenn man wieder einen Anlass zu trinken hat.“ Ich schaute ihn fragend an. „Verlange nur nicht von mir, ich solle dir sagen, wie du das deiner Frau erklären sollst.“, er grinste über beide Mickey Maus Ohren, schnappte sich ein Bier aus der Bar und ließ mich grübelnd stehen. Sophie, die sich während dieses Gespräches bei Nachwuchstrinkerin über die sozialen Gegebenheiten, sie kann nicht aus ihrer Haut, was ich sehr bewundere, auf Vierglashalter intensiv erkundigte, beschloss ich, werde ich das mit den 30 Sekunden nur im Notfall erzählen.
Sophie hat bestimmt, dass wir systematisch das Schiff erkunden sollten. Die Sternenlounge, in welcher wir anfangs saßen befindet sich ganz oben – meint sie -. Also fangen wir unten an und bummeln uns nach oben durch. Nachdem ich nun weiß, dass es sich sowieso immer ändert bin ich vollkommen ihrer Meinung und freue mich schon auf die erste Kursänderung. Zur schnellen Überwindung der Strecken gibt es Aufzüge, die auch in der waagrechten wie in einem normalen Haus von oben nach unten gehend scheinen. Segmenttechnik. Wir fahren ganz nach unten. Dem Plan zufolge befinden sich hier die Antriebsaggregate. Als wir uns diese mal vor Augen führen wollen, verwehrt uns ein Blechheini den Weg.
„Nur für befugtes Personal.“, wie auf der Erde, denke ich mir, stelle noch ein oder zwei Fragen bezüglich des Weges, die er auch freundlich beantwortet und wir fahren wieder eine Etage höher. Versorgungslager. Auch nur für Befugte. Nächste Etage. Roboterhalle. Nur für Befugte. So geht das für Raumtransporter, Instandsetzung, Kommunikation und Waffenkammer. Erst ab dem Getränkelager haben alle Zutritt und als wir schließlich im Shoppingbereich landen, habe ich etwas zu trinken nötiger denn je. Sophie ist ganz fasziniert von den vielen, uns unbekannten Stoffen, Schnitten und Farben. Auch das hier alles umsonst ist, da ja nur Maschinen für den Nachschub sorgen, lässt sie nicht gänzlich unbeeindruckt. Während ich mit unzähligen Einkaufstüten mir schon fast einen Bruch hebe, erblicke ich Christian wie er gerade Jessie ein paar Schuhe vor die Füße schmeißt und sich in die nächste Bar zurückzieht.
„Wartest du auch auf eine Formänderung?“, frage ich als ich mich neben ihn an den Tresen setze.
„Formänderung?“, er sieht mich verdutzt an.
Ich erkläre ihm die Gegebenheiten des Schiffes, da er in der Sternenlounge, während Jessie ein wenig geschlafen hat, nur Augen für eine gewisse Schlendria hatte.
„Hast Du wirklich an jenem Abend im Riu mit ihr geknutscht?“, will ich wissen.
„Wollte ja zuerst überhaupt nicht, aber Du weißt, das Bier, der Wein, der Schnaps, Partystimmung usw., irgendwann hatte sie ihre Zunge in meinem Mund; es war der heißeste Kuss den ich jemals gekriegt habe.“
„Und woher weißt Du dass sie es war, Namenschilder hatten wir da noch nicht? Und vor allem woher weiß sie es, wir sind doch alle in ihren Augen gleich?“
„Hat anscheinend irgendetwas mit dem Geruch der zu sich genommenen Getränke zu tun, die sie am Haaransatz erkennen können. Sie ging davon aus, dass ich, wie die meisten, immer die gleiche Kombination von Getränken zu mir nehme, was in diesem Fall auch stimmte. Als wir an Bord stiegen war doch eine Begrüßungskomitee am Eingang, sie war auch darunter. Für die anderen Vierglashalter war es ein ganz normaler Begrüßungskuss rechts und links auf die Backe, doch sie hat auf mich gewartet. Wir sind ja nur zehn und einer musste es einfach sein. So hat sie mich gefunden und mich über die Fast-Intimitäten aufgeklärt.“
„Und jetzt?“, frage ich nach.
„Keine Ahnung“, resigniert hebt Christian sein Glas.
Sophie, Jessie, Christian und ich sind im Augenblick die einzigen, die sich in diesem Distrikt befinden. Außer den Robotern natürlich, die sich in den Geschäften und an der Bar um unser wohlergehen bemühen. Eine Einkaufsmall für vier und das ist bei weitem nicht die einzige an Bord. Irgendwie alles wunderschön, aber in meinen Augen doch ein wenig überdimensioniert. Christian und ich finden es irgendwie schade, dass sich momentan alles so verläuft.
Ganz einer Gewohnheit verfallend frage ich den Barmann:
„Wo ist denn hier um diese Zeit noch etwas geboten?“
„Tut mir leid, dass ich Euch momentan nicht ein bisschen mehr Trubel bieten kann, doch im Augenblick ist das „Elixier“ auf Etage B3A angesagt.“, gibt er zurück.
Ich werde verrückt, auf diesen dreidimensionalen ungefähr 4,5 km auf 2,5 km auf 2 km gibt es bei nur 200 Leuten, wenn alle brav getrunken hätten 356 oder so, ein Szene, einen Platz wo der Bär tanzt und die Puppen fliegen. Ich ziehe meinen Schiffsplan aus der Hosentasche.
„In zwei Minuten sind wir da.“, sage ich zu Christian.
„Ok, worauf warten wir.“, gibt er zurück
Ich vermisse irgendwie Sophie.
„Auf die Mädels?“, ich zucke mit den Schultern.
„Ok“.., meint Christian, „..irgendwie habe ich doch ein schlechtes Gewissen, ich gehe sie suchen, Du wartest solange hier.“
Sicherheitshalber bestelle ich mir einen Eco und nachdem ich den Barkeeper aufgeklärt habe aus welchen Bestandteilen sich dieser zusammensetzt, bekomme ich das Beste was hinsichtlich dieser Mixtur jemals getrunken habe.
„Wird alles auf Vierglashalter hergestellt.“, erklärt er stolz. Wie ich später erfahren sollte, hat diese Reaktion weder mit Emotionen noch mit Gefühlen zu tun; diese Blechis sind einfach darauf programmiert einen guten Job zu liefern. Ich rauche eine Zigarre, auch von Vierglashalter, nicht schlecht kommt aber bei weitem nicht an die aus Kuba ran, die wir uns beim letzten irdischen Einkaufstrip ergattert haben.
„Wie läuft denn hier das Bargeschäft?“, nachdem ich noch einen weiteren Eco und zwei Bier getrunken habe, rede ich mit ihm schon fast wie mit einem Menschen. Sichtlich froh dass mal einer fragt antwortet er:
„ Ich weiß nicht wie es bei euch auf der Erde immer abgelaufen ist, doch hier auf dem Schiff genauso auf Vierglashalter selbst, war es immer so, dass einmal dieser oder jener Winkel des Schiffes oder Planeten „In“ waren. Auf Vierglashalter spielen Entfernungen keine Rolle, wir haben schnelle Taxis, die innerhalb von Minuten den halben Planeten umrunden. Wir sind so programmiert, dass wir uns hinsichtlich Party und „In-Sein“ immer etwas einfallen lassen müssen. Ich weiß noch, vor ungefähr zwei Monaten war hier in C5H der Bär los. Wir mussten sogar auf die Ersatzroboter zurückgreifen so gesoffen haben die Vierglashalter. Aber im Augenblick.. ich weiß nicht...wir werden wohl bald mal wieder ein Brainstorming halten müssen.“
Ein wirklich guter Barmann, er weiß alles, kennt aber keinen.
Verlegenheitshalber frage ich ihn nach der Zeit die vergangen ist, seit Christian die Mädels suchen ging.
„Ungefähr 8 Minuten“, versichert er mir.
Zwei Eco und zwei Bier in dieser Zeit, ich muss mich bremsen sonst kriege ich vielleicht auch eine ans Schienbein.
„Wie heißt Du eigentlich?“, will ich wissen. Smalltalk kann nicht schaden. Obwohl, ich rede mit einem Roboter, der sich bis auf die umgebundene Schürze nicht von den Verkäufern im Zeitungsladen oder denen, ein wenig weiblicher wirkenden Blechkästen in den Parfümerien unterscheidet.
„Barkeeper“, lautet sein Antwort.
Ich hätte es wissen müssen, die Vierglashalter sind nicht auf den Kopf gefallen, bei Maschinen ist alles zweckgebunden. Verkäufer = Verkäufer, Arzt = Arzt, Atomphysiker = Atomphysiker.
Die Sekunden vergehen. Ich bestelle mir doch noch ein Weizen, das die Versorger nach unserem Einkauf in jeder Bar deponiert haben.
„Weißt Du..“, erklärt mir Barkeeper „..es ist schön mal ein paar andere Gäste hier zu haben, immer nur die gleichen wird auf Dauer doch langweilig.“ Perfekt aufs Geschäft programmiert.
Gerade erklärt er mir, dass Vierglashalter vor der Katastrophe 50 Millionen Einwohner hatte und wie er von einigen Gästen erfuhr, die Erde Vierglashalter ziemlich ähnlich sein muss, als Sophie, mein Engel, Christian und Jessie eintrudeln.
„Na Wochenendtrinker, wie geht es so?“, ich weiß, weil zur Zeit fast jeder Tag Wochenende ist, hat sie mich diesbezüglich ein wenig auf dem Kicker
„Ach ungefähr wie einer Klosterfrau nach ihrem Beischlaf mit dem Ortspfarrer.“, sie war auch nicht unbedingt abstinent.
„Kommt schon wir fahren ins Elixier, dort werden wir mit Sicherheit auch alle anderen antreffen.“, lege ich noch nach.
Als Verpflegung für den Zwei-Minuten-Trip nehmen wir noch eine Palette Castlemaine XXXX mit in den Aufzug.
Uns wurde zwar mit unserem Einstieg in das Schiff ein Bereich, in welchem jeder seine eigene Suite hat zugeteilt, doch wurde uns des weiteren versichert, wir bräuchten nur einen freien Raum neben irgendeiner Bar aufzusuchen und schon hätten wir eine Schlafstatt. „Könnte ja sein, dass ihr den Weg nicht findet.“, meinte Trinkernase.
Zwei Minuten, keine Zeit. Es hatte ausgereicht um die Menschheit in Luft aufzulösen. Doch wir müssen passen, 4 Personen, 7 Dosen sind leer. Immerhin.
„Wow“, ist das einzige, was wir hervorstammeln als wir das Elixier betreten. Im wahrsten Sinne des Wortes glauben wir im Wald zu stehen. Ein künstlich angelegter Dschungel mit Vogelgezwitscher und Insektenzirpen empfängt uns. Ein Roboter drückt uns Badehosen und Bikinis in die Hand und heißt uns diese in den Umkleidekabinen gleich neben dem Eingangsbereich anzulegen. Wir schlendern durch den schmalen, ca. 30 m langen Hohlpfad, als sich vor unseren Augen ein Lichtung öffnet. In der Dschungelbar wird schon fleißig gebechert. Wir lassen diese links liegen und nach weiteren 30 Metern erreichen wir eine wunderschöne Lagune. Türkisblaues Wasser umspült den puderfeinen, weißen Sand. Entlang des 300 Meter langen und 50 Meter breiten Strandes sind in regelmäßigen Abständen vier Strandbars aufgebaut. Dazwischen wird Beachvolleyball, Badmintion oder Boccia gespielt. Gleich hinter dem Sand befinden sich zwischen Palmenhainen kleine Bambushütten, die perfekt mit allen sanitären Einrichtungen und vor allem Betten ausgestattet sind. Inmitten der kreisförmig angelegten Bungalows befindet sich die Zappelhalle. Wie Dumpfhirn meinte, sei sie hier am besten platziert, da man sich nach der Disco nicht den Umstand machen muss, jemanden mit nachhause abzuschleppen.
Die Lufttemperatur beträgt angenehme 32 Grad und das Wasser mit seinen 26 ist gerade recht für eine kleine Abkühlung. Als wirklich sehr entgegenkommend wird empfunden, dass es sich bei dem künstlichen Meer um Süßwasser handelt, das nicht in den Augen brennt. Für diejenigen, die es ein bisschen kälter mögen stehen am Strand kalte Duschen und Eisnebel zur Verfügung. Liegen, Handtücher und Massageroboter runden das ganz ab.
Da das Anstecken der Namensschilder auf nackter Haut doch irgendwie unangenehm sein könnte, haben wir uns mit den schon im Umkleidebereich bereitgelegten Eddings die Namen kurzerhand auf die Brust, bei den Damen ein wenig höher, geschrieben und begeben uns nun zur der am meisten gefüllten Strandbar, wo wir etliche Vierglashalter, die auch ihre Namen auf der Brust stehen haben und den Rest der Erdenbevölkerung treffen.
„Ich verliere hier jedes Zeit-, Tag und Nachtgefühl.“, höre ich gerade Heidi zu Schluckadia sagen.
„Ach das ist nicht weiter schlimm. Schlafe, wenn du müde bist, trinke, wenn du Durst hast, iss, wenn sich der Hunger meldet und liebe, wenn Dir danach ist. Irgendwo auf dem Schiff ist immer Tag, Sonnenaufgang, Abenddämmerung, Mittagszeit, Sonnenuntergang oder Partynacht. Wenn ihr Lust auf Apres Ski habt begebt euch auf C5K, dort kann man sogar eine wenig einen kleinen Hang runterwedeln. Wollt ihr so was wie euer Oktoberfest seid ihr auf F6B gut aufgehoben. du siehst wir haben wirklich an alles gedacht. Allerdings kann ich dir nicht versprechen, wo sich die Leute aufhalten, das ändert sich ständig je nach Lust und Laune. Hat allerdings auch den Vorteil, dass es genug lauschige Plätzchen gibt falls du mal einen Abend mit einer bestimmten Person allein verbringen möchtest. Kleiner Insidertipp, das „Grappa“ auf Z2E kommt einem italienischem Restaurant auf der Erde sehr nahe und verfügt über eine exzellente Küche und einen großen Weinkeller.“
„Wow“, entfährt es Sophie noch mal. Sie bestellt schnell zwei Willi mit Frucht an der Bar und drückt mir einen in die Hand. „Ich brauche was Starkes.“, entgegnet sie, als ich sie voller Verwunderung von der Seite ansehe.
„Außerdem war es schon immer mein Traum zwei totale Gegensätze zu vereinen, oder hast du jemals in der Karibik eine Willi oder bei einem Skiurlaub Pina Colada aus der frischgepflügten Kokosnuß getrunken?“
„Wo sie recht hat, hat sie recht.“ schallt es mir von Vera entgegen, die daraufhin gleich eine runde Marillenschnaps für alle bestellt.
„Eine kleine Abkühlung wär nicht schlecht, was meinst du?“, frage ich Sophie.
„Ach nee, sag bloß die paar kleinen Schnäpschen steigen dir schon in den Kopf“ gut dass sie nicht weiß, was ich schon alles in der vorherigen Bar getrunken habe. Ich schnappe mir zwei Liegen und einen kleinen Beistelltisch und vergrabe sie so im Sand, dass unsere Beine sanft vom Meer umspült werden und die Drinks, jetzt aber Tequilla Sunrise, griffbereit neben uns auf Leerung warten. Sie kann diese Einladung nicht abschlagen und nachdem wir ein bisschen im Wasser rumgeplanscht haben, liegen wir, auch schon wieder ein wenig durstig unter der künstlichen, aber gefährlicher Strahlen befreiter, Vierglashalterraumschiffsonne in einer Kneipe, die sich Elixier nennt.
Ich bin wohl ein bisschen eingenickt. Als ich die Augen öffne, sehe ich Sophie aus dem Wasser kommen. Hinter ihr versinkt gerade die Sonne glutrot im Meer. Wieder habe ich dieses Glücksgefühl. So ähnlich muss es gewesen sein als Aphrodite dem Meer entstieg. Doch zum Glück ist sie keine Göttin im herkömmlichen Sinne. Nicht unnahbar, nicht abgehoben, nicht arrogant über allem schwebend, einfach nur menschlich mit Stärken und Schwächen. Ich liebe beides an ihr. Sie hat ein glückliches Kinderlachen auf den Lippen. Gerade singt sie ein wenig, sie schüttelt sich die Haare aus dem Gesicht, fasst noch mal ins Wasser um mir entgegenzuspritzen und legt sich nach den letzten Schritten ihres Weges genüsslich flach auf mich.
Ich genieße die kleine Abkühlung und ihre nasse Haut auf meinem Körper und strubble in ihren Haaren.
„Na Plumpaquatsch, alles im grünen Bereich?“, möchte ich wissen
„Weißt du, mit dir könnte ich hier glatt alt werden.“
„Nur hier oder woanders auch?“
Sie streicht mir durchs Haar, sieht mir in die Augen und gibt mir einen wunderschönen, innigen Kuss. Gut das ich liege, sonst wäre ich auf meinen weichen Knien umgesackt.
„Was hast du gesagt, Dummerchen?“, frägt sie mich.
„Ach nichts.“, gebe ich zurück.
„Überall, egal ob hier, auf der Erde, auf Vierglashalter, sonstwo oder im Nebel aufgelöst, überall.“, flüstert sie mir ins Ohr. Ich könnte heulen, so glücklich bin ich. Die Sonne ist der Dämmerung gewichen. Kleine Fackeln werden überall in den Sand gesteckt. die Dämmerung weicht der Dunkelheit und als das tägliche Feuerwerk über dem Meer gezündet wird, liegen wir immer noch engumschlungen im Sand und schmieden Pläne.
„Ich wusste schon, dass ich es vergessen werde, deswegen habe ich es erst gar nicht mitgebracht.“, Stefan sollte mir nur ein eiskaltes Casltemaine XXXX mitbringen. Ich erhebe mich aus dem Liegestuhl. hole drei Dosen aus der Strandbar und vergesse dabei nicht, eine von ihnen auf dem Rückweg ganz gewaltig zu schütteln. Nachdem Stefan kurz im Wasser ein Bad zur Abwaschung des klebrigen Doseninhalts genommen hat, lümmeln wir uns wieder unter den Sonnenschirm und genießen einen Schluck des schaumfreien Bieres. Der Rhythmus von Tag und Nacht, wie wir es von der Erde gewohnt sind, ist mittlererweile abhanden gekommen. Wir zählen nur noch die Schlafperioden, die länger als sieben Stunden andauern. Nach kurzen Abstechern aufs Oktoberfest oder zum Skifahren, haben wir das Elixier zu unserem Hauptaufenthaltspunkt an Bord auserkoren. Die Roboter wurden von uns angehalten, die vierte Strandbar in ein kleines Restaurant umzugestalten, um dort die vielfältige Küche des gesamten Raumschiffs in einer Lokalität zu genießen. Unser Sonnensystem und auch unsere Nachbargalaxie, der Andromedanebel, liegen schon geraume Zeit hinter uns. Wir kutschieren durch Sternensysteme, von denen noch kein Mensch gehört hat. Seit unserem Abflug von der Erde sind ungefähr 43 Schlafperioden von mehr als sieben Stunden vergangen.
„Morgen erreichen wir das Sonnensystem von Vierglashalter.“, Trinkernase reibt sich die Hände und scheint richtig froh wieder nach Hause zu kommen.
„Mann, daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht. Wir haben ja auch ein Ziel auf unserer Reise.“ Mike, der sich gerade von Vera den Rücken massieren lässt, zieht am zusammengesteckten Strohalm des vor ihm im Sand stehenden Cocktails und fügt hinzu: „Ich bin ja wirklich gespannt, wie es dort bei euch aussieht.“
„Lass Dich überraschen.“, meint Schlendria, die ab und zu immer noch ein wenig um Christian strawanzelt.
„Jedenfalls gibt es heute Abend noch eine ganz besondere vorläufige Schiffsabschiedsparty.“, ihre Augen blinzeln zu Christian. Beat zieht mit Heidi an einer Wasserpfeife. Ich weiß nicht, was er dem Chefchemiker hier an Bord als Denkanstoß mit auf den Weg gegeben hat, doch das Resultat kann sich sehen lassen. Entgegen seiner Ankündigung nur noch Zigaretten zu rauchen, qualmt er schon seit einiger Zeit wieder seine Kräuterzigarettchen und eben Wasserpfeife ohne dass ich ihn auch nur ein einziges Mal husten gehört hätte. Auch die Wirkung scheint irgendwie verfeinert. Er kann sich aufgrund eines Dosiergerätes nun auf die Sekunde genau einstellen, wie lange sein Urlaub vom ich dauern soll.
„Eigentlich möchte ich hier nie wieder weg.“, Karin macht eine ausladende Armbewegung und deutet auf das Meer hinaus.
„Macht es doch wie ich.“, meint Beat. „Ich bin immer hier, aber doch manchmal nicht anwesend.“
„Das hast du falsch verstanden. Wir wollen ja gar nicht weg. Mit Deinen Auszeiten verkürzt Du ja die Anwesenheit, wie wollen sie ja verlängern.“, rückt Karin seine Denkweise gerade.
„Dann eben im Umkehrschluss. Wenn wir nicht mehr hier sind, empfehle ich ein kleine Dosierung in der Pfeife zu rauchen.. und schwupp, schon bist Du wieder unter Palmen.“, sichtlich stolz auf seinen Geniestreich, legt sich Beat den Zeigefinger an die Schläfe und lässt sich von Heidi noch mal die Pfeife reichen.
„Wo ist eigentlich Jessie die ganze Zeit? Ich habe sie seit drei oder vier Tagen nicht mehr gesehen.“, möchte ich von Christian wissen.
„Würde mich auch interessieren. Das letzte mal dass ich sie sah, war in einem Tanzschuppen auf C8K. Sie gab dort die Go-Go-Tänzerin und als ich fragte, ob sie mit nachhause kommen wolle, schüttelte sie nur den Kopf und ließ mich einfach stehen. Aber ein Raumschiff verliert nichts. So wie ich sie kenne, wird sie noch ein Weilchen durchtanzen und dann wieder auftauchen, zudem wir ja Morgen schon im System von Vierglashalter ankommen werden.“
„Kommt Mädels, wir sollten noch ein wenig Shopping gehen, damit wir für heute Abend auch dementsprechend ausstaffiert sind.“, dieser Einladung von Schluckadia können sich unsere Erdendamen nicht entziehen. Mit aufgeregtem Geschnatter, leeren sie schnell ihre Gläser, schlüpfen in leichte Strandkleidung und entschwinden zwei Minuten später mit der kompletten, weiblichen Vierglashaltercrew durch den Hohlweg um einzukaufen.
„Ah, endlich ein wenig Zeit um in aller Ruhe noch ein Bierchen unter Männern zu trinken.“ Dumpfhirn deutet dem Kellner an der Strandbar er möge doch noch eine eisgekühlte Palette ranschaffen. Nach zwei oder drei Stunden und einer nicht genau gezählten Anzahl von Paletten, löst sich unsere Herrenrunde gegen Sonnenuntergang auf.
Die Party soll hier im Elixier stattfinden und mit dem Hinweis, dass noch allerhand Vorbereitungen zu erledigen sind, werden auch die letzten Gäste, u.a. Stefan und ich, Sophie würde sagen „typisch“, vor die Tür gesetzt.
Wir düsen mit den Expressaufzügen in den Erdenbürgerquartierbereich. Als Gurgolina bei unserem Check In von bescheidenen Behausungen sprach, dachten wir, hier wäre als so gespickt mit Technik, dass sie uns so etwas wie die Besenkammern zum schlafen anbieten würden. Als Sophie und ich zum erstenmal die Zimmertür öffneten, fiel uns ,wie hier schon häufiger, wieder mal die Kinnlade bis zum Boden. Strahlender Sonnenschein empfing uns. Über einen breiten, gepflasterten Weg, flaniert von prächtig gestutzten Pappeln, gelangten wir nach ca. 100 Metern in den Vorgarten einer kleinen Villa, die sich wie aus dem Bilderbuch an einen flachabfallenden Hang schmiegt. Inmitten des Gartens erheben sich terrassenförmig mehrere Pools, die nacheinander von einem Wasserfall durchzogen werden. Über mehrere Rutschen gelangt man problemlos in jedes Becken und ein kleiner Wasserlift zieht einen wieder auf den oberen Schwimmbereich zurück. Das Hauspersonal erwartete uns schon auf der mit bequemen Gartenmöbeln und Liegen versehenen Terrasse und als wir die gefüllten Kühlschränke, die mondäne Küche, den Wellnessbereich und unser mit seidenen Laken bezogenes Bett sahen, beschlossen wir drei Tage nicht mehr aus dem Haus zu gehen.
Gerade als wir uns nach einem letzten Bier in der „Vorstadtkneipe“, die sich unmittelbar vor unseren Zimmern befindet, verabschieden wollen zieht mich Stefan wieder in den an den Tresen zurück und flüstert:
„Hast Du das gesehen, ich glaub meine Augen tanzen Twist.“
„Nö, was denn?“, ein wenig müde frage ich nach.
„Da vorne, schau aus dem Fenster.“
„Wo denn, ich sehe nichts.“
„Weiter links am Ende des Ganges vor dem leerstehenden Zimmer.“
Jetzt sehe auch ich, wie Jessie gerade mit einem Vierglashalter, dessen Namensschild ich auf die Entfernung nicht lesen kann, vor der Zimmertür rumturtelt. Ab und zu blicken sie sich verstohlen um, ob sie auch niemand beobachtet, um sogleich wieder in eine wilde Küsserei zu verfallen. Wir beobachten voller Erstaunen die Szenerie bis die Beiden nach ein paar Minuten die Tür öffnen und in dem Zimmer verschwinden.
„Das hätte man filmen müssen.“, meint Stefan süffisant und bestellt noch zwei wirklich allerletzte Weizen bevor es los geht, wie er nachdrücklich hinzufügt. Auf die Frage was er mit „bevor es los geht“ meint, bestellt er die wirklich Allerallerallerletzten und meint: „Das Biertrinken natürlich, oder hast du die Party heute Abend schon vergessen.“ Nach noch zwei letzten geht jeder auf sein Zimmer um sich in Abendgarderobe zu schmeißen.
Die fleißigen Blechköpfe haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Es befinden sich nun Teilsegmente aus den verschiedenen Themenbereichen im Elixier. So kann man nun gleich hinter dem Strand Skifahren, danach eine Runde Achterbahn mitnehmen oder im Airrestaurant, das über der ganzen Szenerie schwebt, ein gepflegtes 5-Gänge Menü genießen.
„Jetzt haben wir uns extra für Euch so schick gemacht und Ihr wollt allen Ernstes, dass wir unsere Schminke wieder versauen, die Kleider ruinieren, die Friseur zerstören um mit Euch eine Runde Jet – Ski zu fahren.“,
Karin, die wie Sophie, Stefan und ich gerade mit dem Shuttle vom Airrestaurant wieder nach unten schwebt, deutet an wie viel Arbeit sie doch hatten. Stefan und ich zucken nur hilflos mit den Schultern.
„Geht klar.“, sagt sie. Wir beide müssen wohl ziemlich belämmert gekuckt haben, denn jetzt können sie sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten.
„Jet-Ski fahren?“ ,der zuständige Verleihroboter schüttelt energisch den Kopf.
„Wir fahren gerade Nachtbetrieb und werden nicht extra wegen Euch den Sonnenaufgang vorverlegen, wenn Ihr unbedingt Wassersport betreiben wollt, könnte ich Euch höchstens Para-Gliding anbieten, da habt Ihr einen super Blick auf den beleuchteten Strand oder aber ihr geht auf F4B, da findet gerade die morgendliche Wassergymnastik für die älteren Semester statt. Allerdings werdet Ihr dort die Einzigen sein, denn alles ist heute hier versammelt.“ Ich wusste gar nicht, dass es hier so was auch gibt.
„Ach ist doch egal, lass uns einfach ein wenig im Wasser rumpritscheln.“, kaum hat Sophie ihren Satz beendet, stürmt sie auch schon, ohne sich die Mühe zu machen ihre Kleidung abzulegen, ins Wasser und schwimmt ein paar Züge. Wir anderen stürmen hinterher, drehen ein paar Runden und werden, als wir wieder herauskommen schon von einem Butler mit Handtüchern und trockener Kleidung erwartet. Er erklärt mir, dass so etwas einfach zum Service eines guten Hauses mit dazugehört und er mit einer Liste der gesamten Kleider- und Schuhgrößen der Gäste aufwarten kann, die schon am Eingang abgescannt werden. Neu eingekleidet mischen wir uns in das schon fröhliche Gezeche an einer der Strandbars. An einem nahe dem Meer stehenden Tisch entdecken wir Schlendria, Dumpfhirn, Schluckadia, Trinkernase und noch einige unserer lieb gewonnenen Freunde, schnappen uns ein paar Stühle und setzen uns zu ihnen. Nur mit einem kurzen Hallo uns begrüßend wenden sie ihre Augen wieder auf das seltsame Geschehen, das sich an einem einsamen Tisch mitsamt Stuhl einige Meter noch näher am Meer abspielt. Es ist Christian, der den ganzen Tisch mit gut gefüllten Whiskeygläsern hat vollstellen lassen.
Während unsere Champagnergläser immer wieder neu befüllt werden, beobachte ich, wie er ungefähr alle zehn Minuten ein oder zwei Gläser auf ex in sich hineinschüttet, diese kurz wirken lässt, um dann mit Schnorchel, Taucherbrille und Unterwasserlampe im Meer zu verschwinden, kurze Zeit später wieder auftaucht, ein bis zwei Gläser trinkt und der ganze Kreislauf wieder von neuem beginnt.
„Was in 3-Teufelsnamen macht er denn da“?, frage ich Trinkernase, der sich gerade einen neuen Strohalm für seinen Cocktail zieht.
„Er nennt es Genussmaximierung.“
„Genussmaximierung?“, will ich wissen.
„Er versucht möglichst viele Nüchternheitszustände mit genauso vielen Trunkenheitszuständen zu kompensieren. Wie er meinte, geht Alkohol ungefähr nach 10 Minuten direkt ins Hirn und verursacht dann den lockeren Zustand. Immer wenn er ins Wasser geht, wird er wieder nüchtern oder meint es zumindest, wenn er wieder rauskommt, trinkt er schnell, lässt es wirken bis er wieder schwebt um dann wieder im Wasser auszunüchtern. Es hätte den Vorteil, dass man innerhalb von zwei Stunden somit an die 15 mal besoffen sein könnte ohne es am nächsten Tag mit einem 15fachen Kater zu büßen“.
Oje, der Ärmste, schön langsam glaube ich, dass ihm Schlendria mehr zusetzt als ihm lieb ist.
„Wir haben sicherheitshalber ein paar Rettungsschwimmer im Wasser positioniert.“, Trinkernase denkt wirklich an alles und ich kann mich beruhigt wieder einer Runde Wodka-Brause hingeben, die Stefan gerade zur Belebung des Verdauungstraktes bestellt hat.
Alle Lichter in der Sternenlounge sind ausgeschaltet. Wir spüren einen kleinen Ruck durch das Schiff gehen und sind fasziniert von dem was wir erblicken. Kurz zuvor passierten wir die drei unterschiedlichen Sonnen, die für die Erleuchtung von Vierglashalter zuständig sind. Sophies Problem mit den Parkplätzen ist auch gelöst. Eine riesige Flotte von kleinen Erkundungsschiffen, wie dem unseren und ein paar weniger Partyschiffen, die an die Ausmaße kleiner Monde erinnern, parken direkt rechts und links an der Einflugschneise zu Vierglashalter. „Willkommen auf Vierglashalter“ die größte Leuchtreklame, die ich je gesehen habe, strahlt uns entgegen. Sie geht über die breite des ganzen Korridors, der ungefähr 20 Schiffen unserer Größenordnung locker Platz nebeneinander bieten würde. Wir spüren noch ein letztes sanftes Ruckeln und setzen auf Vierglashalter auf.
Vierglashalter:
Wie mir „Barkeeper“ schon sagte, hatte der Planet vor dem Nebel ungefähr 50 Millionen Einwohner, die auf eine Oberfläche von ungefähr 9/10 der guten alten Erde verteilt waren. Wenn man jedoch den Platz für die Roboter mit einberechnet ist dies nicht allzu viel Lebensraum für jeden, obwohl die überwiegende Anzahl von ihnen meist im Depot auf Abruf wartet. Auf Vierglashalter gibt es drei Klimazonen, die von den unterschiedlichen Sonnen verursacht werden. Eine für die Skifahrer und Apres-Helden. Eine für die, welche mediterranes Klima bevorzugen und einen tropischen Gürtel. Diese drei Sonnen befinden sich in regelmäßigen Abständen fest verankert. Eine oben, eine in der Mitte, eine unten auf einer Achse zum Planeten, der sich wie bei einem Döner-Grill immer um seine Achse dreht und dem Tag und Nacht Rhythmus folgend, ein Tag besteht hier immer gleich aus 11 Sonnen- und 11 Nachtstunden, die Strahlen der Sonnen ausnutzt. Dies hat damit zu tun, dass sich die Sonnen immer im gleichen Abstand und Winkel zum Planeten befinden. Je nachdem was man gerade erleben möchte, steigt man einfach in ein Taxi und ist innerhalb weniger Minuten am gewünschten Ort. Auf Vierglashalter gibt es keine Jahreszeit, dort wo man lebt ändert sich das Klima nie. Doch durch die hervorragende Technik kann man alles, also zum Beispiel Skifahren in den Tropen, überall erleben. Hier unterscheiden sie sich kaum von uns. Es gab auch viele, die sich einfach in Ihrer Stammkneipe um die Ecke getroffen haben um eine Dorfsause zu feiern. Alles in allem, vielleicht wie die Erde, wenn man die Energien richtig genutzt hätte oder uns kein Nebel dazwischen gekommen wäre. Der größte Unterschied besteht darin, dass eine Heerschar von Robotern bereitsteht um unsere Wünsche zu erfüllen und die Infrastruktur am laufen zu halten. Es herrschte niemals Zwist zwischen den Bewohnern, Führer brauchten sie keine. Das Leben bestand aus einer großen Party.
„Hoffentlich wachsen wir hier nicht um 10%.“, meint Sophie als wir den Ausführungen von Trinkernase folgen.
„Würde vielleicht gar nicht schaden, denn Mike hat bei unserer Reise gut und gerne neun Kilo zugelegt, so könnte man das vielleicht wieder ausgleichen.“, Vera boxt ihn in seine tatsächlich runder gewordenen Hüften und fährt fort. „Aber keine Angst ich habe mal eine Bericht gesehen, in welchem gesagt wurde, dass sich eine geringere Anziehungskraft erst nach Generationen auf den menschlichen Körper auswirkt. Somit sollten wir genießen, dass wir hier nur 90% unseres Erdengewichtes tragen müssen und alle außer vielleicht Ihr ..“, sie meint Beat, Mike, Christian, Stefan und mich „..sich eine wenig schneller fortbewegen können“.
Bei allem Gelächter über Mike verfalle ich in den Gedanken, warum ich nicht als kleiner Vierglashalter auf Vierglashalter geboren werden konnte. Ich schaue in die Runde und erblicke Sophie, die sich gerade intensiv mit Schlendria unterhält. Von einem Augenblick auf den anderen weiß ich warum. Doch was ist mit den anderen Bewohnern irgendwelcher mir unbekannten Planeten und Zivilisationen? Die Griesgramis breiten sich immer weiter aus. Wenn wir es nicht verhindern wird der Trübsinn Einzug in das noch verbleibende Universum halten. „Hey alter Trübsalblaser.“, ich bin Dumpfhirn so dankbar als er mir ein Vierglashalterweizen in die Hand drückt.
Wir befinden uns momentan immer noch im sogenannten Verteilerzentrum. Hier kann sich jeder aussuchen, wo er denn die nächste Zeit verbringen möchte.
„Ich empfehle Euch die mediterrane Zone.“, meint Trinkernase, als wir fragen, wo denn am meisten geboten wäre.
Wie er mir erklärt, gab es immer unterschiedliche Teams die im Universum ihren Auftrag verrichteten. Jeder bereiste das Gebiet das ihm gefiel und auf dem Weg zur Erde hatte sich eben die Garnison von der gleichen Klimazone von Vierglashalter gemeldet um dort mal für Stimmung zu sorgen. Sie wussten genau, dass sie einige von uns und die Engländer dort antreffen werden. Wir schließen uns der Empfehlung von Trinkernase an und beziehen, wie alle anderen auch, unser Quartier nahe der ehemaligen Hauptstadt in der mediterranen Zone, damit wir auf diesem, im Vergleich zu der jetzigen Bewohnerzahl, riesigen Planeten nicht vereinsamen und nachdem Stefan einige Yachten entdeckt, freuen wir uns schon auf seine ersten Startversuche. Die Tage verlaufen mehr als angenehm.
Sophie hat in Schlendria eine sehr gute Freundin gefunden und lässt sich mit weit aufgerissenen Augen die Sehenswürdigkeiten und die Lebensweise von Vierglashalter erklären. Die beiden und vielfach auch Karin, Heidi, Vera und Jessie unternehmen täglich Exkursionen mit dem Taxi rund um den Planeten. Fast täglich werden irgendwo von den dort stationierten Moderobotern neue Kreationen entworfen und bei den dann dort stattfindenden Modeschauen ist die gesamte weibliche Bevölkerung anwesend. „Wie Urlaub vom Urlaub“, meinte Dumpfhirn als wir zum erstenmal frauenfrei an der Strandpromenade saßen und uns bei einem Bier mal wieder „richtig“ über Frauen unterhielten. Auch hier unterscheiden wir uns nicht von den Vierglashaltermännern. Sind die Frauen weg wird gelästert, wobei wir uns wiederum nicht von den Frauen unterscheiden. Die Abende verbringen wir meist zusammen in einem der unzähligen Restaurants, Bars oder Discotheken. Aber auch unterschiedliche private Feiern auf einem der gewaltigen Anwesen kommen nicht zu kurz. Manchmal, wenn uns der Trubel zu viel wird, verschwinden Sophie und ich für ein paar Tage zum Skifahren oder lassen auf einer einsamen Tropeninsel die Seele baumeln. Auch die anderen sind nicht immer in der Hauptstadt anwesend. Doch man findet sich immer wieder zwanglos am Wochenende, oder besser an sieben von zehn Tagen hier ein.
„Zeugungsschmerz?“, Sophie guckt mich ziemlich entgeistert an, als sie mir gerade erklärt, dass sich die Befruchtung und das Kinderkriegen auf Vierglashalter kaum von unseren Paarungsgewohnheiten unterscheidet.
Wir haben uns für ein paar Tage auf unsere Lieblingsinsel zurückgezogen und genießen den Service unseres Hauspersonals. Ich versuche es ihr noch mal zu erklären:
„Na ja, Zeugungsschmerz eben, ihr Frauen redet immer über Geburtswehen und dass es wäre als wenn man als Mann einen Ziegelstein durch den Enddarm gejagt bekommen würde. Jedoch wir leiden wirklich schon genug. Wir erleben beim Akt den Zeugungsschmerz und als ob das nicht genügen würde, wir werden auch noch süchtig danach und wollen ihn immer wieder erleben. Daher kann man uns Männer auch als unfreiwillige Masochisten oder Beischlafsamariter bezeichnen, die das alles auf sich nehmen, nur um euch Frauen ein wenig Freude zu vermitteln. Will ja nur wissen ob die Vierglashaltermänner auch so selbstlos sind wie wir .“
„Dir geb ich was von wegen Zeugungsschmerz, alter Genießer.“, und ehe ich mich aus dem Staub machen kann, gießt sie mir schon den Inhalt des Sektkühlers samt Eiswürfeln in die Badehose, um genüsslich an ihrem Glas zu nippen und im Wasser zu verschwinden.
Ich tanze noch immer wie ein Derwisch am Strand herum und versuche auch den letzten Eiswürfel aus dem Badehosengefängnis zu befreien, als sie wieder aus dem Wasser steigt und mir, in sicherem Abstand, fröhlich zuwinkt. Zuerst denke ich noch an eine kleine Vergeltung, doch als sie mich am Liegestuhl mit einem frisch eingeschenkten Weizen begrüßt, sind alle Rachegedanken verschwunden und ich lasse mich zu einer weiteren Dr. Sommer-Stunde über Vierglashalter unter den Sonnenschirm fallen.
„Es bestehen bis auf ein paar merkwürdige Kleinigkeiten wirklich keine Unterschiede.“, legt Sophie wieder los.
„Sie fühlen wie wir. Sie denken wie wir. Sie haben auch die gleichen Interessen wie wir. Nur anatomisch sind sie ein wenig anders ausgelegt. Das Beachtenswerteste scheint mir, dass sie zwar bei übertriebenen Alkoholgenuss genau so schnell, wenn nicht sogar eher, betrunken werden und am nächsten Tag auch so leiden wie wir. Doch bei Ihnen tritt keine Schädigung der inneren Organe ein. Im Gegenteil, je mehr sie trinken desto mehr steigert sich ihr Immunsystem, die Leber wird immer leistungsfähiger und sogar das Hirn kann mit der Zeit absolute Höchstleistungen vollbringen, von Herz und Nieren ganz zu schweigen. Deshalb, so sagte mir Schlendria, die übrigens bei der Nebelkatastrophe auch eine Tochter und ihren Mann verloren hat, sei es bei der Kindererziehung immer schwer die Balance zwischen Steigerung der Körperfunktionen und den Katererscheinungen des Kindes zu finden. Es ist genauso, wenn wir unsere Kinder zum Sport schicken um den Körper ohne Muskelkater fit zu halten. Sie hatte immer die Devise „mäßig aber regelmäßig“ ihre Tochter abzufüllen.“
„Wirklich erstaunlich“, gebe ich zurück und denke noch mal darüber nach, was aus mir für ein Athlet geworden wäre, wenn ich auf Vierglashalter das Licht der Welt erblickt hätte.
„Bis auf wenige Ausnahmen, wie Dummsuff und Rotweinia, Schnapsi und Cocktaileria und noch ungefähr fünf bis zehn Paaren, sind die meisten Singles. Schlendria sagte mir, es wäre wie in einer Stammkneipe. Man kennt sich flüchtig. Mal lernt man sich näher oder ganz nah kennen. Mal gibt es so was wie eine Romanze. Es gibt längere Beziehungen, Eine-Nacht-Affären und natürlich Trennungen. Manche finden nie einen richtigen Draht zueinander, doch jeder oder jede wird freundlich und mit Respekt behandelt. Frauen oder Männer, die sich in einer Beziehung befinden sind für andere Tabu. Erst wenn man sich, einseitig ist ausreichend, getrennt hat, darf wieder um die- oder denjenigen geworben werden. Das ist ungeschriebenes Gesetz und hat sich mit der Evolution schon in den Genen festegesetzt. Es gibt keine Eifersucht. Neue Interessenlagen werden unmissverständlich mitgeteilt und ohne dass irgendjemand böse ist, geht man getrennter Wege, bis der Kreislauf wieder von neuem beginnt.“ Gebannt lausche ich dem, was Sophie zu erzählen hat und werde neugierig:
„Hat eigentlich Schlendria in irgendeinem Zusammenhang mal Christian erwähnt?“, versuche ich diplomatisch zu hinterfragen.
„Wieso Christian?“, sie blickt genauso unwissend wie ich, wenn mich jemand über Stefan ausfragen möchte.
„Nun ja, nur so“, flöte ich zurück.
„Du musst dich nicht verstellen, mein Süßer, ich war in jener Nacht im Riu zwar Tanzkönigin und ziemlich verzaubert, doch die Lampen habe ich mir nicht so wie du ausgeblasen und habe sehr wohl noch die Küsserei von Christian mit einer damals unbekannten, außerirdischen weiblichen Person gesehen. Ich weiß ja nicht was du weißt und seit wann, aber mir ist schon klar, das dies mehr ist als du mir bis jetzt gesagt hast.“ Überlegen schwenkt sie ihr Glas und mit einem schnippischen Augenaufschlag gibt sie mir zu verstehen, dass egal was ich weiß, es weitaus weniger ist als das, was sie schon erfahren hat.
Ich befinde mich in einem Zwiespalt. Ich bin neugierig wie ein Waschweib aber auch solidarisch zu Christian. Ich will vermeiden etwas zu sagen, was eigentlich niemand wissen sollte. Andererseits vertraue ich Sophie zu 110% sie hat ihr Gespür für komplizierte Situationen schon so oft bewiesen, kann, wenn es sein muss, schweigen wie ein Grab und mit dem Gedanken Christian ein wenig zu helfen erzähle ich ihr von seinen Blicken in der Lounge, von unserem Gespräch in der Bar und seiner Genussmaximierung am Strand.
„Irgendwie finde ich, sind es schöne Wesen.“, meint Sophie.
„Ich gebe zu sie vereinen alle guten Eigenschaften des Menschen miteinander, doch schön finde ich doch ein wenig übertrieben; außerdem was hat das letztendlich mit Christian und Schlendria zu tun?“
Ohne ein Wort zu sagen verschwindet sie an der Bar und als sie zwei Minuten später wieder zurückkehrt, reicht sie mir ein Glas mit rubinrotem Inhalt, der gegen die Sonne betrachtet einem Gemälde gleicht:
„Hier, um Dein Hirn und Herz ein wenig zu ölen.“
Ich nehme einen Schluck. Der weicheste Rotwein den ich je getrunken habe. Der Magen ist schon mal geölt, ich bin gespannt wann er die anderen Organe erreicht.
„Bist Du bereit?“, frägt Sophie, bestellt beim Butler sicherheitshalber noch ein Weizen falls das Öl ausgeht und beginnt schon mit ihren weiteren Erläuterungen:
„Wir Menschen sind so was von uns eingenommen. Wir betrachten uns als Maß aller Dinge, als die Krönung der Schöpfung, geschaffen als Gottes Ebenbild und was kam raus...? Kriege, Verfolgung, Unterdrückung, Völkermord, Leid; gemacht von den Menschen und das zu allen Epochen und bei allen Völkern. Wir haben nicht mal die Einigkeit besessen, dass wir wenigstens uns als menschliche Rasse als schön befunden hätten. Was nicht unserm Bild entsprach wurde zerstört oder ganz ausgelöscht. Ich habe die letzten Wochen viel von Schlendria und den anderen Vierglashaltern gelernt. Alles, wirklich alles ist schön. Ein Stein, eine Spinne, die komischen Hände der Vierglashalter oder ihre O-Beine. Erst das Denken kann jemand hässlich machen. Ich meine das Denken, das anderen Schaden zufügt. Ein Skorpion denkt nicht, wenn er dich sticht. Ein Hai denkt nicht, wenn er dich in Stücke reißt. Sie wollen nur überleben. Es sind ihre Instinkte. Wir sind Menschen. Wir hätten die Fähigkeit zu denken, dass wir Ihnen einfach aus so gut wie möglich aus dem Weg gehen sollten. Wenn ich das sage meine ich nicht, dass wir uns nicht gegen sie wehren müssen, wenn sie uns angreifen. Wenn ein Tiger Menschen reißt gehört er getötet, wenn Krokodile bei einer Überschwemmung in Wohngebiete einfallen gibt es auch keinen Kompromiß. Auch meine ich nicht das Schlachten von Tieren zur Ernährung. Ich will sagen, alle Geschöpfe sind schön und wir dürfen ihnen nicht nur aus Bosheit oder anderen niederen Beweggründen Schaden zufügen. Das Problem auf der Erde lag wahrscheinlich darin, dass wir einfach zu viele waren. Erst als sich die einzelnen Neandertalergruppen, der Cro Magnon Mensch oder sonstige unserer Vorfahren begegnet sind begann das Desaster.“
„Du hast recht, aber komm doch mal zum Punkt.“, ich könnte in einer anderen Situation ewig ihren Ausführungen lauschen, doch ich will endlich alles wissen, was Schlendria und Christian anbelangt. Sophie macht weiter:
„In den Augen der Vierglashalter ist alles schön, sogar wir und wir sehen wirklich putzig-komisch aus wie Schlendria meinte. Leben und leben lassen. Auch wenn auch sie für uns ein wenig eigenwillig anmuten mögen, so sind sie uns in ihrer denkerischen Schönheit weit voraus. Sie lieben zuerst alles und jeden und treten keinem auf die Füße. Erst wenn ihnen einer auf die Füße tritt, wird er hässlich und sie wehren sich dagegen. Sie leben den freien Geist der Selbstentscheidung eines jeden Individuums. Bei ihren Missionierungen kämen sie nie auf die Idee, dem bereisten Planeten die ewige Party aufzuzwingen. Wenn sie nicht wollen reisen sie eben wieder ab.
Doch das sei noch nie passiert. Und je mehr ich über ihre innere Schönheit nachdenke, je schöner finde ich sie auch als Menschen, Wesen oder wie du sie sonst nennen willst. Sogar Du hast schon kapiert, dass sie alles was uns jemals an Güte, Liebe, Verständnis oder sonst was über den Weg gelaufen ist, sich in ihnen vereint. Sie sind die personifizierte Vervollkommnung des perfekten Menschen. Sie sind schön und denken das gleiche von uns, sogar von Dir.“
Sie zwickt mich in meine große Nase. Ich weiß was sie meint.
„Ok, sie finden uns schön und nach deinen Ausführungen finde ich sie auch schön, aber die Erotik will sich eben doch nicht so richtig einstellen.“, gebe ich zu bedenken.
„Der Kuss ist schuld.“, endlich geht Sophie ins Detail.
„Aber bitte sage es vorerst keinem weiter, ich musste Schlendria versprechen dass ich es nur dir erzählen werde und für Dich habe ich mich bei meiner Ehre verbürgt.“
„Großes Pfadfinderehrenwort“, sie kann sich auf mich verlassen.
„Wenn eine Vierglashalterfrau einen allen anderen gleichenden auf einem Planeten küsst, verschwinden, vorausgesetzt die innere Chemie stimmt, alle Vorbehalte gegen das Äußere. Sie sehen zwar immer noch gleich aus, aber die Schönheit kann in echtes Begehren übergehen. Es ist also nicht gesagt, dass wenn sie dich küsst, ihr euch sofort die Kleider vom Leib reißt. Sie sagte mir, als sie vor ihrer Ehe noch Single war, hätte sie diese Praxis schon auf manchem Planeten erprobt, doch meist blieben die Frösche Frösche, aber ein oder zwei Prinzen seien dabei gewesen. Auch das sei ein Grund warum gerade Singles sich keine Erkundungsfahrt entgehen lassen, um im selig, alkoholisierten Zustand andere Planeten zu erkunden.“
„Ist doch wie bei uns, im halbblinden Zustand habe ich auch schon manche Schrabnelle geküsst, doch am nächsten Tag waren es immer noch Ruinen.“, versuche ich Gleichheiten hervorzuheben.
„Idiot.“, bekomme ich zu hören bevor sie hoffentlich bald auf das Wesentliche kommt:
„Es geht um die inneren Werte, um die innere Erotik die sich nach dem Kuß veräußerlicht. Ihr Männer könntet doch nie mit jemanden ins Bett steigen, wo auch die Optik nicht stimmt. Nüchternheit vorausgesetzt.“
„Ok, ok ich habs kapiert. Aber ich muss dich enttäuschen, wir sind nicht die einzigen die das jetzt wissen.“
Bevor ich weitersprechen kann fällt sie mir schon triumphierend ins Wort.
„Du meinst Jessie....Schluckspecht, ein sehr guter Freund von Schlendria hat ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit schon alles erzählt. Er war es den du mit Jessie aus der Bar heraus beim Spannen mit Stefan gesehen hast.“
„Hoffentlich sind alle Vierglashalterfrauen so verschwiegen wie Schlendria, dann sparen wir uns wenigstens die Neuigkeit in der Hauptstadtkneipe ans schwarze Brett zu nageln“.
„Meinst Du..“ fast gleichzeitig fangen wir damit an. Sophie überlässt mir das Wort:
„Meinst Du, dass Jessie jetzt irgendwie sauer oder eingeschnappt wegen Christian ist?“
„Ach nee, überhaupt nicht, die beiden haben schon darüber gesprochen. Ich kenne Jessie und Du Christian, die sehen das nicht so eng. Außerdem ist Jessie schon einen Schritt weiter und verfügt über eine weitere Erfahrung.“
„Sex mit einem Alien?“, will ich wissen.
„Nicht nur das. Die Sache mit dem Kuss habe ich dir ja schon erklärt. Klar das dies bei Vierglashaltermännern genauso funktioniert.“
„Dann können Vierglashaltermänner sicher Kunststücke.“, unterbreche ich sie.
„Typisch Mann. Nein, wenn sie das erstemal miteinander geschlafen haben, bekommt der jeweilige Gegenüber ein individuelles Gesicht. Sie können sich dann auch ohne Namensschilder immer wieder erkennen.“
„Ja wenn das so ist, muss ich ja zuerst alle Vierglashalterfrauen küssen und dann mit Ihnen ins Bett steigen und schon werden alle Namensschilder überflüssig.“, grinse ich Sophie an.
„Wenn du perfekt sein willst musst du auch die Männer mit einbeziehen.“, das Grinsen von Sophie schlägt meines um Welten.
An diesem Abend genießen wir ein perfektes Essen in unserem Meerespavillon, tanzen engumschlungen am Strand und mit dem Versprechen, dass wir es bei der Schönheit der inneren Werte der Vierglashalter belassen, schlafen wir unter dem Glasdach unseres halboffenen Schlafzimmers ein, um uns am nächsten Tag ins Wochenende der Hauptstadt zu stürzen.
Sanft setzt uns das gerufene Taxi nach einem kurzen Flug vor unserer Finca ab. Die Gärtner sprengen gerade den Rasen und schneiden die Hecken. Der Poolboy sorgt für frisches Wasser und aus der Küche strömen uns Düfte entgegen, die vergessen lassen, dass wir erst kurz zuvor, den Tag mit einem verspäteten Frühstück begonnen haben. Der Duft der Zitronenbäume umhüllt meine Gedanken. Ich mache hinter dem Haus eine kurze Besichtigung der Weinstöcke und freue mich schon auf die Verkostung des neuen Jahrgangs, vom Brennen des Grappas ganz zu schweigen, als Mike und Vera reifenquietschend mit ihrem Strandbuggy vor unserer Garage abbremsen. Hier auf Vierglashalter gibt es zwar sehr effektive Fortbewegungsmittel, doch die Jungs haben schon darauf geachtet, dass der Spaß nicht auf der Strecke bleibt. Vom Schlagen der Türen und der lauten Musik aus meinen Rezeptideen für die verschiedenen Olivenöle gerissen, laufe ich den beiden um das Haus herum entgegen. Auf halbem Wege winken mir die Zwei schon mit jeweils einer Bierdose in der Hand entgegen.
„Na die Arbeitswoche gut hinter Dich gebracht?“, möchte Mike wissen.
„Und das Arbeitszimmer wieder in einwandfreien Zustand hinterlassen?“, kann sich Vera nicht verkneifen.
„Da fragt ihr mal besser Sophie. Aber kommt doch mit auf die Terrasse, sicherlich kann uns Barkeeper einen leichten Aperitif zur Mittagsstunde mixen.“ Sophie kommt gerade vom Topfgucken aus der Küche, als wir es uns unter dem Schatten eines Palmenschirms bequem machen.
Vera und Sophie geben Küsschen. Mike und ich sehen uns an. Wir haben dieses Ritual nie richtig verstanden. Diese Bussi-Szene, die irgendwann mal aus der Schickeria auf uns Normalbürger, insbesondere Frauen übergeschwappt ist. Bussi hier Bussi da, vor lauter Begrüßungszeremonie vergessen sie meist, weshalb sie sich eigentlich treffen. Auch wir begrüßen alte Freunde oder Bekannte nach längerer Zeit des Nicht-Sehens gerne mit einer herzlichen Umarmung, doch Frauen schaffen es, drei Stunden zu telefonieren, auch wenn man nur 200 Meter auseinander wohnt, um als Schlusswort zu sagen: „Ok, bis in 5 Minuten im Café um die Ecke“ um sich dann küssend zu begrüßen und zu fragen, wie es denn so geht.
„Was verschafft uns denn die Ehre eures frühen Besuchs, normalerweise kommt ihr doch nie vor zwei Uhr nachmittags aus der Kiste?“, möchte ich wissen.
Mike gibt sich sehr geheimnisvoll und nimmt einen Schluck seines Manhattan. Ich schaue mir ihn eine Weile an und frage noch mal: „Ja was denn nun, rück schon raus mit der Sprache.“ Mike liebt solche Auftritte und ich versuche es bei Vera. Doch sie ist viel zu sehr mit Sophie und der neuesten Mode beschäftigt, dass ich aufgebe und mir selber an der Poolbar ein Weizen einschenke. Ich will mich gerade wieder setzen als Mike endlich seine Stimme wieder gefunden hat:
„Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt. Ich weiß doch wie neugierig du bist und wollte dich noch ein wenig schmoren lassen.“
„Ich neugierig? Ich bin vielleicht wissensdurstig, das ist der Unterschied, Männer sind wissensdurstig – Frauen sind neugierig.“ Trotz ihres intensiven Gespräches hat Sophie meinen letzten Satz mitbekommen. Ich weiß nicht wie Frauen das anstellen, doch noch bevor ich überhaupt zu grübeln beginnen kann oder Sophie ihr Gespräch unterbrechen würde, hab auch ich eine am Schienbein. Ich bin eindeutig der Ansicht, dass sie von Karin nicht alles annehmen sollte.
„Also gut Meister Wissensdurst.“, Mike hat wieder die Initiative übernommen:
„Es sieht so aus, als wenn es unterschiedliche Auffassungen über den Verlauf der Arbeitswoche gibt. Während ihr Arbeit mit Vergnügen verwechselt, haben wir uns hier die Köpfe zerbrochen, wie wir das restliche Universum retten können.“ Ziemlich erstaunt blicke ich zu Vera, die für Mikes Ausführungen das Gespräch mit Sophie unterbrochen hat, drehe meinen Zeigefinger an der Schläfe und zucke fragend mit den Schultern.
„Ach lass dich von dem nicht ins Bockshorn jagen.“, erklärt Vera „gesoffen haben sie wie die Bürstenbinder, wie gelangweilte Hausfrauen den neuesten Tratsch ausgetauscht und irgendwann, kurz vor dem Verlust der Muttersprache, in Erwägung gezogen, dass sie als Kreuzritter des Alkohols das Universum von den Griesgramis befreien sollten.“
Jetzt kann sich auch Mike das Lachen nicht mehr verkneifen und mit der Einsicht, dass es wohl so gewesen sein müsste, erheben wir die Gläser auf die Befreiung des Weltalls.
„Aber eines weiß ich ganz sicher.“, Mike’ s Augen strahlen fast vor Schadenfreude. „Christian hat was mit Schlendria und Jessie irgendwie mit Schluckspecht. Ich habe sie jeweils zusammen gesehen, als sie in ihre Zimmer verschwanden. Und ich bin nicht der Einzige, auch Trinkernase, Schluckadia, Cocktaileria und noch einige anderen haben sie schon händchenhaltend im Sonnenuntergang gesehen.“ Soviel also zur Geheimhaltung.
Nachdem es nun eh schon offiziell ist, klären wir die beiden über die Zusammenhänge von Beziehungen und Affären von Vierglashaltern mit Bewohnern anderer Planeten auf, wobei Mike ein schelmisches „Ich auch will“
über die Lippen kommt und prompt von Vera einen blauen Fleck ans Schienbein verpasst kriegt.
„Soll ich Euch ein Taxi rufen?“, frage ich die beiden, als sie beim Rückweg vom Klo schon ein paar Mal die Kurve nicht kriegten und im Pool gelandet sind.
„Nöh du, der Kutscher kennt den Weg.“, Mike zeigt auf Vera, die sich gerade ganz bombastisch, dem Pool ausweichend, den Zeh an einem Tisch angeschlagen hat.
Es ist noch früher Nachmittag, mit ein bisschen Schlaf, danach ein bis zwei Alka-Seltzer könnten sie es bis zum Abendgelage wieder hinkriegen. Ohne Widerstand tragen wir sie zum Taxi und mit dem Versprechen den Buggy abends mitzubringen, zeigen sie beim Einstieg noch lange Nasen und strecken uns bei der Abfahrt noch die Zungen aus der Heckscheibe entgegen.
Sophie und ich plantschen noch ein wenig durch die Wasserfälle, rutschen bis der Hintern brennt, zerknüllen noch ein wenig die Laken, schlafen ein Stündchen, machen uns frisch für den Abend und fahren mit Mikes Buggy gegen die nahegelegene Hauptstadt in unsere Stammstrandbar, wo es, wie gewohnt nach einer Arbeitswoche, eine herzliche Begrüßung gibt und eine ausgiebige Begrüßungsrunde getrunken wird.
„Wir haben einen Plan geschmiedet.“, lässt mich Trinkernase wissen, nachdem aus der ersten Runde nach einer halben Stunde, ungefähr drei oder vier geworden sind.
„Einen Plan für was- Hat es damit zu tun was Mike uns heute Nachmittag eröffnet hat und wir ausziehen werden um das Universum zu befreien?“ möchte ich wissen.
„Fast, denn bis vor ein paar Stunden stand nur die Idee, dass es wohl an uns hängen bleibt alles in die Hand zu nehmen. Inzwischen sind wir schon ein wenig weiter. Wir sind ja schon darauf gekommen, dass unser Überleben etwas mit Wodka-Brause zu tun haben muss. Somit haben wir alle Roboter angewiesen, das Hauptaugenmerk der Produktion auf Wodka und Brausebeutel zu konzentrieren. Wir haben auch schon per Funk die Flotte auf der Erde angewiesen alle Kräfte zu bündeln und möglichst viel von dem Zeug hierher zu schicken. Des weiteren entwickeln die Chemiker gerade einen synthetischen, in elektromagnetische Wellen umgewandelten Wodka-Brause-Schild, der unsere Raumschiffe bei unserem Flug zum Griesgramglobus umhüllen wird. Wir sind der Ansicht, dass wir das Übel bei der Wurzel packen müssen. Auf allen Planeten, die wir besuchen, werden wir, falls von den dortigen Bewohnern gewünscht, eine Schluckimpfung vornehmen, die sie Immun gegen den Nebel machen soll.“, klärt mich Trinkernase auf.
„Genau, Schluckimpfung für das Weltall“, unterstützt in Beat. „Obwohl eigentlich Schade, ich hatte mich gerade so schön an das schnelle Reisen auf Vierglashalter gewöhnt. Bei uns zu Hause verfiel ich immer von Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit, gefolgt von der Sommerträge direkt hinein in die Herbstdepression und schon war das Jahr um. Hier kann man jeden Tag so richtig nutzen.“
„Du bist doch ein Hirni. Hast du bereits unsere angenehme Reise hierher vergessen.“, erfrischt Heidi sein Erinnerungsvermögen.
„Nein, bei weitem nicht. Aber hier auf dem Planeten ist alles real, natürlich, eben so wie auf der Erde, ich weiß nicht, denn obwohl kaum ein Unterschied festzustellen ist, sehe ich doch auf dem Raumschiff in meinem tiefsten Inneren das Bild von einer Mogelpackung vor meinem geistigen Auge. Es ist irgendwie das Gegenteil von Stefan..., ein weiterer Vorteil der Namensschilder, ...nur wo Stefan draufsteht ist auch Weizen drin. Darauf kann man sich absolut verlassen.“
Sichtlich stolz erhebt Stefan sein Glas: „ Eben, darüber gibt es keine Diskussion.“
Christian, der genauso wie Jessie, heute zur Begrüßung seine neue Turtelei öffentlich gemacht hat, nimmt die Zunge aus dem Mickey Maus Ohr von Schlendria und bringt seine Zweifel zum Ausdruck: „ Ist ja alles schön und gut, ich glaube sogar, dass das Ding mit dem Schutzschild funktionieren kann, doch wie Ihr schon sagtet, seid ihr Euch schon vor ein paar tausend Jahren in die Quere gekommen..“, er blickt fragend in die Vierglashalterrunde. „..Und davor ward Ihr schon Ewigkeiten im Universum unterwegs, ohne dass Ihr den Griesgramis begegnet wäret. Somit gehe sogar ich mit meinen bescheidenen astronomischen Erkenntnissen davon aus, dass es selbst mit den schnellsten von euren Schiffen zehntausende von Jahren dauern wird bis wir den Griesgramglobus erreichen werden. Abgesehen davon, dass wir alle eine nur eine begrenzte Lebenserwartung haben, wie kommen wir immer wieder an frische Nahrungsmittel, falls wir keinen Planeten zur Aufstockung unserer Vorräte finden?“
Sophie meldet sich fragend zu Wort: „Ich habe mich auch schon gefragt, wie wir so schnell auf Vierglashalter ankommen konnten. Wir auf der Erde haben noch nie etwas von einem bewohnten Planeten gehört oder gesehen und selbst wenn wir mit Lichtgeschwindigkeit gereist wären, was sind schon ungefähr 42 Tage. Das Universum hat eine unendliche Ausdehnung.. ich glaube mir wird das alles ein wenig zuviel.“
Dumpfhirn beendet mit einem „Hoch die Tassen“ die astronomische Debatte:
„Ihr Ärmsten habt immer noch die Flause im Kopf, dass die Lichtgeschwindigkeit das Maß aller Dinge sein soll. Vierglashalter liegt, wenn man in dieser Dimension rechnet, soweit von Euch entfernt, dass wahrscheinlich einer eurer affenähnlichen Vorfahren, gestartet zu seiner Zeit, immer noch nicht hier angekommen wäre. Als wir an den äußeren Planeten eures Sonnensystems vorbeirauschten, geschah dies nur, um euch auch mal einen Blick auf die für euch soweit gewähnten Pluto oder Neptun zu gewähren. Wenn Ihr wollt „Sightseeing für Erdenbürger“. Zu diesem Augenblick sind wir quasi erst aus der Parklücke ausgeschert.“
Sophie hakt noch mal nach: „Ja schon, aber hat das gesamte Weltall nicht fast eine endlose Ausdehnung und du selbst sagtest mir damals in Mallorca, dass Ihr schon ewig unterwegs seid und den Griesis erst vor etlichen tausend Jahren begegnet seid. Ich kapier immer noch nicht, wie das geht, so kurze Zeit von Vierglashalter entfernt und dann kommt ihr erst nach einigen tausend Jahren wieder hierher. Vor allem, wenn der Griesgramglobus genauso weit von der Erde entfernt ist, warum seid Ihr Euch dann nicht schon früher begegnet?“
Dumpfhirn bestellt eine doppelte Runde des edelsten Vierglashalterwodkas: „Auf dass Eure Gehirnwindungen die richtige Drehzahl bekommen.“ er prostetet uns aufmunternd zu. Wir schütteln uns noch als er weitermacht:
„Wurmlöcher. Das müsstet doch sogar ihr wissen, abgesehen dass wir sowieso schon wahnsinnig flott unterwegs sind. Bei jedem Planeten, den wir schnell mal besuchen möchten, suchen wir nach dem nächstgelegenen Wurmloch, gehen dort in Startposition und schwupp, schon nach kurzer Zeit sind wir ungefähr genauso schnell wie wir von der Erde zu Vierglashalter benötigten, in jedem Sonnensystem des Universums.“
Sophie ist noch immer nicht ganz überzeugt: „Einiges hab ich verstanden. Doch verstehe ich immer noch nicht, wie es dann solange dauern konnte, dass Ihr den Griesgramis begegnet seid?“
Dumpfhirn bestellt noch eine Runde und einen Doppelten für Sophie:
„Wegen der Dreidimensionalität des Raumes, wie du weißt, begannen wir spiralförmig das All zu missionieren. Das ist nicht, wie ihr es euch vorstellt, eine Spirale nach außen gehend auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Ihr vergesst die Räumlichkeit. Wir mussten doch auch das davor und dahinter bereisen, so was kann dauern.“
Nicht aufgebend räumt Sophie ein: „Na gut, doch auch wenn ihr eine ballförmige, nach außen sich bewegende Spirale als Weg genommen habt, so hättet ihr trotzdem viel eher hier sein müssen. Wurmloch ist schließlich Wurmloch; auch hätten die Griesgramis schon viel eher auf der Erde eintreffen müssen.“
„Oh, habe ich ganz vergessen, die ollen Abstinenzler verfügen nicht über Kenntnisse des Wurmlochreisens.“ windet sich Dumpfhirn raus.
Schön langsam gewinnt Sophie die Oberhand: „Ok, aber ihr, ihr hättet doch schon viel früher die Erde erreichen müssen.“ Betreten erkennt Dumpfhirn, dass er sich irgendwie verrannt hat und bestellt nun für sich selbst eine Flasche und trinkt sie auf einen Zug leer. Von den anderen Tischen der Vierglashalter höre ich das Gelächter immer lauter werden, bis schließlich alle sich die Bierbäuche haltend, kringelnd auf dem Boden liegen. Und als plötzlich auch noch Dumpfhirn vor lauter Lachen vom Stuhl rutscht, bleibt uns Erdlingen nichts anderes zu tun als ein Runde zu bestellen und abzuwarten. Erst fünf Runden später erlischt schön langsam das Gelächter und sich die letzte Lachträne aus den Augen wischend erklärt uns Trinkernase: „Bitte entschuldigt, doch diese Geschichte ist wirklich einmalig. Vor vielen 100000 Jahren hatten wir schon einen Wurmlochplan vom gesamten Universum. Wahrscheinlich habt ihr es bei all dem Feiern auf dem Weg von der Erde hierher gar nicht mitbekommen. Aber das letzte, was von dem euch bekannten Universum auf unserem Weg lag, waren Pluto und Neptun. Schon gleich ein paar Galaxien weiter dahinter befindet sich ein Wurmloch, in welches wir direkt eingestiegen sind. Danach war das Schiff nur noch in einem Wechsel von hellstem Licht oder dunkelstem Schwarz eingehüllt. Ein ganz normales Wurmloch also. Diese Löcher sind überall im gesamten All verstreut. Die Kunst besteht darin es zu finden. Vergleicht es mit einem Salzkorn inmitten eines Sandhaufens, so groß wie ein Einfamilienhaus. Es ist nur einige Meter von uns entfernt, scheinbar zum greifen nah, doch ist es unmöglich es nur mit den Augen zu erspähen. Vor eben dieser langer Zeit hatten wir einen genialen Forschungsroboter. Er entdeckte alle vorhandenen Löcher und fertigte einen genialen Wurmlochplan vom ganzen Universum. Doch bevor dieser Plan vervielfältigt wurde, hatte dieser Wissenschaftler einen plötzlichen Defekt und musste entsorgt werden. Zur Sicherheit wurde dieser Plan einem Vierglashalter übereignet, der ihn bewachen sollte. Es ist einfach herrlich, Dumpfhirn ist wirklich ein genialer Kopf, doch wenn er sich in irgendetwas reinsteigert, vor allem wenn er schon einiges intus hat, kommt er vom zehnten ins hundertste und vergisst wie er die Geschichte zu ende bringen soll. Das ist ihm schon öfter passiert, dass er mit diesem Thema andere beeindrucken wollte und es mit Gelächter endete. Da unsere Standesamtwesen schon seit Entstehung unsere Zivilisation bis heute exzellent funktioniert, weiß jeder über seine Ahnenreihe perfekt Bescheid. Dieser Bewacher des Plans war ein Urahn von Dumpfhirn und der hat ihn irgendwo auf Vierglashalter, nachdem er vom vielen Aufpassen durstig geworden war, einiges reingekippt hat und dann ohne Orientierung eingeschlafen ist, einfach verbummelt. Erst vor ungefähr drei Jahren ist dieser Plan wieder hinter einer uralten Theke zum Vorschein gekommen und erst seitdem verfügen wir über die Fähigkeit Wurmlöcher zum Reisen zu nutzen.“
„Ich bin so stolz auf meine Vorfahren und versuche mich ihrer würdig zu erweisen.“, immer noch nach Luft schnappend nimmt Dumpfhirn gerade die zweite Flasche in Angriff.
„Du darfst mir ruhig mal auf die Schulter klopfen.“, meint Sophie, die uns mit ihrer Hinterfragerei wirklich einige Antworten ergattert hat. Christian der gerade im Begriff war sich wieder Schlendrias Ohren zu widmen meldet sich noch mal mit einem „ohne mich hättest du überhaupt keinen Einstieg gefunden“ bevor seine Zunge sich wieder mir unbekannten Zonen nähert.
„Ich bin fast stolz auf dich.“, füge ich meinem Schulterklopfen hinzu.
„Wieso nur fast, dich hat doch mit Sicherheit nur der elektromagnetische Wodka-Brause-Schutzschild interessiert, bevor du dich wieder Deinem Standardweizen ergeben hast?“
Von Stefan bekomme ich Rückendeckung: „ Es gibt keine Standardweizen. Jedes einzelne hat etwas besonderes, hat seine eigene Geschichte, sogar eine Zukunft, wenn auch meist in uns“, er prostet mir zu. Wir bekommen wieder mal eine vors Bein.
„Wenn unsere Sensoren richtig geschnüffelt haben, gibt es auf unserer schnellsten Route zum Griesgramglobus ungefähr noch 400 bewohnte, neutrale Planeten, die noch nicht von ihnen vereinnahmt wurden. Mit den vorhandenen Wurmlöchern können wir die Hälfte direkt erreichen. Bei den anderen sieht es ein wenig komplizierter aus. Wir müssen versuchen soviel wie möglich an Verbündeten zusammenzukriegen, damit wir vielleicht mit deren Unterstützung auch die anderen erreichen können. Es ist wirklich vertrackt. Ich hätte mir die Missionierung des gesamten Weltalls leichter vorgestellt. Denn wenn man bedenkt, dass dies nur der gerade weg ist, dann möchte ich nicht wissen, wie viele da draußen noch auf unsere Unterstützung warten. Doch das primäre Ziel ist und bleibt den Griesgramglobus zur Partymeile umzuwandeln, damit der schädliche Einfluß von Trübsinn ein für allemal der Vergangenheit angehört“, fasziniert lausche ich den Ausführungen von Trinkernase.
Wir befinden uns kurz vor dem Aufbruch. Die Wissenschaftler haben einen funktionierenden Schutzschirm um die gesamte Raumflotte von Vierglashalter installiert. Die Vorräte an Wodka Brause sind zwar gemessen an der ehemaligen Universumsbevölkerung nur gering, doch ist es innerhalb kürzester Zeit den Arbeitstrupps gelungen, einige dutzend sogenannter Agrarschiffe zu bauen, auf welchen ungefähr die gesamte Produktion der ehemaligen EU an Lebensmitteln, Bier und vor allem Wodka Brause immer innerhalb eines Tages aufs Neue produziert werden kann. Diese Schiffe werden allein mit Robotern am Leben erhalten. Sie haben nur eine Aufgabe: Uns und alle zu rettenden Planeten mit Vorräten zu versorgen.
„Eines habe ich immer noch nicht verstanden.“, Trinkernase sieht mich fragend an. Um die letzten Vorbereitungen immer im Auge zu behalten, befinden sich alle Vierglashalter und wir mittlerweile in der Kommandolounge. Einem schwebenden Riesending, das immer über den Planeten fliegt oder die Bauarbeiten außerhalb der Atmosphäre beobachtet. Es hat alle Annehmlichkeiten eines Missionsschiffes, nur das sich hier statt hundert nur zehn Roboter um das Wohl eines jeden einzelnen bemühen. Auch gibt es nur durchsichtige Außenfassaden, so dass wir immer aktuell sehen, wie weit die Roboter fortgeschritten sind.
„Woher bezieht ihr nur immer wieder die ungeheure Menge an Rohstoffen. Wenn seit jeher solche ungeheuren Mengen verbaut werden, dann müsste doch irgendwann Euer Planet von allem leergefegt sein?“
Die Antwort von Trinkernase veranlasst uns Menschen zu einem langen Blick in das vor uns stehende Glas.
„Guter Dünger und gute Böden.“, schießt es wie selbstverständlich aus ihm heraus.
„Bei uns wächst alles, sei es Hopfen, Getreide oder Zuckerrohr.“
„Das tut es bei uns auch, doch was ist mit nicht erneuerbaren Energien.“, legt Vera nach.
„Was sind nicht erneuerbare Energien?“, es ist das erstemal das Trinkernase wirklich keine Ahnung hat.
Wir versuchen zu erklären, wie es sich auf der Erde mit Öl, Kohle, Eisen, Kupfer usw. verhalten hat und abgesehen davon, dass ihm diese Stoffe gänzlich unbekannt sind erklärt er uns:
„Alles was wir brauchen wächst bei uns auf den Feldern oder kommt aus einer Plantage unter dem Meeresspiegel. Das Metall, wie Ihr es nennen würdet, für unser Schiffe wird angebaut. Für unsere Liegestühle brauchen wir keine Kunststoff; er wird angebaut, sogar die Energie beziehen wir aus uns. Dank der ausgeklügelten Technik auf Vierglashalter wächst jedes eurer Elemente immer wieder nach. Es gibt keine Versorgungslücken. Die Roboter mischen diese Produkte, verarbeiten sie und geben den Bewohnern alles was sie zu einem vernünftigen Leben benötigen.“
„Wie aus uns?“, Sophie ist wieder federführend
„Ja sagt bloß ihr kennt nicht das alte Verdauungslied von Benjamin dem Fürzchen?“. seine Kopfschüttelei mit einem Wodka-Brause ausnutzend, stimmt Trinkernase das älteste bekannte Vierglashalterlied an:
Ihr habt genossen den Wein und das Rind,
ihr hattet den Schnaps zur Verdauung bestimmt,
weiter gegessen und getrunken ihr habt,
an einer Frau Eure Herzen ihr labt,
doch wenn er kommt, werdet ihr sehn
euer bemühen nicht umsonst geschehen
ist auch weg die Frau oder der Mann
es ist einer da, der immer kann.
Benjamin das Fürzchen.
Der erbringet die Energie für alle.
Benjamin das Fürzchen
Die genutzt mit lautem Schalle.
Ihr habt getrunken sinnlos Bier und Wein
Es ist uns bestimmt, es muss so sein
Ihr hattet trinkend Spaß am Leben
Ihr seid Vierglashalter, so ist das eben
Und wenn die letzte Stund gekommen,
scheiß egal wir hab’n was mitgenommen
der letzte Gruß der uns entflieht,
Das ist Benjamin, den man nicht sieht
Benjamin das Fürzchen.
Der erbringet die Energie für uns alle
Benjamin das Fürzchen
Die genutzt mit lautem Schalle.
Karin ist so beeindruckt, dass ihr vor Staunen eine lauter Ton entfährt. Sie stammelt noch etwas von Entschuldigung, doch Trinkernase lässt sie wissen:
„Eure Einstellung zu gewissen Körperausdünstungen ist absolut ehrenhaft; doch nur für eure Augen ist es was abstoßendes. Wir haben unsere Chefwissenschaftler immer wieder in eure Unterkünfte geschickt und wir mussten feststellen, das alles, was ihr so von euch gebt mehr als das hundertfache an Energiegehalt beinhaltet, was wir fabrizieren können. Jetzt denkt nur nicht wir seien auf eure Fürze angewiesen, denn unsere Kraftwerke saugen aus der Luft die Magenwinde heraus und verarbeiten sie so effektiv, dass aus jedem einzelnen Windausstoß die 500000fach benötigte Jahresenergiemenge nur einer Person gewonnen werden kann. Aber zugegeben, es ist eine ungemeine Bereicherung.“
„Eine perfekte Symbiose“, meint Mike
„Vor allem wenn man bedenkt, dass Du ungefähr 20mal am Tag einen fahren lässt und somit die Energie für
1 Milliarde Leute für ein Jahr produzierst, nur ich Ärmste muss immer leiden“, Vera hält sich die Nase zu.
„Und du sagtest mir immer, ich läge nur sinnlos auf der Couch und furze stinkend unter die Wolldecke. Jetzt hast Du den Beweis dafür dass in Allem eine tiefere Bedeutung liegt.“, mit sichtlichem Stolz bestellt sich Mike bei einem der vorbeilaufenden Kellner ein Chilli, um den Energiefluß zu bereichern wie er meint.
„So wie sehe, sind die Vorbereitungen für unseren Aufbruch fast abgeschlossen. Ich denke in zwei – vier Tagen können wir starten. Ich freue mich schon riesig wieder ein paar Leute auf den rechten Weg zu bringen.“
Trinkernase reibt sich vergnügt die Hände und mit der Frage an Christian, ob er denn kein zuhause hätte, bestellt er sich auch ein Chilli um Mike bei der Energiegewinnung zu unterstützen.
„Alles bereit?“, Trinkernase ist im Begriff dem Obermaschinisten den Startbefehl zu geben. Eine riesige Flotte steht zu unserer Verfügung. Wir befinden uns auf einem der mondähnlichen Missionierungsschiffe. Im Schlepptau einige Erkundungsschiffe, noch ein paar Missionierungsschiffe, ein paar Versorger, einer schwebenden Vorratskammer, die wahrscheinlich dreimal die Erde versorgt hätte und noch etlichen anderen.
Auf Vierglashalter lassen wir trotz unserer Reise immer noch genügend Roboter zurück, die dafür sorgen, dass bei unserer Rückkehr alles wieder so anzutreffen ist wie bei unserer Verabschiedung. Dumpfhirn erklärte mir, dass auch ohne unsere Anwesenheit immer noch genug gespeicherte Energie für die nächsten Jahrtausende zur Verfügung steht, die von den Maschinen u.a. dafür genutzt wird, wieder den Robotervorrat aufzustocken.
„Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass unser erster Konvoi nur aus ein paar Wohnmobilien und LKWs bestand. Wir fallen wirklich zur Zeit die Treppe nach oben?“, Beat zieht tief beeindruckt an seinem Pfeifchen.
Wahrscheinlich sieht er in seinem augenblicklichen Zustand alles noch viel größer als der Rest. Die Entfernungen sind schwer abzuschätzen, doch wenn man genauer hinsieht und sich ein paar Entfernungsmesser zu Hilfe nimmt, zieht sich unser Reisezug, mit den entsprechenden Sicherheitsabständen, ungefähr über die Strecke von der Erde zum Mond. Da wir uns, auch für Vierglashalterverhältnisse, auf universellem Neuland befinden, schicken wir am Eingang zum Wurmloch erst mal ein unbemanntes Pionierschiff in die Bresche. Ein in allen nur erdenklichen Farben strahlender Strudel beginnt zu kreisen, als die Vorhut in das Loch eintaucht und binnen Sekunden aus unserem Blickfeld verschwindet. „Wir lassen denen mal ein wenig Vorsprung.“, erklärt uns Dumpfhirn. „Es kann einige Zeit in Anspruch nehmen, bis wir wieder die ersten Signale von Ihnen empfangen. Sie haben den Auftrag den ersten Planeten der auf dem Weg zum Griesgramglobus liegt zu besuchen. Es handelt sich um einen neutralen, dünn besiedelten Planeten. Wir wissen im Augenblick nur, dass er eine Atmosphäre ähnlich Vierglashalter oder der Erde aufweist und reich an Rohstoffen ist.
„Mich würde wirklich mal interessieren, woher ihr wisst, dass es sich um einen Neutralen handelt. Ich meine es könnte doch gut sein, dass die Griesgramis sich dort schon festgesetzt haben. Soweit ich weiß sprechen die Sensoren doch nur auf Alkohol an und wenn dort eben keiner zu finden ist.., warum sollte er nicht schon im finsteren Einflusskreis der Nichttrinker sein?“, Sophie besitzt wirklich einen bewundernswerte Scharfsinn.
Dumpfhirn, der gerade mit Schlendria, Trinkernase, Christian, Jessie und Schluckspecht wieder mal auf seine Vorfahren anstoßt, erklärt: „Unseres Chefentwicklers neuester Paukenschlag. Als fest stand, dass wir zu neuen Gefilden aufbrechen, bekam er von uns den Auftrag einen Planetenscanner zu entwickeln, der es ermöglicht alle Daten und sogar Bilder von dort im vornherein zu bekommen. Da wir jedoch schneller gepackt hatten als wir dachten und wir unbedingt aufbrechen wollten, kam er nicht mehr dazu das Gerät bis zur Endreife fertigzustellen. Aber was wir jetzt mit uns führen ist absolut ausreichend. Außerdem macht es die ganze Sache spannender.“ Diesmal ist sogar Sophie mit der Antwort zufrieden.
„Sag mal, hat dir eigentlich Jessie schon was von ihrer Liaison mit Schluckspecht erzählt?“, ich platze fast vor Neugier als ich Sophie frage. „Ha, ist da wohl wieder mal jemand wissensdurstig?“, genüsslich nimmt sie ein Häppchen vom Tisch und spült es mit einem nachmittäglichen Schluck Champagner hinunter. „Jetzt komm schon lass doch mal ein bisschen hören.“, gleich zerreist es mich.
„Willst Du das wirklich wissen, vielleicht wirst Du dann nur noch neidisch auf das, was die Vierglashaltermänner so alles draufhaben?“ So habe ich das noch nie betrachtet und ich wäge mit einem schnellen Grappa ab, ob ich die vielleicht schonungslose Wahrheit vertragen kann.
„Nö, eigentlich nicht, ich dachte nur, dass es vielleicht was Neues gäbe.“
„Ich kenn doch meinen Pappenheimer, wenn ich dir nicht gleich was erzählen werde, beißt Du vor lauter Neugier wahrscheinlich in das Tischbein oder gehst mit Stefan in die Kneipe nebenan, um Euch dort wieder irgendwelche Dinge aus den Fingern zu saugen, die sowieso jeder Grundlage entbehren.“, wo sie recht hat, hat sie recht.
Stefan der unfreiwillig unser Gespräch mitbekommen hat meldet sich zu Wort: „Ich habe einen Kompromissvorschlag. „Wir..“ er zieht mich schon am Arm hoch „.. wir gehen jetzt in die Kneipe nebenan, saugen ein wenig am Weizen, saugen uns danach was aus den Fingern und wenn uns der Schluckmuskel versagt, kommen wir zurück und du..“ er gibt Sophie einen galanten Handkuss. „... liebste menschgewordene Weisheit erklärst uns dann was wir alles falsch interpretiert haben.“
„Ach haut schon ab, ich geh derweil ein wenig mit Karin einkaufen. Wer weiß vielleicht werden wir bei unserer Ankunft auf dem neuen Planeten gleich zu einem Galaempfang eingeladen.“
Gerade als wir die Tür zum „Geschwätzigen Mondkalb“ aufstoßen, hören wir Christian hinter uns schreien:
„Lasst mir noch was übrig“ Ein paar Sekunden später keucht er heran: „Schlendria hat sich Sophie und Karin angeschlossen, ich denke ein Bierchen kann mir jetzt auch nicht schaden.“
Wir setzen uns in das menschenleere Lokal. Ein guter Platz um mal wieder richtig abzulästern, wie Christian meint. Der erste prebiersche Eco ist schon in unserem Magen gelandet und da es ziemlich heiß in dem Laden ist, bestellen wir uns zuerst ein amerikanisches Dünnbier, bevor wir uns dem Weizen widmen.
„Jetzt komm schon, raus mit der Sprache, was geht denn so ab mit Schlendria?“, will Stefan wissen. Dankbar dass er zuerst fragte und ich ausnahmsweise mal nicht der Neugierigste am Tisch bin, lauschen wir gespannt Christian’s Ausführungen: „Ich weiß ja nicht genau, was ihr alles gedenkt zu erfahren, aber schnallt euch gut fest. Es ist der Hammer. Also wenn wir rummachen ob im Bett oder am Strand oder im „Raum der Schwerelosigkeit“, dann....beginnt es damit, dass sie mit ihren sechsfingrigen Händen und ihrem Mund..........“ Christians Ausführungen entlocken uns immer wieder ein erstauntes „Ah“, ein zustimmendes „Mmmh“ oder ein begeistertes „Ja“ und obwohl wir unsere Frauen lieben, gehen wir am Ende seiner Ausführungen vor Geilheit fast die Wände hoch.
„Typisch Männer“, lässt mich Sophie an diesem Abend wissen, als ich ihr von unserem Umtrunk im „Geschwätzigen Mondkalb“ berichte. Da wir beide das Meer doch mehr lieben als die Berge, haben wir wieder ein Zimmer ähnlich dem auf unserem Flug nach Vierglashalter bezogen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass unser Haus jetzt direkt am Strand situiert und mit einem Aquapark ausgestattet ist. Entgegen unserer Gewohnheit den Abend trinkend mit den anderen zu verbringen, bleiben wir zuhause. Ich wusste nicht, dass Einkaufen so anstrengend sein kann. „Was heißt hier typisch Männer?“, möchte ich erfahren.
„Na ja, bei euch gibt es Situationen oder Fantasien, bei welchen der plötzliche Blutsturz ein absolutes Hirnvakuum verursacht. Und wenn ich sage Hirnvakuum, meine ich wirklich die unendliche Leere. Nicht so was halbseidenes wenn ihr euch wieder mal mit Weizen oder Grappa die letzten Lampen ausknipst. Das alles ist doch nur Kinderkram. Ok, ich gebe gerne zu, dass dieser Zustand der Stufe eines Primaten ähnelt und auch viel länger andauern kann. Ihr müsstet euch wirklich mal sehen, wenn ihr wieder einen über den Durst getrunken habt, aber wie gesagt, in euch steckt immer noch ein letzter Funken Anstand. Doch wenn es um Frauen, insbesondere um neue Frauen und eventuelle Spielereien geht, herrscht für einige Minuten das große Nichts in euerm Kopf; andere Körperteile hingegen scheinen vor Energie zu platzen und wollen nur noch raus aus ihrem Stall.“
„Jetzt lass mal die Kirche im Dorf.“, versuche ich mich herzuwinden. „Ich gebe ja zu, dass es doch recht prickelnd klang, was Christian so erzählte, doch ich hab deutlich gemerkt dass mein Hirn noch völlig intakt war.“
„Das war nicht dein Hirn, gedacht hat da ein ganz Anderer.“, Sophie kennt sich aus, doch ich gebe nicht auf:
„Also, wenn zu diesem Zeitpunkt das Denken nicht im Kopf stattgefunden hat, dann kann nur noch mein Magen gewesen sein, der nach Befeuchtung rief.“ Ich weiß, aus dieser Schlinge kann ich mich nur schwer befreien. Angriff ist die beste Verteidigung schießt es mir plötzlich durch mein bestens aufgelegtes Kleinhirn:
„Jetzt mal andersrum. Jessie hat dir doch sicher auch einiges in Bezug auf Schluckspecht berichtet, möchte mal wissen, wie du darauf reagiert hast. Hat es dich nicht auch irgendwie auf sehr feuchte Gedanken gebracht?“
„Ja klar.“, ist ihre Antwort. Sie verschwindet im Bad und lässt mich nachdenklich an der Küchentheke zurück.
Fünf Minuten – ich denke darüber nach. Zehn Minuten – ich trinke ein Glas Wein und denke darüber nach.
zwölf Minuten – ich leere einen Port und denke sehr intensiv darüber nach. Fünfzehn Minuten – ich brauch ein Bier.
Zwanzig Minuten – ein zweites Bier und einen Grappa, sehr sehr nachdenklich. Nach 21 Minuten höre ich sie aus dem Badezimmer rufen: „Trink nicht soviel, du musst mir nachher noch helfen.“ Noch helfen? Wenn sie nicht gesagt hätte, ich solle mich mit trinken bremsen, wäre ich noch schnell an die Cocktailbar gehuscht und ließe mir von Barkeeper einen Zombie mixen. Nach weiteren 20 Minuten ruft sie mir aus dem Ankleidezimmer entgegen: „Jetzt bin ich soweit, kommst du mal bitte.“ Ich schlurfe immer noch nachdenklich zu ihr. Sie steht vor dem riesigen Spiegel und ist gerade im Begriff ihr neu erworbenes Cocktailkleid anzuziehen. Ihre Haare sind nach oben gesteckt, sie ist perfekt geschminkt, vom betörenden Duft ihrer Haut ganz zu schweigen. „Kannst du mir bitte hinten den Reißverschluß hochziehen?“ Ich gehe einen Schritt näher und ziehe ihn nach oben.
„Jetzt kann es ja losgehen.“, zwitschert sie mir fröhlich entgegen und entzieht sich mit einer ausweichenden Bewegung meiner Hand. „Noch ein Rendezvous heute Abend?“, rufe ich noch als sie durch die Terrassentür verschwindet. Ich gehe ihr nach und erblicke sie im Gartenpavillon. Der Tisch ist perfekt gedeckt, mit Kerzen und Blumen geschmückt. Fackeln umringen den gesamten Pavillonbereich und einige Roboter warten nur darauf das Essen und den Wein aufzutragen. „Wen erwartest Du denn noch? Hat Dich das Gespräch mit Jessie so aufgewühlt?“, ich kriege Angst, ich möchte Sophie weder mit jemanden teilen noch ohne sie sein.
„Dich mein großer Nasenbär.“ Plumps, das war der Stein, der mir vom Herzen gefallen ist und als ob jemand meinen inneren Freudenschrei hören könnte, blicke ich mich tief beschämt um.
„Jetzt setz Dich doch erst mal.“, sie gibt mir einen Kuß auf Nasenspitze. „Ich versteh nicht.“ „pst“, macht Sophie und legt mir den Finger auf den Mund. „Später“, fügt sie noch hinzu. Wir plaudern über einige Belanglosigkeiten. Erst nach dem dritten Gang bekomme ich eine Erklärung:
„Natürlich habe ich mit Jessie gesprochen und natürlich habe ich bei unserem heutigen Einkaufsbummel auch mit Schlendria und Karin gesprochen und noch mal natürlich, ich wurde auch ganz aufgeregt, als Jessie mir von ihrer ersten Liebesnacht mit Schluckspecht erzählte. Vorhin als ich „Typisch Männer“ sagte meinte ich das auch so. Doch das „Typisch Frauen“ ließ ich unerwähnt. Schau, wenn wir auf der Erde eine Beziehung hatten und liebten, bist du da jemals fremdgegangen auch wenn Christian meinte, dass du Diese oder Jene mal probieren solltest.“ Guten Gewissens kann ich das verneinen. Ich hatte zwar mal eine Zeit mit sehr schnellen Wechseln und etlichen One-Night-Stands. Doch Fremdgehen, vor allem einer Frau die man liebt, nein. Sophie macht weiter: „Eben, Jessie tickt genau wie Christian. Sie hatte mir auch schon oft ein paar Typen nahegelegt, die absolute Künstler sein sollen. Ihr ging es immer nur um das Eine, bloß kein Gefühl investieren. Doch zu ihrer Verteidigung muss ich anfügen, sie ist ein gebranntes Kind, na ja vielleicht trifft so noch den Richtigen. Das ist jetzt mit Sicherheit keine Verurteilung von Christians und Jessies Handeln. Sie sind immer ehrlich und haben schon früher, genauso wie den jetzigen Gefährten, erzählt um was es geht und wenn Sympathie dabei ist...noch besser. Jedem sein Ding und solange man anderen nicht auf der Seele herumtrampelt ist das absolut in Ordnung. Um auf den Punkt zu kommen. Fantasien muss man haben. Du hast sie. Ich hab sie. Jeder hat sie. Doch ausleben will sie mit einer Person, der ich 100% vertraue, die mich kennt und der auch ich vertrauen kann. Mit dir. Und abgesehen davon, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen, dich ein bisschen im Ungewissen tappen zu lassen, Strafe muß sein.“
„Scheint ein Planet mit ziemlich komischen Einwohnern zu sein.“, meint Trinkernase, als wir in das Wurmloch eintauchen. „Komisch aber friedlich, und das ist wohl die Hauptsache.“
„Wie komisch?“, möchte Heidi wissen. Die Zeit, die wir in der Warteschleife verbrachten, nutzte sie meist mit Beat im Kräutergarten des Chefchemikers, um einige neue Pflänzchen zu testen.
„Sie arbeiten.“, Trinkernase schüttelt angewidert den Kopf. „Das mussten wir auch.“, gibt Vera zu bedenken.
„Nein, das ist es ja was sie dermaßen komisch macht. Sie hätten alles, so wie wir auf Vierglashalter. Bei euch war es, dass ihr arbeiten musstet um zu leben, gut es gab auch welche, die lebten um zu arbeiten. Aber speziell ihr habt es nie vergessen, was es bedeutet zu feiern und fröhlich zu sein. Die Arbeit war nur ein Mittel zum Zweck. Doch bei denen ist es doch sehr befremdlich. Sie haben alles. Sie können auch durch ihre Arbeit nicht mehr erreichen. Für jeden ist der gleiche Standard wie bei uns vorgesehen. Doch was tun sie? Sie gehen ins Bergwerk, kriechen durch die Kanäle, schaufeln Mist oder was sonst noch. Sie arbeiten von morgens bis abends und jammern jeden Abend wie schlecht es ihnen doch geht. Sie müssten nur die Schaufeln und Hacken beiseite legen und nichts würde sich ändern. Sie würden von Robotern versorgt werden. Komisch, Komisch, Komisch.“
Trinkernase kann immer noch nicht fassen, was der Spähtrupp da entdeckt hat.
Entgegen früherer Besuche von Vierglashaltern auf fremden Planeten, bei welchen innerhalb einer Nacht der ganze Planet in Extase versetzt wurde, landen wir, mangels Tänzern und DJs, mit einem kleinen Erkundungsschiff auf einer Kolchose irgendwo im Hinterland einer kleinen, traurigen Stadt. Alles ist zweckmäßig grau in grau. Keine Gärten, keine Schwimmbäder, keine Theater oder Kinos. Hier scheint das Leben nur aus Arbeit und sich ausruhen für die Arbeit zu bestehen. „Man kommt sich vor wie im Gulag.“, bemerkt Mike beiläufig.
Wir treffen auf ein paar Landarbeiter die hinter einem vollen Erntewagen trotten. Zwangsläufig bekomme ich den Eindruck, dass hier die Zeit stehengeblieben sein müsse. Der Wagen wird von Pferden gezogen. Die Kleidung erinnert an die Landbevölkerung in Frankreich kurz vor der Revolution. Die Werkzeuge und Hilfsmittel verstärken dieses Bild. Sensen, Dreschflegel, Sicheln. „Wahrscheinlich haben die gerade im Hinterhof noch die letzte Hexe verbrannt bevor wir eintreffen.“, Mike klopft Vera auf den Hintern. „Schau zu, das du der Inquisition nicht in die Hände fällst.“ Bevor Vera noch ängstlich nachfragen kann, weiß Dumpfhirn sie zu beruhigen: „Glaub mir, sie sind friedlich, nach Innen wie nach Außen, auf diesem Planeten ist noch niemand gewaltsam ums Leben gekommen. Sichtlich beruhigt schnappt sich Vera ein Bier von der neben uns schwebenden Bar. Das Ganze gleicht einem Rosenmontagszug. Bis auf einige Wenige, die noch an Bord ihren Kater auskurieren müssen, befinden sich alle auf der Planetenoberfläche. Selbstverständlich haben wir nicht versäumt ein wenig Equipment mitzunehmen. Da wären einige Restaurants, einige Diskotheken und natürlich die Schwebebars, die uns auf Kommando mit allem Nötigen versorgen. Das Prunkstück der Sammlung ist das „Megaelixier“, ein Laden der gut und gerne 100000 Leuten Platz bietet, das gerade kurz vor der Stadt in Parkposition geht. „Und was jetzt“, will Heidi wissen. „Zieh mal“, meint Beat „Die Lösung kommt von ganz alleine.“ Wir hören wie Trinkernase ein Kommando gibt. Der Zeremonienmeister hat sofort verstanden. Um den Leuten den Weg zu verkürzen, gehen ein Restaurant und eine Bar auf der Straße in Position.
„Wir hatten diese Situation schon öfter. Zuerst wissen die bereisten Planeten überhaupt nicht was eigentlich gespielt wird. Die denken wir sind von einem anderen Stern.“ Christian sieht Trinkernase an. „Ich vergaß, sind wir ja tatsächlich.“, fährt Trinkernase fort. „Normalerweise passiert das im Großen. Auf dem ganzen Planeten werden immer nahe an den Siedlungen unsere Vergnügungspaläste positioniert. Die Leute wollen natürlich wissen, was da wohl passiert, vielleicht gibt es ja was umsonst. Und genau das ist es. Neugierig sind alle im Universum und wenn es was umsonst gibt, wären sogar eure ehemaligen Schwaben bei Fuß. Wir beginnen dann einfach mit dem was wir am besten können. Wir trinken uns warm und nach ein wenig vorglühen haben wir die größte Party am Laufen. Aber da erzähl ich ja euch nichts Neues. Zuerst schauen sie nur diesem völlig neuen Treiben zu. Anfänglich am Eingang der jeweiligen Lokalität, dann im Foyer, wo wir übrigens auch immer was zum trinken bereit stehen haben, und früher oder später probiert mal einer ein Bier. Schmecken tut es allen. Dann noch mal eins, vielleicht einen leckeren Cocktail hinterher und wenn sie dann merken, dass sie immer mehr ihre Scheu verlieren und wir ihnen keinen Schaden zufügen, tanzen sie meist schon auf den Tischen.“
„Das will ich sehen.“, meint Stefan und stürmt mit Karin im Schlepptau in die Bar, wo gerade ein Barkeeper die Tür aufsperrt. Die meisten Vierglashalter sind da ein bisschen weiser. Ihr Weg führt sie zuerst in das Restaurant, um ein ausgiebiges Katerfrühstück zu genießen.
„Aber ich hab doch gar keinen Kater.“, sage ich zu Sophie, die mich auch ins Restaurant schleppen will. „Wenn ich so recht überlege, ich eigentlich auch nicht.“, kommt es von ihr zurück.
„Eben, das wäre doch Perlen vor die Säue geschmissen. Lass uns zuerst mal was trinken, der Kater kommt dann mit Sicherheit, außerdem steht das Restaurant noch länger.“ ,ich bin völlig überrascht, dass Sophie meinem Vorschlag vorbehaltlos zustimmt, obwohl aus dem Restaurant die köstlichsten Düfte in unsere Riechnerven kriechen. Wir setzen uns zu Karin und Stefan, die uns mit vier dunklen Weizen überraschen.
„Woher habt ihr gewusst, dass wir kommen werden? Wenn Sophie nicht zugestimmt hätte, wäre ich auch zum Essen gegangen. Aber was mich am meisten verblüfft, woher ist dieses dunkle Weizen?“, ich proste kurz mit den Dreien, es schmeckt fantastisch. „Das wir genügend Weizen mithaben und auch die Braumeister auf Vierglashalter immer für Nachschub sorgen war mir klar, doch das Dunkle haben wir doch auf der Erde vergessen und ohne Rezept kriegen es nicht mal die Blechis von Vierglashalter so genial hin.“
„Alles Gute zum Geburtstag“, ich kriege von Stefan eine herzliche Umarmung. Karin folgt ihm nach.
„Alles Liebe und Gesundheit und das du immer so bleibst wie Du jetzt bist“, jetzt kriege ich sogar einen Kuss von Sophie. Ich rechne kurz nach. „Scheiße jetzt hab ich doch glatt meinen Geburtstag vergessen und ihr habt daran gedacht, oh Mann, ich bin so froh, dass es euch gibt.“
„Das dunkle Weizen hast du Stefan zu verdanken, er hat nächtelang mit dem Oberbraumeister getüftelt, damit dieses edle Getränk dabei herauskam. Sie stöberten in alten Rezeptbüchern, vermischten die verschiedenen Hopfensorten, maischten und kochten, kühlten ab und ließen es lagern. Das Resultat befindet sich in diesem Glas und das Beste; es wird ab sofort immer genügend davon zur Verfügung stehen.“, klärt mich Sophie auf.
„Gelitten hab nur ich.“, erwähnt Karin mit einem Augenzwinkern. „Nachdem, wie er sagte, das Bier ja verkostet werden muss, damit es deiner würdig ist, kam er nächtelang mit einer rot-blauen Nase und einer ausgedehnten Fahne nachhause.“
„Selbstlos wie ich bin. Und wenn ich recht bedenke, ist es wirklich piepegal, ob wir uns mit dem Datum wegen unserer Reiserei verhaut haben könnten, das Ergebnis meiner Forschung ist beeindruckend.“, ihm ohne Einschränkung zustimmend, stoßen wir an und leeren das Glas in einem Zug.
Die Landarbeiter sind hungrig. Sie spitzeln schon den Gerüchen folgend in das Restaurant. Videoüberwachung ist manchmal was Feines. Von unserem Tisch können wir alles beobachten. Auf meine Frage hin, ob überall, also auch in unseren Zimmern, Kameras installiert sind, beruhigt mich Dumpfhirn zu einem späteren Zeitpunkt:
„Da kannst du unbesorgt sein. das machen wir nur bei der Missionierung von unbekannten Planeten, damit jeder von uns sieht, was man noch verbessern kann, damit sich die Leute auch richtig wohlfühlen. Auf unseren Schiffen und auf Vierglashalter ist das absolut tabu.“
„Ja spinn ich denn, müssen die einen Kohldampf haben.“, Stefan zeigt auf den Monitor. Die ersten Mutigen am Buffet laden gleich drei Teller voll auf, um schon auf ihrem Weg zum Tisch die Hälfte eines Tellers in sich hineinzustopfen. „Ist wie deutsche Touristen „all inklusive“ in der Karibik.“, bemerkt Sophie. „Bei denen kann ich es noch verstehen, die wissen nicht, dass es später auch noch etwas gibt.“ Die Kellner sorgen bei den Sitzenden immer für volle Teller und nach kurzer Zeit ist der ganze Landarbeiterzug fleißig am spachteln und lässt es sich schmecken. Zu trinken gibt es für die Jungs vorerst frisches Bier vom Fass, damit sie nach ihrer schweren Arbeit nicht sofort von den Stühlen purzeln. Nachdem alle gesättigt sind und ihnen anzusehen ist, das nicht mal mehr ein kleines Dessert Platz hat, reichen die Kellner einen Verdauungsgrappa. Man spürt schon aus der Entfernung, wie gut der ihnen durch die Speiseröhre rinnt. „Das war wohl der erste Schritt, bin ja gespannt wie es weitergeht.“, Stefan ist ganz aufgeregt. Die Vierglashalter haben sich nicht lange mit dem Katerfrühstück aufgehalten. Während die Arbeiter gerade beim zweiten Gang waren, hatten sie schon die fünfte oder sechste Runde Morgenprossecco hinter der Binde. Wegen dem Kreislauf, wie mir Dumpfhirn vor einiger Zeit weismachen wollte. Jetzt tanzen die ersten schon auf den Tischen und mit einem Prossecco für jeden der Neulinge in der Hand, fordern die Vierglashalterfrauen die gesättigten Münder zum tanzen auf. Zwar noch ein wenig unbeholfen in der Schrittfolge, doch nach einem weiteren Grappa voll im Rhythmus klatschend werden sie schön langsam warm.
„Jetzt müssen wir aber Gas geben, bevor die mit einer Polonaise hier reinstürmen.“, das aus Sophies Munde.
Um ein wenig munterer zu werden, kippen wir schnell zwei Ecos, verstärken das ganze mit Sekt und um nicht ganz abzuheben, lassen wir noch ein dunkles Weizen die Geschmacksnerven kitzeln.
„Ich glaubs einfach nicht.“, Karin bestellt sicherheitshalber noch eine Runde.
Ehe wir uns umschauen, werden wir schon von den Tischen hochgezogen und in die Polonaise eingereiht.
„Polonaise Blankenese.“, wir hätten doch schneller trinken müssen.
Kaum hat der Spuk begonnen, führen die Vierglashalterdamen schon den ganzen Zug wieder nach draußen und begleiten sie singend in die Stadt. Ein paar Roboter ziehen den Karren und helfen, zuhause angekommen, beim abladen . Kurze Zeit später sitzen wieder alle, diesmal ohne die feiertauglichen Jungs, in der Bar.
„Da staunt Ihr, was?“, Schluckadia ist noch ganz außer Atem.
„Wir sind wirklich tief beeindruckt, doch warum habt ihr die Party schon abgebrochen. Es begann doch gerade richtig lustig zu werden?“, möchte ich wissen.
„Das ist doch ganz einfach.“, es spricht die Soziologin: „Für die Bewohner dieses Planeten ist Partymachen absolutes Neuland. Es gefällt ihnen und sie werden sicherlich diese Erfahrung nie vermissen wollen. Doch wenn wir sie schon gleich beim ersten Kontakt mit Alkohol dermaßen abfüllen, dass ihnen drei Tage das Essen aus dem Gesicht fällt, wäre es zuviel des Guten. Es ist wie in allem. Gut essen ist toll, doch zuviel dann gibt’s Bauchschmerzen. Wir sind es gewohnt. Ein kleiner Kater ist bei uns bald mal vergessen oder wir lassen ihn mit einem Bierchen am Morgen überhaupt nicht erst aufkommen. Wir wollen ihnen doch nicht bei einer guten Sache von Anfang an den Spaß nehmen.“
„Genauso ist es, wir haben ihnen gesagt, sie sollen heute Abend mit der ganzen Stadtbevölkerung ins Megaelixier kommen, damit wir dort weitermachen können.“, sicherlich hat Schlendria auch etwas in Sophies Richtung studiert. „Wir haben ihnen gesagt“...die Worte von Schlendria geben mir noch Rätsel auf. Ich wende mich an sie:
„Lass mich mal ganz blöd fragen, soviel ich weiß habt Ihr die Gurgelfroschsensoren, aufgrund deren Ergebnisse ihr die jeweiligen Sprachen lernte. Soweit richtig?“ Schlendria nickt.
„Aber auf diesem Planeten gab es bis zu unserer Ankunft überhaupt keinen Alkohol, somit konntet ihr doch auch nicht wissen mit welchen Lauten sich die Leute hier artikulieren.“
„Absolut richtig“ erklärt Schlendria. „Doch du wirst staunen. Diese Leute sehen zwar bescheiden aus, sind aber bei weitem nicht blöd. Da sie während ihrer jahrelangen, stumpfsinnigen Arbeiterei sowieso nie richtig mit Worten ausgedrückt haben, entwickelten sie eine sprachlose Kommunikation, die es ihnen ermöglicht, die Gehirnwellen anzuzapfen und somit ohne Worte mit anderen zu sprechen. Wenn Du jetzt glaubst sie wären Gedankenleser, dann bist Du auf dem Holzweg. Das geht nur wenn man sich total öffnet und es zulässt. Bei vielen anderen hat diese Methode versagt, da jeder meist geistige Scheuklappen trägt. Aber du kennst uns. Erstens sind wir für alles offen und zweitens, wenn man genug getrunken hat, sind diese Abwehrmechanismen eh schon beim Teufel...Abgesehen davon, die Sprache hätten wir sowieso während einer Nachtsitzung erlernt.“ Schön langsam wird mir immer klarer, dass wahrscheinlich wir Menschen die größten Deppen im Universum sind. Ich frage mich gerade, warum die Landarbeiter schon kurz vor der Mittagsstunde ihren Weg nachhause angetreten sind, als Jessie mich fragt: „Du bist doch mit Christian gut bekannt, bist du wirklich sicher, dass er nicht sauer ist, wenn ich ein wenig mit Schluckspecht rumziehe?“ Ich bin erstaunt über diese Frage da ich annahm es sei alles aufs beste geregelt.
„Ja klar, mir wäre jedenfalls nichts gegenteiliges bekannt. So wie ich das sehe, amüsiert ihr beiden euch doch prächtig und daran ist nun wirklich nichts auszusetzen.“ Ich komme nicht dazu, mich weiter mit ihrer Fragestellung zu beschäftigen. Wir müssen noch mal zurück aufs Schiff um uns für den Abend vorzubereiten.
„Das Rote, das Blaue, oder das kleine Schwarze?“, Sophie steht unschlüssig im Ankleidezimmer und kann sich wegen der immensen Auswahl wieder mal nicht entscheiden. „Wie wär’s mit einem Bärenfell, dann hast Du sicher die Bewunderung der gesamten Bevölkerung auf Deiner Seite.“, mich ignorierend schlüpft sie in das Schwarze und verschwindet im Bad um den Lidstrich zu vervollkommnen. Ich schnappe mir ein Büchse Bier und beschließe am Strand ein wenig die Abendsonne zu genießen. Gerade als ich es mir im Liegestuhl bequem gemacht habe, sehe ich Christian zwischen den Palmen hervorkommen: „Hast Du mir auch Eins, das Schminken kann bei Schlendria wahrscheinlich noch ewig dauern.“ Ich gehe schnell zur Strandbar und lasse mir von Barkeeper einen Eimer Eis mit einigen Bierdosen geben. Christian sieht ein wenig so aus, als ob er jemanden zum reden bräuchte. Als ich ihm eine Dose reiche sprudelt es auch schon aus ihm heraus:
„Ich weiß nicht, was ich machen soll. Du kennst mich. Für ein Abenteuer bin ich immer zu haben. Doch jetzt haben wir den Salat, ich glaube Schlendria hat sich in mich verliebt. Weißt du, ich hatte die letzten Wochen viel Zeit um über mich, meine Zukunft und überhaupt alles nachzudenken. Schlendria ist wirklich ein Supertyp, aber eine längere Beziehung mit ihr kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Wir haben zwar sehr viel gemeinsam, doch fehlt noch das gewisse Quentchen. Wir haben wirklich viel Spaß miteinander, wie du sicherlich schon bemerkt hast. Wir trinken, rauchen, feiern zusammen, im Bett klappt es auch ganz gut, doch es ist nicht Das.
Fast beneide ich dich und Sophie ein wenig. Zuerst dachte ich, es wäre doch super, wenn ich das Gleiche mit Jessie haben könnte. So wären wir Erdlinge alle versorgt. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr spukte mir immer die süße Italienerin im Kopf rum. Weißt du noch? Eine von den Vieren, die mit den drei Jungs nach Griechenland abgedüst ist. Ich habe keine Ahnung, ob wir sie jemals wieder sehen werden. Aber irgendwann möchte ich wieder nachhause oder zumindest zurück auf die Erde. Kurzzeitig dachte ich auch darüber nach, dass ich es mit Jessie versuchen könnte. Viele Leute sagen ja, dass Liebe auch wachsen kann, doch gestern eröffnete sie mir, dass sie und Schluckspecht für immer zusammenbleiben wollen.“ Jetzt weiß ich auch, auf was Jessie heute Nachmittag hinauswollte. Christian macht weiter: „Eigentlich bin ich ganz froh darüber. Ich meine das Weltall ist unendlich groß und irgendwann treffe ich vielleicht mal jemanden der zu mir passt. Nachdem Jessie mir das mit Schluckspecht erzählt hat muss ich mir darüber wenigstens keine Gedanken mehr machen. Nur was mache ich mit Schlendria?“ Au Mann, ich wollte wirklich nicht in seiner Haut stecken und frage noch mal nach:
„Willst du dann Schlendria reinen Wein einschenken?“
„Ich weiß nicht. Ich will sie ja auch nicht verletzten, außerdem gefällt mir die jetzig Situation so schlecht auch wieder nicht. Es wäre alles so schön gewesen, wenn sie das mit dem Verliebtsein nicht angesprochen hätte.“
„Tja, ganz schön verfahren das Ganze. Aber ich denke über kurz oder lang muss die Wahrheit auf den Tisch, sonst steigert sie sich noch weiter rein und du weißt, dass das nur mit Tränen und Leid enden kann.“
„Ich weiß, ich weiß.“, fast resigniert nippt er an seinem Bier.
Wir kommen nicht dazu die Sache weiter zu erörtern. Sophie spaziert mit perfekt gezogenem Lidstrich auf uns zu: „So ihr Trantüten, können wir jetzt endlich los?“
Sehr froh darüber, dass es wieder etwas zu feiern gibt, schließen wir uns ihr an und besteigen die Fähre, die uns wieder zurück auf die Planetenoberfläche bringt.
Das Megaelixier erwartet uns komplett ausstaffiert. Die Barkeeper stehen bereit und alle haben sich in Schale geworfen. Es fehlen nur noch unsere Gäste. „Meinst Du, wir könnten ihnen auch das Rauchen beibringen, der Chefbotaniker hat wirklich eine Wahnsinnsrezeptur zusammengezüchtet.“, verzückt zieht Heidi an der neuen Kräutermischung und sieht Trinkernase fragend an. „Ja klar, lass ihnen aber eine Chance auch genug zu trinken und zu feiern, denn wenn es so wird wie bei Euch beiden...“, er sieht Heidi und Beat amüsiert an. „..bekommen sie vom Abend nichts mehr mit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ihr euch demöfteren dermaßen zugeblasen habt, dass ihr die ganze Nacht damit verbrachtet die Sandkörner am Strand zu zählen und jedem einzelnen einen Namen zu geben. Ihr hättet euch wirklich sehen müssen. Wir haben uns scheckig gelacht.“
„Ihr müsstet uns dankbar sein, stellt euch doch nur mal vor, wenn wir noch ca. 2 Millionen Jahre Zeit hätten, wäre Vierglashalter der einzige Planet mit namentlich bekannten Sandkörnern, wir würden in die Geschichte eingehen“, sichtlich stolz auf seine Bereicherung des Standesamtwesens auf Vierglashalter nimmt Beat einen Zug von seiner neuen Pfeife.
„Sie kommen, sie kommen.“, Stefan ist wieder ganz aufgeregt.
Wie bei einem Stehempfang wuseln die fleißigen Kellner zwischen den Bewohnern hin und her und versorgen sie mit kleinen Häppchen und Sekt zum Warmwerden. Auch sie haben sich in Schale geworfen. Doch irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass das Megaelixier ein wenig überdimensioniert ist. Die angrenzende Stadt hat bei weitem nicht die Einwohnerzahl, die nötig wäre um den Laden voll zu kriegen. Nur zu einem Drittel gefüllt startet nach dem üblichen Warmmachen nach und nach die Fete. Wie mir Dumpfhirn sagte nennen sich die Einwohner einfach Arbeiter. Er meinte, dass sie uns sehr ähnlich sehen und in der Tat, wenn man von den flachen Hinterköpfen und ihrer Hautfarbe, grau in grau, absieht, gingen sie glatt als Menschen durch. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen sprachlos mit ihnen zu kommunizieren. „Das ist deshalb für Dich so schwer, weil du sowieso immer den Schnabel offen hast.“, meint Sophie. „Bei dir ist es doch immer so, dass du zuerst hören musst was du sagst, bevor du weißt was du denkst.“, fügt sie lachend hinzu. Über diese Worte nachdenkend mische ich mich unter die Arbeiter um zu hören, was ihre Gedanken zu sagen haben. An einem Bierstand treffe ich auf eine Gruppe Frauen, die gekleidet wie Quäker beim sonntäglichen Kirchgang, vorsichtig das frisch gezapfte Pils probieren. Dazwischen entdecke ich Christian, der gerade intensiv mit einer jüngeren Frau um die Wette denkt. „Komm gesell Dich zu uns.“, winkt er mir zu. „Ich habe schon viel von ihnen erfahren.“
„Kann ich mir denken.“, gebe ich zurück. Wahrscheinlich ist der Gute wieder auf Brautschau. Mit der Entschuldigung, dass ich mir auch schnell ein Bier holen müssen, schlendre ich ein wenig weiter. Immer wieder denke ich an die Worte von Trinkernase, dass die Arbeiter auch genügend Roboter zu Verfügung hätten. Doch seit unserer Ankunft, habe ich nirgends Anzeichen einer höheren Technisierung als den Ochsenpflug gesehen.
Ich tingle an einen Weizenstand, um dort Stefan vorzufinden, der gerade einem Arbeiter das schaumfreie Einschenken beibringt. „Klappt doch schon ganz gut.“, höre ich ihn sagen. „Und das beim ersten Mal“, meine ich das der Arbeiter antwortet. Mit einem bisschen Konzentration oder besser mit noch ein paar Bier kriege ich das schon hin. „Hast Du Sophie gesehen?“, frage ich Stefan. „Ich glaube, sie unterhält sich an der Cocktailbar unten am Wasser mit Karin, wenn sie noch stehen können.“, bekomme ich zur Antwort. Nach einem Stärkungsweizen mit Stefan und dem Arbeiter begebe ich mich auf die Suche nach ihr. Vielleicht kann sie mir helfen das Geheimnis der fehlenden Roboter zu ergründen.
Wenn ich eine halbe Stunde später an der Cocktailbar eingetroffen wäre, hätte Stefan recht behalten. Karin und Sophie sind gerade auf B52 und ich kenne Sophie, wenn sie mal damit anfängt, dauert es meist nicht lange, dass sie die Flügel hängen lässt und die Beine ihren Dienst versagen. „Hast Du mal einen Moment Zeit für mich?“, klemme ich mich dazwischen. „Nur wenn Du einen Purzelbaum schlägst und dabei einen trinkst ohne etwas zu verschütten.“, kommt es zurück..
„War nur ein Scherz, trink einfach so einen mit uns und dann sagst du mir was Du auf dem Herzen hast.“ Sie reicht mir ein Glas. Ich erkläre ihr, dass ich gerne auf die Suche nach der Technik gehen würde, um ein wenig mehr über diesen Planeten zu erfahren. Karin, die unser kurzes Gespräch mitbekommen hat, ist der Ansicht, dass wir vielleicht mal schnell mit einem Taxi in die Stadt düsen sollten, um uns dort umzusehen, außerdem seien alle noch beim beschnuppern und die richtige Party würde eh erst in ein bis zwei Stunden steigen.
Mit einem Kellner und genügend Dosenbier ausgestattet erreichen wir binnen kürzester Zeit die menschenleere Stadt. „Sieht alles recht friedlich aus.“, meint Sophie, die es sich nicht nehmen ließ einen Vorrat B52 in einem kleinen Fässchen mitzunehmen, das der Kellner neben uns herträgt. Wir durchstreifen die Straßen. Es gibt Geschäfte mit Waren, wie sie vor ungefähr 200 Jahren auf der Erde zu bekommen waren. Nur Gasthäuser sehen wir keine. Klar wo es keinen Alkohol gibt, macht auch eine Kneipe keinen Sinn. Ansonsten sehen wir nichts, was irgendwie außergewöhnlich wäre oder nach unserer besonderen Aufmerksamkeit verlangt.
„Das ist ziemlich fad hier, kommt lasst uns doch mit dem Taxi mal eine kleine Exkursion über den Planeten fliegen. Vielleicht entdecken wir da was, außerdem haben wir dann immer noch genug Zeit um die Party zu besuchen.“, schlägt Karin vor. „Aber nur, wenn wir wenn wir das Fluggerät tauschen. Ich fand das Beobachten von Vierglashalter in der Kommandolounge kurz vor unserem Abflug recht prickelnd, außerdem könnten wir dann noch eine Kleinigkeit essen.“, Sophie denkt wirklich mit. Wir lassen uns mit dem Taxi wieder zurück zum Megaelixier bringen, wechseln schnell in eine Kommandolounge und düsen in wenigen Minuten von der Abendstimmung in den Sonnenaufgang auf der gegenüberliegende Planetenseite. Kleine Ortschaften und Städte, ähnlich der eben besuchten ziehen unter unseren Augen vorbei. Wir sind gerade in der vierten oder fünften Umkreisung als es Karin zuerst entdeckt: „Habt Ihr das gesehen?“, dem Kommandanten heißt sie mal runterzugehen. Inmitten eines riesigen, weit und breit unbewohnten Wüstengebietes erstreckt sich eine Halbkugel mit den Ausmaßen von Frankreich ca. 20 Kilometer in die Höhe. Wenn das ein wirklicher Ball ist, der silbern in der Sonne unter uns glänzt, sehen wir mit Sicherheit nur die Spitze des Eisberges. Der äußerste Radius muss dann mit Sicherheit weit, weit unter der Oberfläche im verborgenen sein. Wir fliegen das komplette Ding von allen Seiten an, entdecken jedoch weder eine Lücke in der Oberfläche noch irgendetwas was von der symmetrischen Form abweichen würde. „Wie eine eingegrabene Billardkugel.“, bemerkt Sophie. „Richtig unheimlich.“
„Mir ist auch nicht unbedingt wohl dabei, außerdem könnte die Fete gerade in die Zielgerade gehen, lass uns besser mal zur Party zurückfliegen.“, Karin hat recht. Wir lassen uns wieder vor dem Megaelixier absetzen und trinken zuerst mal einen Kurzen um alles besser zu Verdauen. Stefan’ s neuer Freund schenkt mittlerweile schon zwei Weizen gleichzeitig ein. Mike stimmt gerade mit ungefähr 1000 Leuten „Und wer im Januar geboren ist“ an und ich könnte wetten, dies ist nicht das erstemal ist. So wie manche schon recht weinbeseelt ihre Gläser halten, waren zuvor mindestens schon einige Runden, bei welchen doch viele garantiert bei jedem Monat aufgestanden sind und in einem Zug ausgetrunken haben. Ich bin mir nicht sicher, doch ich glaube zu sehen, wie die Arbeiter richtig Farbe, gesunde Hautfarbe, annehmen. Sicherheitshalber frage ich Sophie, die sich gerade mit einer Quäkerfrau unterhält. „Ist mir auch schon aufgefallen, sie entwickeln gerade richtig menschliche Züge. Sieh Dich um. Sie tanzen, lachen, trinken und flirten. Ich habe selten eine so ausgelassene Menge gesehen. Hoffentlich halten sich ihre Kopfschmerzen Morgen in Grenzen.“ Trinkernase der sich gerade mit einem Tablett Tequilla zu uns stößt, weiß auch hier uns zu beruhigen: „Jeder der das Megaelixier verlässt bekommt noch als Abschiedsdrink eine Mischung aus Aspirin und Alka-Seltzer, damit sie uns nach dem Aufwachen nicht komplett verfluchen.“ Ich erzähle ihm von unserem kleinen Planetentrip und der überdimensionalen Bocciakugel.
„Ei der Daus, und ich dachte der war nur sternhagelvoll.“, Trinkernase hat eine Erleuchtung.
„Wer?“, jetzt kenn ich mich wieder nicht aus. Trinkernase verschwindet in der Menge, um nach kurzer Zeit wieder mit einem älteren Männchen und einem weiteren Tablett, diesmal Sambucca, aufzutauchen. „Erzähl dem mal..“ ,er zeigt auf mich „..was Du mir vorhin berichtet hast“. Schön langsam erreiche ich den richtigen Pegel. Genau wie den Gesang, so höre ich auch die Stimme des grauhaarigen Mannes direkt in mein Gehirn eindringen.
„Wie ihr seht habe ich mich mein Leben lang krummgelegt.“, deutet er auf seinen Buckel „mein ganzes Leben gearbeitet und geschunden. Ich hörte von meinem Großvater, dass der von seiner Urgroßmutter und die wiederum aus einer langen Ahnengalerie gehört hätte, dass wir früher einmal ganz anders gelebt haben. Wir hätten gefeiert und uns des Lebens erfreut. Eine bei weitem nicht benötigte Anzahl an Arbeitsrobotern wäre zur Verfügung gestanden und es hätte uns an nichts gemangelt. Irgendwann kam ein übereifriger Gesundheitsapostel darauf, dass nur in der Arbeit die wahre Freude des Lebens liegt. Anscheinend waren zu diesem Zeitpunkt etliche des Feierns überdrüssig und waren wie der „Ora et Labora Typ“ der Ansicht man müsse es doch mal anders versuchen. Religion im üblichen Sinne gab es zwar nicht, doch wurde mit der Zeit die Arbeit über alles andere gesetzt. Sie war Inhalt und Zweck des Daseins. Man redete nicht mehr, da diese Energie wesentlich besser für andere Tätigkeiten genutzt werden könne. Die Maschinen wurden in einem riesigen kugelförmigen Depot eingemottet und gerieten in Vergessenheit. Keiner von uns wäre nur auf die Idee gekommen sich auf die Suche nach diesem Lager zu begeben, da ja die Arbeit darunter leiden könnte. Ich glaube ich bin der Einzige der jemals einen Gedanken daran verschwendet hat, doch die anderen hielten mich für komplett verrückt, weil jeder annahm, dass solch paradiesische Umstände unmöglich existieren könnten und bevor ich zu sehr in die Isolation geriet, beschloss ich so zu tun als sei ich doch ganz „normal“ und habe mich meinem Schicksal zu ergeben. Es wäre ohne technische Hilfsmittel sowieso unmöglich gewesen diese enorme Strecke zurückzulegen, vor allem wenn man eh nicht weiß was und wo man suchen muss. Ihr habt es geschafft die Leute behutsam aus ihrer Lethargie zu befreien und sie wieder ins Leben zurückzuführen. Wenn ihr uns jetzt noch helfen könntet die Maschinen und Roboter aus ihrem Winterschlaf zu erwecken, bin ich mir sicher, dass ihr einen weiteren Verbündeten gegen den Griesgramglobus gefunden habt.“
„Ist ja wie in einem schlechten Märchen.“, höre ich Karin in ihr Glas sprudeln.
„Ganz im Gegenteil, wir machen eine richtig gutes Happy End daraus. Darauf sind wir spezialisiert.“ Quietschend vor Freude gibt Trinkernase seine Anweisungen an die im Orbit wartende Roboterflotte.
„Komm mein alter Freund, wenn wir heute lange genug feiern, könnt ihr morgen lange genug schlafen und wenn Ihr aufwacht, sieht die Welt schon anders aus“ Mit diesen Worten verschwindet Trinkernase mit dem Buckligen in der Menge um den Weg Richtung Dschungelbar anzupeilen.
„Wohl gestern ein bisschen länger geworden“, dringt an mein Ohr als die Putzkolonne gerade das Megaelixier wieder auf Vordermann bringt. Ich richte mich auf. Rund um die Strandbar bin ich nicht der Einzige der versumpft zu sein scheint. Sophie liegt an paar Meter neben mir und hat sich um eine Palette Dosenbier gewickelt. Stefan träumt noch unter einer Palme vom perfekten Weizen. Christian’s Kopf ist verdeckt unter einem Quäkerrock, Karin, Vera und Mike waschen sich gerade am Wasser die letzten Bierkrusten aus dem Gesicht und Beat diskutiert mit Heidi, welchen Namen sie Sandkorn 2343 geben sollen. Auch Trinkernase, Schluckspecht, Dumpfhirn und noch andere Vierglashalter haben noch ziemlich Schlagseite. Erst nach und nach bewegen sie sich, ohne wieder zurück in den Sand zu knallen, Richtung Strandbar um eine Bloody Mary zu bestellen. Nach der Beleuchtung im Megaelixier zu schließen ist es kurz vor Mittag. Die künstliche Sonne steht schon fast im Zenit. Ich springe kurz ins Wasser, damit es, wenigstens für ein paar Minuten, die Falten aus dem Gesicht zieht. Herrlich, ich spüre wie die Lebensgeister wieder in meinen Körper zurückkehren. Um auch meine Innereien wieder zum Jubilieren zu bringen, stapfe ich zu Dumpfhirn & Co. und bestelle mir auch eine blutige Maria. „Na wieder fit?“, Schluckspecht ist inzwischen schon beim dritten Morgentrunk angelangt.
Mein Kopf brummt schon noch ein wenig. Ohne auf seine Frage direkt einzugehen, interessiert mich brennend:
„Ich weiß ja wirklich nicht genau, wann ich gestern den Löffel geschmissen habe, aber soweit ich mich erinnern kann, waren zu diesem Zeitpunkt alle Arbeiter noch kräftig am Feiern und Tanzen und ich bin mir sicher, sie hatten nie den Hauch einer Chance, nicht robbend nach Hause kriechen zu müssen, wobei sie spätestens nach ein paar Metern auf der Strecke zur Stadt liegengeblieben wären.“
„Da hast du absolut recht. Doch im Gegensatz zu dir, altes Weichei, haben sie wenigstens noch ein Weilchen durchgehalten und sind erst nach und nach umgekippt. Da keiner mehr gehen konnte, haben wir ihnen den letzten Drink, eben bestehend aus ein paar Vitaminen und Kopfschmerztabletten durch die Sanitätsroboter einfach im Schlaf verabreicht. Die Träger brachten sie dann in ihre Wohnungen. Komischerweise konnte jeder noch, wenn auch ziemlich schwer verständlich, erklären wo er genau wohnt.“
Von wegen Weichei, zum Nachhausegehen habe ich bisher auch noch nie einen Kompass benötigt. Mein Kopf wird wieder ein weniger schwerer. Um ihn noch mal ein wenig zu erleichtern, hüpfe ich wiederholt ins Wasser um danach mit einem Eiskübel Sophie von den Toten zu erwecken.
„Ahh, spinnst Du denn komplett.“, die Gute springt hoch und versucht den Herzinfarkt doch noch in die entfernte Zukunft umzupolen. Sicherheitshalber entferne ich mich schnellen Schrittes und lasse mir von einem fliegenden Händler ein paar neue Klamotten geben. Wohlweislich, dass auch Sophie etwas Trockenes zum Anziehen braucht und damit ich nicht eine dementsprechende Retourkutsche abkriege, nehme ich ihr etwas Frisches zum Überziehen mit und trage es wie einen Ritterschild vor mir her. Die kleine Abkühlung hat ihr scheinbar nicht geschadet, das Herz schlägt noch und entgegen meinen Erwartungen, empfängt sie mich an einem Tisch mit zwei frischen Espresso. Nachdem wir auch noch ein paar frische Ananas und Mango genossen,
gehen wir Richtung Ausgang, um ein wenig frische Luft zu schnappen.
„Ich glaub mein Schwein pfeift.“ , um zu vermeiden, dass Sophie doch noch einen Herzkasperl bekommt, pfeife ich ein kleines Liedchen in den Tag. „Hättest Du jetzt nicht extra machen müssen altes Erdferkel.“, lacht sie mich an. „Aber Du musst zugeben, das hier übertrifft fast alles was wir bisher zu sehen bekamen.“
So wie es aussieht, hat die ganze Armada der Vierglasroboter heute Nacht die lange vergessenen Roboter und Maschinen der Arbeiter reanimiert und auf dem ganzen Planeten verteilt. Vor unseren Augen entstehen neue Häuser, Maschinenhallen, Gärten und sogar eine Brauerei ist schon fast fertiggestellt. Durch das Hämmern, Schrauben und Schweißen geweckt, stehen die Arbeiter, sowieso noch ziemlich verkatert von gestern, fassungslos inmitten des Geschehens und reiben sich die Augen. Was hier geschieht, übersteigt im Augenblick ihre sämtliche Vorstellungskraft. Wiederholt können wir beobachten, wie sie sich gegenseitig Zwicken oder sicherheitshalber gleich in die Weichteile hauen, um auch wirklich zu 100% zu wissen, dass sie nicht träumen. Bis auf ihren verdatterten Gesichtsausdruck und den immer noch flachen Hinterkopf, sehen sie inzwischen so aus wie wir. Das grau in grau ist, abgesehen davon, dass einige wegen gestern noch ein wenig blass oder grünlich wirken, einer menschlichen Hautfarbe gewichen. „Schau, sogar bei ihren Augen sieht man jetzt das Weiße, nicht mehr so grau und verschwommen wie gestern.“, mir ist aufgefallen dass manche wirklich strahlende Augen haben. „Ganz im Gegensatz zu Dir.“, Sophie sieht mich tief an: „Das einzig Weiße in deinen Sehorganen, ist das Rote darin.“ Ich muss zugeben, dass Dies durchaus noch der Fall sein könnte.
„So ne Planetenmissionierung ist ganz schön anstrengend.“, Jessie, die ich gestern den ganzen Abend nicht zu Gesicht bekam, zog die ganze Nacht mit Schluckspecht durch die dunklen, verruchten Bars in den Untergeschossen des Megaelixier und leistete dort ihren Beitrag zur Wiederauferstehung der Bewohner des Arbeitsplaneten. Sie turtelt mit ihm gerade in einer Ecke des frisch erbauten „Kohlengrube“, einem Restaurant, das in Zukunft durch seine stollenähnliche Inneneinrichtung nostalgische Gefühle bei den Arbeitern wecken soll, jedoch ohne dass sie sich diese Vergangenheit wieder zurückwünschen. Christian tut dem gleich, allerdings nicht mehr mit Schlendria, die er dank der Einstellung auf Vierglashalter ohne irgendwelche verletzten Gefühle zu hinterlassen von ihren Pflichten des Zusammenseins entbunden hat. Die Dame, die ihm freundlicherweise letzte Nacht ihren Rock zur Verfügung stellte, sitzt händchenhaltend neben ihm und war nur deshalb nicht neben ihm gelegen, da auch sie von den freundlichen Trägern, die sie ziemlich zerzaust neben Christian liegen sahen, nachhause begleitet wurde. Jessie wendet sich an Trinkernase: „Also ehrlich, so ein Missionsgelage ist ja wirklich was Tolles, doch wenn ich überlege, dass ungefähr noch 399 Planten auf unserem Weg zum Griesgramglobus von uns getauft werden sollen, dann vergehen ja Jahre, und während dieser Zeit breiten sich die Griesis immer weiter aus.“ Trinkernase, der gerade mit einem Arbeiter namens Cappo ein Bierchen zischt erklärt: „Bevor wir gestern aus den Latschen gekippt sind haben wir..“ er deutet auf seinen Nebenan „...nach etlichen Runden des Brüderschaftstrinkens die Karten ein wenig neu gemischt. Es wird nicht lange dauern, dann steht auch auf diesem Planeten genug Partyequipment zur Verfügung. Die Jungs werden alle restlichen neutralen Planeten bereisen, damit wir, dank unserer Erfahrung, zum schwierigeren Teil unserer Mission übergehen können. Die Bekehrung aller Planeten unter dem Einfluss des Griesgramglobuses und natürlich die Machthaber von Griesgramglobus selbst. Denn haben wir es geschafft die Zentrale zum Feiern zu bewegen, wird das ganze Reich zerfallen und alle werden glücklich sein. Ich weiß, es wird kein leichtes Unterfangen werden, doch ich denke, es wird schon irgendwie zu bewerkstelligen sein. Das einzige Problem sehe ich noch darin, wie wir möglichst unerkannt bei ihnen landen können, damit wir mit der größten Sause, die das Universum je gesehen hat, den Überraschungseffekt voll nutzen können. Ein wenig Kopfzerbrechen bereitet mir auch noch, ob sie nicht noch mal eine Nebelwolke ins All gepumpt haben um auch wirklich sicher zu gehen, dass ihre Pläne nicht mehr von anderen durchkreuzt werden können. Doch das Schwerwiegendste, sollte dies der Fall sein, halten unser elektromagnetischen Wodka-Brause-Schutzschilde?“, fast nachdenklich prostet er Cappo zu.
„Aber das ist es doch“, Stefan, der den Traum vom perfekten Weizen gerade verwirklichen will, indem er Dunkel und Hell mischt, springt mit einer Flasche und Glas bewaffnet auf den Tisch. „Nebel!“, wir sehen ihn verblüfft an. „Wie, Nebel?“, ich habe keine Ahnung was er meint. Stefan setzt einen drauf: „Jetzt denkt doch mal nach. Die Griesis haben mit einem Schlag das Universum von allem Leben, von uns und wenigen anderen abgesehen, das ihnen nicht konform erscheint befreit. Und was war ihre Waffe?.. Nebel! Dämmert es schön langsam? Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen.“, er wendet sich an Trinkernase: „Es dürfte doch kein Problem darstellen, einen riesigen Zerstäuber zu bauen, den wir mit Wodka-Brause befüllen, um den ganzen Griesgramglobus damit einzunebeln. Gerade so wie man die Pflänzchen zuhause mit Wasser besprüht, damit sie wachsen und gedeihen. Wenn wir Glück haben, wird vielleicht sogar die Nebelsubstanz neutralisiert, sofern sie dann eh schon angesäuselt sind, gehen wir in die Vollen und starten die Fete und ihr werdet sehen. Die wollen danach nie mehr etwas anderes als Feiern.“
Gejohle, stehender Applaus, Füßestampfen, Ex-Trinken, Nachbestellen, Schulterklopfen, Umarmen. Stefan, der Retter des Universums.
„Keine schlechte Idee“, gibt ihm Trinkernase recht. „Nachdem die Roboter von hier mittlerweile schon wissen, wie sie alles Tun können, um den Bewohnern Freude zu bereiten und die Entwicklung weiter voran zu treiben, lassen wir ein Missionsschiff in einen Zerstäuber umbauen. Allerdings werdet ihr..“, er meint Cappo. „..für den Anfang auf große Mengen Wodka-Brause verzichten müssen, da wir die erste Produktion komplett für den Griesgramglobus benötigen werden. Ich bitte um euer Verständnis, wenn wir unsere Vorräte nicht unnötig anbrechen wollen; es könnte ja durchaus sein, dass wir den Zerstäuber noch mal nachladen müssen, außerdem, ein kleines Schlückchen ab und zu zur Stärkung der Abwehrkräfte, homöopathisch sozusagen, kann auch nicht schaden.“ Abgesehen davon, dass unsere Rücklage wahrscheinlich bis zum St.-Nimmerleins-Tag ausreichen wird, kann ich Trinkernase nur allzugut verstehen. Sicher ist Sicher.
„Meinst Du, ich könnte sie mitnehmen?“, frägt mich Christian ungefähr am zweiten Tag unserer „Stefan der Held Feier“ ,die wir sofort nach seiner Offenbarung in Eingriff nahmen.
„Wen mitnehmen?“, ich kann es mir zwar fast schon denken, doch möchte ich nur allzu gerne wissen, wie er sie kennengelernt hat. Ich sehe wieder die nie mehr erscheinende Bild-Schlagzeil: „Weltallhengst geht in die zweite Runde“. „Die Frau mit dem Quäkerrock?“, ich sehe ihn unschuldig an. „Du weißt schon, die dort hinten steht.“
„Ich sehe keine Frau mit Quäkerrock.“, gebe ich, wohl wissend, das die Damen der Arbeiter die alten Röcke gegen scharfen Fummel aus einer Vierglashalterboutique getauscht haben, zurück. Christian versucht es noch mal:
„Die Hübsche, die gerade mit Sophie versucht aus vier Flaschen gleichzeitig zu trinken, die ihnen gerade Schluckadia dank ihres Handaufbaus problemlos verabreicht.“ Ich bin richtig stolz auf Sophie. Abgesehen von der Tatsache, dass sie alles versucht, um neue Möglichkeiten der Verkonsumierung von Bier zu testen, bezieht sie gleich Freunde und Bekannte in ihre Experimente mit ein, damit sie gleich am wissenschaftlichen Vorsprung partizipieren können. „Ach die, wohin willst Du sie den mitnehmen, auf die Erde?“, erbarme ich mich endlich.
„Ach Quatschkopf, zum Griesgramglobus natürlich. Schau an, das arme Kind hat in ihrem Leben noch nie etwas anderes gesehen als das was wir vorfanden, als wir hier gelandet sind. Sie kennt nur das Haus ihrer Eltern und die Felder, die sie tagein, tagaus beackert hat. Sie möchte einfach mal raus und das Universum kennenlernen.“
„Und beim Beackern der anderen Art bis du selbstverständlich uneigennützig, selbstlos und aufopfernd der Instrukteur, der ihr die neue Welt erklären kann.“, ich versuche ihn hochzunehmen.
„Ich weiß, es ist ein harter Job. Aber mir sind diesbezüglich keine Täler zu tief und keine Gipfel zu hoch, aber einer muss es machen.“, er meint es wirklich ernst. Um sicher zu gehen, dass es sie nicht doch irgendwann Ärger gibt, frag ich noch mal nach: „Aber du sagtest mir doch erst vor kurzem, dass du die süße Italienerin sehr gerne näher kennenlernen möchtest und wieder auf der Erde dein Domizil aufschlagen willst... war im Vergleich zu Vierglashalter wirklichein Scheißplanet, aber irgendwie vermisse ich die gute, alte blaue Kugel auch ein bisschen. Aber weiß eh kein Schwein, ob es überhaupt eine Rückkehr vom Griesgramglobus geben wird. Was mich aber wirklich noch interessiert, wie hast du sie aufgerissen und würdest du sie, falls wir wieder mal heim kommen, es in Erwägung ziehen sie mitzunehmen?“
Christians Antwort ist genauso verblüffend wie einfach: „Kennengelernt? abgefüllt, abgeknutscht, ab ins Meer, Mond unter Palmen, Liebe am Strand...“ Mit dem alles klar Blick sehe ich ihn an. „Nein! Nicht wie du denkst. Sie hat mich abgefüllt, abgeknutscht usw. ich war wirklich nur passiv. Echt, wenn ich es so bedenke, dass sie das erstemal auf einer Party war.. einfach ein Naturtalent, aus ihr kann wirklich noch etwas werden. Kleines, süßes Miststück. Das ist auch der Grund, warum ich sie nicht auf die Erde mitnehmen wollte. Angenommen wir kriegen Besuch, von wem auch immer, sie wird sich gleich dem Erstbesten an den Hals schmeißen. Doch sie ist ein netter Zeitvertreib. Außerdem, Du, Mike, Beat, Stefan seid in guten Händen und bis sie merkt, wie schön Vierglashaltermänner sein können, sind wir schon lange wieder zurück und haben sie hier wieder abgeliefert... hoffe ich zumindest.“ „Und wie heißt dann dieses Begabungsgenie.“, will ich wissen. „Heißen?, mmh danach habe ich noch gar nicht gefragt, doch zu meiner Entschuldigung sei gesagt, sie mich auch nicht.“ Ich bin richtig froh, dass Christian wieder zu seiner alten Form aufgelaufen ist. „Und was ist mit Jessie?“ Vielleicht weiß Christian Dinge, die mir bisher entgangen sind. „Jessie das ist so ein Fall. Ich denke sie hat endlich ihren Meister gefunden. Während unserer ganzen Reise bis Mallorca war sie doch meist zickig und versuchte mir immer einen reinzuwürgen. Es war, wenn du so willst eine Hassliebe, eine Zweckgemeinschaft. Sie war eine Zicke, die immer erst vollends zufrieden gewesen ist, wenn sie Männer ins Unglück stürzen konnte. Das hat ihr gefallen, ihr Selbstverständnis gestärkt und ihr die Bestätigung gegeben, dass sie es ist, die den Ton angibt. Ein Machtspiel, vielleicht ist sie mal auf die Schnauze gefallen und versuchte es den Männern in gleichem Maße heimzuzahlen. Doch Schluckspecht hat sie völlig verändert. Sie schnurrt bei ihm wie ein Kätzchen. Sie scheint glücklich zu sein. Ich gönne es ihr wirklich von ganzem Herzen. Ich denke, sie wird auf Vierglashalter bleiben, wenn wir alles hinter uns gebracht haben. Heirat nicht ausgeschlossen.“ Christian und ich gehen zu Sophie und ???. Sophie stellt uns vor:
„Das ist Nadine.“, lässt sie uns wissen. Das mit den Namen ist auf dem Arbeitsplaneten das gleiche Kuddelmuddel wie auf Vierglashalter. Zwar kann ich mir ihr Gesicht merken, doch ob das, was wir zu verstehen glauben, identisch ist mit dem, was uns die Einwohner sagen, sei dahingestellt. Wahrscheinlich wollen auch diese, uns weit überlegenen, Leute einfach nur einen Gefallen tun, indem sie uns erlauben, mit unseren beschränkten Möglichkeiten zu kommunizieren. Sie ist wirklich eine Augenweide. Bevor ich Sophie kennenlernte, wäre ich wahrscheinlich auf sie reingefallen, um mich kurze Zeit später in meinem Liebeskummer zu ertränken. Ich frage Schluckadia nach dem Stand der Dinge und meine damit, wann wir wohl den Griesgramglobus erreichen könnten. „Jetzt bleibt doch mal in der Ruhe Jungs.“, lässt sie kurz verlauten und schon müssen uns Christian und ich auch der Versuchsreihe des Vierflaschentrinkens hingeben. „Das ist jetzt für richtige Männer“, grinst Schluckadia und schüttet jedem von uns gleichzeitig Wodka, Gin, Tequilla und Stroh-Rum, unser österreichisches Mitbringsel, in den Mund. Kurz bevor wir das Rückwärtstrinken beginnen, erbarmt sie sich und gibt Antwort: „Ich versuche es mal mit einer sehr, sehr einfachen Darstellung der Reisemöglichkeiten innerhalb des Universums, ihr habt schließlich eine Chance verdient.“ So wie sie das sagt, trinken Christian und ich noch einen, um zu vergessen, dass wir von der Erde kommen. „Im Prinzip ist alles ganz einfach. Ihr wisst ja bereits, dass Wurmlöcher die Abkürzungen durch das Universum sind. Soweit alles klar?“ Wir nicken.
„Und wie ihr wisst, Wurmloch ist Wurmloch. Also benötigt jede Reise innerhalb eines Wurmloches von einem Ende zum anderen des Universums immer gleich lange. Eine immerwährende, abkürzende Umgehungsstraße, wenn ihr versteht was ich meine?“ Karin und Stefan, die genauso wie die anderen Nichtwissenden mittlererweile den Ausführungen von Schlendria lauschen bestellen eine Runde Edelstoff in der Annahme es könnte uns das Verstehen erleichtern. Nachdem auch Schlendria dieses edle Gesöff genossen hat, lässt sie uns weiter wie Neandertaler beim Start einer Mondrakete aussehen: „Ein Wurmloch gleicht einem Kreisverkehr von der Mitte aus gesehen. Jedes Ziel ist in der gleichen Zeit erreichbar, egal wie weit es auf konventionellen Weg entfernt wäre. Wir haben ausgemacht, dass wenn man sich in den Eingang eines Loches begibt, es keine Rolle spielt, wo der nächste Ausgang ist. Immer die gleiche Zeitspanne. Das Problem liegt nur daran, immer das Passende zu finden. Doch wir haben festgestellt, dass Wurmlöcher gar nicht soweit voneinander entfernt liegen. Das bedeutet, mit unserer Flotte reisen wir, von Wurmloch zu Wurmloch fast so schnell wie innerhalb, wobei man natürlich nicht außer acht lassen darf, dass innerhalb ein unvorstellbares Vielfach der Strecke zurückgelegt wird.“ Beat der gerade seine Pfeife am erglimmen sieht, kann es uns in Zahlen erklären: „Also wenn ich richtig verstanden habe, dauerte unsere Reise zu Vierglashalter ungefähr 42 Tage oder Schlafperioden. Wenn also der Eingang zu einem Wurmloch im ungünstigsten Falle so weit entfernt ist, dass es noch mal die gleiche Zeit in Anspruch nimmt, so kann man in ungefähr drei Monaten Erdenzeit von einem Ende des Universums zum anderen gelangen.“ „Stimmt das wie es Beat erzählt?“, will Vera wissen. „Zwar sehr einfach ausgedrückt, aber er hat recht.“, Schlendria bestärkt Beat in seinen Ausführungen. „Ich will die größte Wasserpfeife die es gibt.“, kommt es von Vera. Heidi verschwindet kurz und übergibt ihr ein Ding das nur mit einem Karren gezogen werden kann. Wie sie meint sei dies ein Produkt ihrer weiteren Forschung mit dem Chefchemiker, dem Botaniker und dem Boss der Logistik.
„Und was ist hinter dem Ende des Universums?“, Sophie, ich hätte es wissen müssen. Schlendria muß nicht lange überlegen, um eine Antwort zu haben: „Das Ende des Universums? Ihr denkt immer noch in Anfang und Ende? Die einzigen Einschränkungen die es gibt sind in euren Hirnen, in euren Gedanken. Ihr habt eine Einstellung wo immer ein Anfang und ein Ende bestehen muß. Wir wissen genau, dass wir von A nach B innerhalb kurzer Zeit reisen können. Wir wissen aber auch, dass das Universum vom Anfang bis zum Ende bereist auch nicht mehr hergibt als in der Mitte oder 20 Kilometer davon entfernt. Glück ist der Maßstab. Das Ende des Universums ist dann erreicht, wenn es kein Glück mehr zu finden gibt. Alles was sich jenseits dieser Grenzen aufhalten sollte ist nicht mehr erstrebenswert. Vergleicht es doch einfach mit einer Baustelle. Ihr wohnt in einem Neubaugebiet gerade an der letzten Häuserzeile, dahinter sind nur Sümpfe, die unbebaubar sind. Gäbe es einen Grund dorthin zu gehen? Nein, ödes Brachland. Nichts, aber auch überhaupt nichts. Das ist das Universum jenseits der Grenzen. Nutzt das hiesige Weltall, dahinter gibt es nur Öde. „Und was ist hinter der Öde?“, sogar Jessie will das wissen.
„Hinter der Öde? Das Ende des Universums ist ein Gedankenspiel. Gebt der Öde und dem Dahinter keine Chance, dann wird es auch nie zur Geltung kommen. Es klingt vielleicht für euch unglaublich; zwar haben wir gewissen räumlichen und zeitlichen Spielraum, doch der Rest spielt sich in uns ab. Auf den Punkt gebracht, die Arbeiter hatten damit noch nie ein Problem, weil sie nie darüber nachdachten. Sie werden es in Zukunft auch nicht haben, da sie glücklich leben werden, doch Ihr Erdlinge werdet noch ein paar Generationen daran zu knappern haben.“
„Unglaublich wie das schnell das Teil Gestalt annimmt, wenn das so weitergeht werden wir wohl in ein paar Tagen die Abschiedsfete in Angriff nehmen müssen“, Mike, der gerade von einer Stippvisite im Orbit zurückehrt
lässt sich am Strand des Megaelixier, wo wir unser Lager seit der Heldenfete aufgeschlagen haben, in den Sand fallen und bestellt sich ein kühles Blondes. Sophie ist seit ein paar Tagen mit Karin und Vera unterwegs den Planeten zu erkunden und nannte Mike, Stefan und mich Kulturbanausen als sie uns verließen. Mit einem „Hast ja recht“ und betretenem Gesicht verabschiedeten wir die Drei um sofort nach ihrem Abflug die Gläser erklingen zu lassen und mit ein paar Arbeitern den Aufbau eines Stripschuppens zu besprechen, da sie festgestellt haben, dass sich einige ihrer Damen seit ihrer Verwandlung recht gerne entblößen und wir ihnen nun dabei helfen, diese zweifelsohne tolle Eigenschaft zur Freude Aller auszubauen. „Heute ist Eröffnung.“, teile ich Mike mit.
„Ewig schade, dass die Mädels immer noch auf Kulturhopping sind, so können sie gar nicht sehen was wir so alles aufgebaut haben. Sie wären sicher stolz auf uns.“, Mike ist schon ganz hippelig.
„Da bin ich mir sicher, vor allem Vera.“, ich weiß genau, wie es Mike momentan genießt, dass Vera unterwegs ist. In mancher Beziehung könnte man sie fast als irgendwie spießig beschreiben. Für den neuen Laden ließen wir von den Robotern eine neue Kneipe direkt neben dem Megaelixier einfliegen und nachdem die Stangen für die Tänzerinnen eingebaut und die Inneneinrichtung nach unseren Vorstellungen fertiggestellt war, genossen wir zusammen mit den Arbeitern eine Choreographie für die Mädels zusammenzubasteln, die auch gleich an Ort und Stelle umgesetzt wurde.
Unter strengster Geheimhaltung wurde das Objekt Stripschuppen fertiggestellt. Nur wenige Eingeweihte, die mit den Vorbereitungen beschäftigt waren, wussten was sich hinter den Mauern des neuen Gebäudes abspielt. Jeden Tag war immer eine riesige Menschenmenge vor dem Lokal und diskutierte darüber, was da drinnen wohl ausgebrütet wird und obwohl die Meisten vom Planungsstab nicht auftreten werden, haben wir schon gewaltig Lampenfieber, als wir auf die lange Schlange vor dem Lokal sehen, die schon begierig auf Einlaß wartet. In Anbetracht der Tatsache, dass wirklich erstklassige Frauen auf der Bühne ihr Können zum Besten geben, hat sich Christian kurzerhand bereiterklärt als männlicher Stripper die Show zu unterstützen. Wegen der Gleichberechtigung, wie er wiederholt erwähnte. Da wir annahmen, dass die ganze Stadt zur Eröffnung erscheinen wird, wählten wir ein Lokal der mittleren Größenordnung, das ungefähr Platz für 25000 Leute bietet.
Auf ungefähr 50 Bühnen wird an Stangen getanzt und selbstverständlich steht es dem Publikum frei sich an den Shows zu beteiligen. Wir Erdlinge waren wirklich erstaunt darüber wie viele Damen sich gerne bereit erklärt haben, bei diesem hochkulturellen Ereignis mitzuwirken.
„Jetzt bin ich doch ein wenig nervös.“, lässt mich Christian wissen, der gleich auf der großen Bühne inmitten der Arena seinen Auftritt hat. „Ach komm stell dich nicht so an. Trink noch ein Fläschchen Prosecco und du wirst die Geschmeidigkeit deines Beckens in dich einfließen spüren.“ Christian hat zwar schon zwei Flaschen intus, doch ist er immer noch nicht ganz überzeugt, ob seine Entscheidung richtig war. „Du wirst der Held des Abends, wirst schon sehen. Außerdem sind ja nicht nur die rattenscharfen Tänzerinnen da draußen, vielmehr wirst du von den Zuschauerinnen als neues Sex-Symbol auserkoren werden und dich vor Angeboten nicht mehr retten können. Stell dir nur mal vor, du bist der Hauptgewinn und hast dann die freie Auswahl unter Tausenden. Mit Sicherheit wirst du nach deinem Auftritt die Bekanntschaft mit einigen Dutzend weiterer Nadines machen. Dir wird es noch verdammt schwer fallen, wen und vor allem wie viele du mit auf die Reise zum Griesgramglobus nehmen willst.“ Christian leert die Flasche in einem Zug, lässt einen gewaltigen Rülpser und ohne dass ich ihm noch weiteren Zuspruch geben kann, stürmt er auf die Bühne und beginnt unter tosendem Beifall seine Show. „Schade, dass da draußen nicht nur alte, schrumplige Weiber mit Oberlippenbärtchen und Warzen auf der Nase sind. Ich hätte es ihm wirklich gegönnt, wenn er sich in den nächsten Pendler hätte flüchten müssen um sich die restlichen Tage bis zu unserer Abreise mit Angstzuständen auf dem Schiff zu verstecken.“, Mike ist fast ein bisschen boshaft. „Oder noch besser, vielleicht gibt es hier ja auch ein paar Schwule, die ganz scharf auf ihn werden.“, ich bin es auch. Christians Show wird ein voller Erfolg. Es fliegen Büstenhalter und Höschen. Als die Arbeitermänner mitkriegen, dass mit einem Auftritt, es ein leichtes ist an Frauen zu kommen, tun sie es ihm gleich und beginnen sich auszuziehen. Da die Bühnen nur beschränkt Platz bieten, tanzen sie kreuz und quer durch den ganzen Laden und als die Frauen mitbekommen, dass man mit Strippen locker einen Mann überzeugen kann, verwandelt sich das ganze Lokal innerhalb von Minuten in ein fröhlich tanzendes, freizügiges Nudistencamp.
„Oje, oje was haben wir da bloß angerichtet?“, Stefan hat so seine Bedenken
„Wenn jetzt Vera kommt, werde ich garantiert die nächsten Wochen auf Sparflamme gesetzt.“, Mike sieht eine lange Durststrecke auf sich zukommen. „Ich denke nicht, dass die Frauen vor übermorgen hier auftauchen werden. So wie ich Sophie kenne, wird sie sicher keine Sehenswürdigkeit auslassen und jeden den sie trifft über die Geschichte des Planeten ausfragen. Ich schätze, sie werden erst kurz vor unserem Abflug hier eintrudeln und außerdem müssen wir es ihnen ja nicht auf die Nase binden.“, versuche ich Mike zu beruhigen. Schon wieder ein wenig ermutigt sieht er mich an und erblickt ein Licht am Ende des Tunnels der wochenlangen Trockenperiode. Als Christian ungefähr fünf Stunden später auf dem Zahnfleisch kriechend bei uns an der Bar auftaucht erfahren wir eine völlig Neue Sichtweise über die Geschehnisse des Abends: „Ich weiß gar nicht was ihr habt.“, wendet er sich an Mike und Stefan: „Gut ich gebe zu, es ist schon von Vorteil, dass sie die kleinen Kinder zuhause ließen und ein wenig älteren mit der Aufsicht beauftragten. Aber schaut, wir und vor allem sie haben die quasi 18 schon überschritten und jeder kann auf sich selber aufpassen, mündige Bürger wenn ihr so wollt. Also ich für meinen Teil bin mit dem Abend durchaus zufrieden und habe wirklich keine Ahnung ob ich Nadine, Tamara, Sabine, Michaela, Brigitte oder gleich alle mitnehmen soll. Ich habe mir schon überlegt einfach alle mitzunehmen, aber wahrscheinlich könnte es die Sache ein wenig komplizieren. Außerdem bin ich auch keine19 mehr. Ich muss ein bisschen an meine Gesundheit denken.“ Er kann sich ein lachen nicht verkneifen und ich bin mir sicher, wenn es nach ihm ginge würde er für jeden Tag des Monats eine mitnehmen. Doch weiß ich auch, dass dann das Feiern für ihn zu kurz käme und um alle zufriedenzustellen, müsste man doch den Konsum von geistigen Getränken ein wenig zurückschrauben. „Aber jetzt zum Wesentlichen“, fährt er fort. „Jetzt versetzt euch doch mal in die Situation der armen Leute. Damit die Arbeit nicht darunter leidet, wurden einfach Zweckgemeinschaften gegründet und um es noch schneller vonstatten gehen zu lassen, wurde ein System eingeführt, das ungefähr so ausgesehen hat. Männer im zeugungsfähigen Alter so zwischen 13 und 20 wurden exakt fünf Häuser weitergeschickt. War dort ein Frau die auch schon die Pubertät durchschritten hat, wurden sie vermählt. Wenn keine da war zog der junge Mann ein Haus weiter, wo er ein Jahr zu warten hatte, um dann wieder 5 Häuser weiterzuziehen usw. usw. bis er eine Frau hatte, wo sie dann wohnen blieben. Es war ein einfaches Rotationsprinzip. Wenn man Glück hatte, war man mit 14 oder 15 dran. Wer Pech hatte musste eben länger warten. Durch diese Abwicklung der Fortpflanzung, die nur einmal im Jahr stattfand und wo man nur einen halben Tag arbeiten musste, war gewährleistet, das die Arbeiter nicht aussterben. Da eine Wohnung praktisch nur aus einem Zimmer besteht, war es auch nie ein Problem in dem Haus, wo man sich auf die Suche nach der Partnerin machte, ein freies Zimmer zu bekommen, falls keine Frau im vorgeschriebenen Alter verfügbar gewesen wäre. So und nun stellt euch vor ihr hättet nie mit 14 den ersten Kuss bekommen, mit 15 zum erstenmal eine Brust berührt und kurze Zeit später vielleicht mit einem süßen Mädchen geschlafen. Auch wenn wir uns alle damals ziemlich tollpatschig angestellt haben. Aber es war ja nicht nur diese Eine, es folgten ja noch einige mehr. Wieviel denkst Du waren es?“, wendet er sich an Mike. „50 – 60 vielleicht.“, sagt er nach kurzem überlegen „Und bei dir“, wendet er sich an Stefan „Auch so was ungefähr“.
Christian macht weiter: „Eben genau das ist es, ihr habt geflirtet, geknutscht, habt euch verliebt, ja ich gebe zu, es gab auch viele, bei denen es mit Liebe absolut nichts zu tun hatte und man froh war, dass sie noch vor Morgengrauen wieder das Haus verließen. Doch ihr habt was erlebt. Ihr habt gelebt und jeden Tag genossen. Die Arbeiter hatten diese Möglichkeit nie. Und ich spreche hier genauso von Frauen wie auch Männern. Sie machen das was wir alles schon hatten und im Gegensatz zu den Junkies in Lloret sind sie wirklich mit dem Herzen dabei. Was wir hier sehen ist nichts anderes als die komprimierten Jahre von 15 – 35, oder je nachdem noch länger. Sie holen einfach nur nach, was wir schon lange hatten...Und ja ich gebe zu, es war gar nicht so schlimm, da ein wenig Entwicklungshilfe zu leisten.
Man sieht Mike an, wie sich gerade seine grauen Zellen in Bewegung setzen: „Absolut plausibel. So gesehen, haben wir ja wirklich Entwicklungshilfe geleistet. Ich denke so könnte ich es auch Vera beibringen, ohne dass ich mir Sorgen machen muss.“
„Hoffentlich machen die in diesem Tempo weiter, wenn ich mir recht bedenke, dass wir es waren, die den ersten Orgienplaneten im All begründet haben, könnte ich doch glatt...glatt...“, Stefan überlegt ein bisschen „..Glatt ein Weizen auf uns trinken, wir gehen sicher in die Geschichtsbücher ein.“ Seine Bedenken sind komplett verflogen und sich auf die Schulter klopfend trinkt er auch schnell noch ein Zweites.
Christian hat sich doch für Nadine entschieden. „Es ist wie beim Klamottenkaufen, man geht in das erste Geschäft und findet z.B. einen echt geilen Pullover. Dann rennt man durch die ganze Stadt von Boutique zu Boutique probiert noch etliche Teile an, um dann am Schluß wieder im ersten Geschäft zu landen , den Pulli zu bezahlen und mitzunehmen.“, ließ er uns wissen. Christian ist mit seiner Wahl sichtlich zufrieden und mit dem Gedanken spielend, dass er vielleicht bei unserer Rückkehr auf den Arbeiterplaneten einen Austausch vornehmen könnte, sieht man ihn meist fröhlich ein Liedchen trällernd im Schiff herumstolzieren. Mike hingegen verflucht seine Ehrlichkeit. Vera war alles andere als begeistert, als er ihr von den Geschehnissen im Stripschuppen berichtete. Mit den Worten: „Da hättest du besser gleich mitgemacht, denn zu mir brauchst gar nicht mehr zu kommen.“, quittierte Vera ihm die Freundschaft. Auch Gutes zureden von Sophie konnte sie bis auf weiteres nicht gnädig stimmen. „Spätestens wenn der Griesgramglobus auf unseren Schirmen auftaucht hat sie sich wieder beruhigt.“, versuche ich Mike zu trösten. „Wirst schon sehen, wenn wir die Gefahr um unsere Existenz vor Augen haben, ist niemand gerne allein. Sie wird dann sicher eine starke Schulter zum Anlehnen brauchen und wenn du Glück hast ist auch dann die Trockenzeit beendet.“ Der Wodka Brause Zerstäuber ist zum Bersten gefüllt. Die ganze Flotte steht Abflugbereit am Eingang des Wurmloches um die Ecke des Arbeitsplaneten. „Wir sollten ihn in Orgienplaneten umbenennen.“, meinte Stefan noch. Doch die Bewohner wollen sich noch ein wenig Zeit mit der Namensgebung lassen. Sie möchten zuerst mal wissen, wie sich ihre Lebensweise in Zukunft gestalten wird. „Vielleicht nennen wir uns ja einfach die Wiederbelebten oder Ex-Arbeiter und den Planeten Striptease oder Spaßfaktor, wir werden es euch bei Eurer Rückkehr wissen lassen.“, kommentierte der bucklige Alte die Namensdiskussion, der zu seinem Bedauern bei unserer Veranstaltung aufgrund seines schwachen Herzens sich in Zurückhaltung üben musste.
Nach und nach verschwindet ein Schiff nach dem anderen im Strudel des Wurmloches. Wir sind für alles gewappnet. Uns immer wieder Mut zusprechend, hoffen wir die Tage des griesgrämigen Griesgramglobuses zählen zu können.
„Ich bin mir zwar nicht hundertprozentig sicher, ob ich alles nur träumte oder mir die neue Gemüsemischung einen Streich gespielt hat, dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass irgendein Signal von einem ganz in der Nähe liegendem Dope-Planeten meine Sinne streifte. Wahrscheinlich entwickle ich dank dem Chefbotaniker schon übersinnliche Kräfte oder einfach ein gutes Näschen dafür, wo es wirklich etwas Feines zu Dampfen gibt.
Ich fühle mich schon wie ein Trüffel-Schwein. Ich rieche exzellentes Gras und weiß genau, das es irgendwo da draußen zu holen ist. Auch bin ich mir fast sicher, dass die Bewohner dieses Planeten mit mir in Verbindung treten wollen, denn ich höre immer wieder Stimmen an mein Ohr dringen. Sie suchen einen König, jemanden der gerecht dafür sorgt, dass niemals der Stoff ausgehen werde.“, Heidi rüttelt Beat am Arm. „Aufwachen, aufwachen, Du träumst wirklich.“ Wir sitzen gerade gemütlich an der Strandbar und genießen die unbeschwerte Zeit bevor es ernst wird. Heidi begießt Beat mit Eiswasser bis er mit roten Augen, zerknittertem Gesicht und völlig verdattert sich erhebt um den Dope-Planeten zu suchen, wie wir ihn noch nuscheln hören. Er stolpert am Strand entlang und verschwindet kurz danach Richtung Ausgang. „So abgehoben habe ich ihn wirklich noch nie gesehen“, meint Heidi, die unser Lachen kaum übertönen kann. „Ach ist doch alles halb so wild.“, Christian der gerade ein Zigarettchen kreisen lässt, weiß Schlimmeres zu berichten: „Ich kannte mal einen, der hat die halbe Nacht damit verbracht, die Mosquitos vor seinem Gesicht zu verscheuchen und gleichzeitig versucht die Ameisen von seinen Beinen zu schütteln, da er annahm er würde im Dschungel Jagd auf Elefanten machen und sei nun in eine Falle des Dschungelgottes getappt, die es ihm unmöglich machte aus dem Ameisenhaufen herauszukommen. Als er aufwachte hatte er ein blaues Auge, eine ausgerenkte Schulter und ein gebrochenes Schienbein, das er sich an der Bettkante abgeknickt hat. Aber ich kann Dich beruhigen, nachdem man ihm das Bein eingegipst hatte, saß er schon wieder fröhlich auf dem Balkon des Krankenhauses und brachte den Ordensschwestern die Kunst des Inhalierens ohne Husten bei.“
„Wenn der so weiter macht sieht er bald aus wie Runzelrosi“, bemerkt Stefan um weiter die Frage an Karin zu richten, warum Männer keine Zellulite bekommen. Nachdem er ihr Achselzucken mit einem „weil’s einfach scheiße aussieht“ beantwortet, hören wir ihn nur schmerzhaft aufschreien und sehen wie er fluchtartig zum Wasser humpelt um sein lädiertes Schienbein zu kühlen. Noch während des Versuches mir das Lachen zu verkneifen, bekomme ich von Sophie rein prophylaktisch mein frisches Weizen über den Kopf geschüttet, um zusammen mit Christian und Mike unser Heil in der Flucht ins Wasser zu suchen.
„Ihr könnt wieder rauskommen.“, ruft Nadine nachdem ihr Karin eingebläut hat, dass auch sie das nächstemal in einer vergleichbaren Situation, die Ehre der Frauen verteidigen muss. Christian der sein sorgenfreies Zusammensein mit ihr ein wenig schrumpfen sieht, erhebt gerade nachdem wir uns abgetrocknet und wieder hingesetzt haben sein Bier um auf Beats Visionen anzustoßen, als ein heftiges Ruckeln uns von den Stühlen fallen lässt. Glücklicherweise landen wir im weichen Sand, doch jeder Versuch sich wieder auf die Beine zu stellen scheitert kläglich. Wie bei einem Flugzeug in einer Turbolenz werden wir am Boden liegend durchgeschüttelt bis nach einigen Minuten der ganze Spuk vorbei ist und wir sehen, wie die Kellner unser Tische und den Boden rundrum abwischen und neue Getränke bereitstellen.
„Ja zum Kuckuck, was war denn das?“, Sophie schüttelt sich den Sand aus der Kleidung.
„Ich habe keine Ahnung.“, Schluckspecht, der mit Jessie direkt an der Bar stehend nicht so glimpflich wegkam, wischt sich das Blut von seinen aufgeschürften Knien. Jessie, die direkt mit der Nase auf den Tresen knallte, hält den Kopf in den Nacken und versucht mit ein paar Eiswürfeln die Blutung zu stillen. Ich blicke mich um. Trinkernase wird wohl ein paar blaue Flecken an den Ellbogen davontragen, Schlendria reibt eine leicht aufkommende Beule an der Stirn und Schluckadia wird für absehbare Zeit nur mehr ein Dreiglashalter sein, da sie sich einen Daumen verstaucht hat. Die Sanitätsroboter stürmen herbei und versorgen unsere Wehwehchen.
„Wir werden es überleben.“, muntert uns Trinkernase auf. Nach der ersten Bestandsaufnahme hat keiner nach einem kurzen Quick-Check des Schiffes durch Dumpfhirn ernsthaftere Verletzungen davongetragen. Die meisten befanden sich eh mit uns am Strand. Nur ein paar blaue Flecke, etliche Prellungen und Abschürfungen sind das Resultat. „Das hatten wir noch nie.“, Trinkernase steht vor einem Rätsel.
„Vielleicht sollten wir versuchen das Phänomen bei einem Schlückchen Bier zu ergründen.“, meint Stefan.
„Du denkst auch immer nur ans Saufen“, Heidi hat noch keine direktes Lebenszeichen von Beat erhalten und macht sich ein wenig Sorgen. „Aber nein, ich will ja nur versuchen, unser Hirn auf das Niveau von Beat runterzubringen, wer weiß vielleicht können wir dann geistigen Kontakt zu ihm aufnehmen.“
Um ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen erklärt uns Dumpfhirn: „Macht euch keine Sorgen, wenn irgendetwas Schlimmeres passiert wäre, hätten unsere Sensoren dies schon längst bemerkt, soweit ich weiß dämmert Beat irgendwo in der Kommandozentrale vor sich hin und ist gänzlich unverletzt.“
„Da sieht man es wieder; Besoffenen, Bekifften und kleinen Kindern passiert nie etwas, die haben einfach Glück.“, und um unser aller Glück ein wenig anzukurbeln bestellt Stefan eine Runde Grappa für die ganze Mannschaft. Als Mike gerade dem Glück mit einer Lage Vierglashalterwodka weiter auf die Sprünge helfen will, erscheint der Flottenadmiral mit Beat im Schlepptau in unserer trauten Runde. Er spricht ein paar Minuten mit Trinkernase, der kurz darauf einigen Kellnern deutet Champagner für alle bereitzustellen, Beat herzlich umarmt um danach dessen Arme in Siegerpose nach oben zu reißen.
„Hast du am Ende doch einen unbekannten Grasplaneten entdeckt?“, Vera, die Dank dieser kleinen Schüttelunterbrechung immer noch in Mikes Armen liegt, spricht aus was die Meisten denken. Beat, der immer noch ein wenig konfus dreinblickt weiß nur soviel: „Entdeckt habe ich was, aber was nun genau, das muss mir schon noch mal erklärt werden.“
„Auf Beat, den Entdecker“, erhebt Trinkernase sein Glas und als wir unsere Gläser auf den neuen Stern am Forscherhimmel geleert haben, erhalten wir durch Trinkernase die nächste Lektion in Sachen Wurmlöchern:
„Zuerst dachte ich schon, dass wir schön langsam auf die Roboter abfärben und dass sie jetzt schon besoffener als wir die Flotte lenken. Doch ich tat dem alten Admiral unrecht. Bisher war es immer nur eine Theorie. Unsere Astrophysiker haben sich darüber immer die Köpfe zerbrochen und die blechernen Münder fusselig geredet. Doch ein Beweis konnte nie geliefert werden. Wie Ihr wisst, wird von diesem Schiff aus die ganze Flotte zentral gesteuert. In der Kommandozentrale laufen sämtlich Daten und Reiserouten zusammen. Unser Admiral ist ein hervorragender Astronaut und Kartenleser. Er bringt uns immer sicher an unser gewünschtes Ziel. Wir wurden bisher noch nie von ihm enttäuscht.“ Trinkernase klopft ihm wohlwollend auf die Schulter. Wahrscheinlich hat er über die ganze Begeisterung vergessen, dass es sich auch bei einem noch so guten Admiral um einen emotionslosen Roboter handelt, denn dieser geht nur kurz in Habachtstellung um sich wieder seinen Aufgaben auf der Kommandobrücke zu widmen. „Na ja. doch ein Blechkasten“, fährt er fort. „Es gab eben diese Theorie, dass sich innerhalb eines Wurmloches eine weitere Dimension verbirgt. Unsere Wissenschaftler nennen es eine „Verkürzende Wurmlochumgehungsstraße“. Diese ermöglicht es die sowieso schon kurze Zeit von einem Ende des Universums zum Anderen, weiter zu verringern. Wenn wir diesen Weg einschreiten, benötigen wir nur noch ungefähr vier Tage bis wir das All durchflogen haben. Die Einzigen Entfernungen die somit von der Zeit noch ein wenig aufwendiger zu durchreisen wären sind die Abstände von Wurmloch zu Wurmloch. Aber auch die sind ja, wie Ihr auch schon mitbekommen habt, ohne große Anstrengung zu bewerkstelligen. Das Ruckeln war eine zu rasch ausgeführte Kursänderung. Es wurde vergessen die Segmente in die richtige Ausgangsstellung zu bringen. Nachdem wir aber nun wissen, welche Merkmale eine Wurmlochumgehungsstraße hat, können wir diese in jedem Wurmloch ausfindig machen und sparen bei jeder Reise Zeit. Entfernungen wie wir sie noch vor wenigen Jahren kannten, sind nicht mehr existent.“
„Und was hat nun Beat damit zu tun?“, Heidi, die zwar froh darüber ist, dass sie Beat wieder unversehrt in die Arme schließen konnte, möchte nun doch wissen, warum sie sich vielleicht bald von ihm ein „komm an meine Heldenbrust“ anhören muss. „Tja, nachdem er auf dem ganzen Schiff keinen Dope-Planeten entdecken konnte, landete er nach ein paar Zwischenstopps in diversen Kneipen und noch einigen Zügen aus seinem Pfeifchen schließlich in der Kommandozentrale und spielte während der Kommandoübergabe an den ersten Offizier unbemerkt mit ein paar Knöpfen und Schaltern rum. Ehe der Admiral bemerkte, was gespielt wurde, befanden wir uns schon in der Umgehungsstraße. Er hat rein zufällig durch sein unbefugtes rumfingern den Kurs des Schiffes geändert, was ihn zwar als Entdecker ehrt ihm aber auch ein künftiges Betretverbot der Kommandobrücke einbringt.“ Sichtlich erleichtert über diese Ausführungen und der Gewissheit, dass Beat nicht zu weit abheben wird, umarmt sie ihn, um zusammen ein paar Züge aus der Karrenpfeife zu nehmen.
„Und wann sind wir dann am Griesgramglobus?“, möchte Vera, immer noch Mikes Hand haltend, wissen.
„Morgen erreichen wir seine Umlaufbahn.“, bumms, die Antwort von Trinkernase hat gesessen.
„Was, Morgen schon? Dann kann es ja sein, dass wenn wir Pech haben, heute unserer letzter Abend des Daseins vor uns steht. Welche Verschwendung. Ich krieg fast ein schlechtes Gewissen, wenn daran denke, das unsere ganzen Weizenvorräte von niemanden mehr genossen werden können.“ Um das gute Zeug nicht sinnlos im All schweben zu lassen schlägt Stefan außerdem vor, dass wir heute noch mal eine richtig Sause feiern sollten, damit wenigstens ein bisschen von den Bierbeständen noch eine Chance hat in unseren Mägen zu landen. Trinkernase ist ganz seiner Ansicht und mit dem Kompromiss, dass wir den Nachmittag auf unserem Zimmer verbringen werden, kann ich auch Sophie davon überzeugen, dass ein wenig Feiern allemal besser ist als die ganze Nacht schlaflos auf eine eventuelle Auflösung durch den Griesgramnebel zu warten. Mit einem ähnlichen Kompromiss kann auch Mike Vera überzeugen, der an diesem Nachmittag das Ende seiner Durststrecke erlangt. Stefan und Karin haben sich anerboten, die besten Biere, Weine und Spirituosen zusammen mit einigen Vierglashaltern für uns auszuwählen und vorzukosten. Ich sehe ihn vergnügt in die Hände spucken und sich an die Arbeit machen, als Christian mit Nadine auf mich zukommt, jedoch kurz bevor sie mich erreichen Richtung Dschungel abbiegen und ich Nadine zu Stefan rufen höre: „Wir sind gleich wieder da und helfen euch dann Vorkosten, lasst noch was übrig.“ Mit einer hilflosen „Was-soll-ich-Denn-machen-Gestik“ trottet Christian ihr ungefähr zum dritten Mal an diesem Tag nach, um seine Entwicklungshilfe vertiefen zu müssen.
„Eigentlich müsste er froh sein, dass wir Morgen schon den Griesgramglobus erreichen, wenn das mit ihm und der immer wissbegierigen Nadine so weiter geht, kommt er bald auf dem Krückstock daher. Er ist ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste.“, Sophie grinst und scheint sich wohl doch nicht so richtig Sorgen um ihn zu machen. Diese wären auch ziemlich überflüssig, so wie ich Christian einschätze, ernährt er sich mit Sicherheit schon seit Tagen heimlich von Sellerie, Ginseng, Vitamin C Pulver und Alraunenwurzeln. Von seinem übermäßigem Genuß an Austern, Kaviar und Krimsekt ganz zu schweigen. Heidi und Beat machen sich noch ein wenig Sorgen wegen Morgen: „Hoffentlich kommen wir heil aus der Sache raus. Wenn ich an die noch unzähligen ungetauften Sandkörner denke, kriege ich direkt ein schlechtes Gewissen in Nebel aufgelöst zu werden.“, erklärt uns Beat uneigennützig. „Und vor allem wenn man bedenkt, dass sie ohne unseren Segen nie in den Sandkornhimmel kommen werden um die ewige Brandung zu erlangen, möchte ich heulen.“, fügt Heidi hinzu. Nach einigen weiteren Zügen aus der Karrenpfeife sind sie mittlerweile schon bei Sandkorn 3458 angelangt.
„Das ist er.“, Dumpfhirn zeigt aus der großen Panoramascheibe unserer Aussichtslounge. Friedlich erstreckt sich der Griesgramglobus mit einem leicht, gelblichen Schimmern vor unseren Augen.
„Wenn man das so sieht, käme man nie auf den Gedanken, dass von hier die Entvölkerung des Weltalls ausging.“ , Jessie und Schluckspecht drücken sich gerade engumschlungen am Sichtfenster die Nasen platt.
„Wir schicken mal an einer unauffälligen Stelle ein Sonde runter, die uns einige Daten senden soll.“ Trinkernase der auch gebannt aus dem Fenster stiert, drückt, ganz entgegen seiner Gewohnheiten, höchstpersönlich den Auslöseknopf um die Sonde abzuschießen. Um den höchstmöglichen Sicherheitsstandard zu erreichen, sind die Kellner angewiesen, immer dafür zu sorgen, dass jeder ein volles Glas Wodka und etliche Brausebeutel vor sich stehen hat und um absolut keine Gefahr aufkommen zu lassen, trägt jeder einen kleinen Tank mit schon fertig gemischtem Wodka Brause auf dem Rücken, um im Notfall schnell an den dazugehörigen Schläuchen ziehen zu können. Da wir sowieso von gestern noch einen im Tee haben spielt es keine Rolle, wenn heute gleich mit Schnaps weitergemacht wird. Außerdem, für sein Überleben darf man schon mal einen Dreitageskater auf sich nehmen wie Dumpfhirn absolut richtig feststellte. „Die Ergebnisse der Sonde sind da.“, gespannt lauschen wir dem, was uns Trinkernase zu berichten hat. „Der Planet bezieht seine Energie von innen heraus und wird auch von dort mit Licht versorgt. Das erklärt auch, warum wir keine dazugehörige Sonne gesehen haben. Damit die Energie und das Licht nicht frontal auf die Bewohner einwirkt, errichteten sie ihre gesamten Bauten auf Stützen rund um den Planeten, wenn ihr so wollt ein ganzer Planet wie Venedig. Nur ragen diese Stützen etliche Kilometer in den Himmel. Um die Licht und Energiestrahlen richtig nutzen zu können, sind überall Spiegel installiert, die Pflanzen, Tiere und Griesgramis mit Licht von oben versorgen. Wenn wir es also schaffen sollten, die Oberfläche zu erreichen, müssen wir uns wenigstens nicht auf den Kopf stellen, damit wir von oben Licht bekommen. Das ganze Leben spielt sich auf diesen Stützen ab, fast die gesamte Planetenoberfläche ist damit bebaut. Die einzigen Lücken zwischen den Plattformen dienen dazu, genügend Energie auf die Spiegel auftreffen zu lassen, die diese dann über die gesamte Konstruktion verteilen. Auf dem Griesgramglobus gibt es von Natur aus keinen Tag und Nacht Rhythmus, da aber auch die Griesis ab und zu mal schlafen müssen, ist dies mit den Spiegeln bestens geregelt. Es wird einfach das Licht ausgeknipst. Der Planet hat eine gut funktionierende Infrastruktur und abgesehen, dass sie nicht wissen zu feiern und selber für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, sind sie alle Bestens versorgt. Hier gleich noch ein Foto eines Griesis.“
„Die sehen gar nicht so schlimm aus, ich dachte wenn jemand bereit ist alles intelligente Leben im Weltall auszulöschen müsste er zumindest wie ein Zombie oder ein Dämon aus mittelalterlichen Bildern des Fegefeuers aussehen. Aber der hier wirkt ja fast sympathisch.“, erstaunt gibt Karin das Bild weiter.
„Täusch Dich nicht, der Teufel hat viele Gesichter.“, au, au, die Klosterschülerin kommt wieder bei Sophie durch.
„Und wann fangen wir nun an?“, wendet sich Stefan an Trinkernase.
„Genau, bringen wir es hinter uns, damit wir endlich wieder etwas zu feiern haben.“, bestärkt ihn Karin.
„Könnte aber auch durchaus sein, dass unsere letzte je erlebte Party schon einige Stunden hinter uns liegt.“, Vera ist nicht ganz wohl bei der Sache. „Ach wo, wir sind doch noch mittendrin, und außerdem Prost ihr da draußen.“, hören wir Christian aus dem Separee rufen, in welches ihn Nadine schon vor längerer Zeit entführte.
„Der Zerstäuber geht gerade in Position. Er wird den Planeten von allen Seiten ins Visier nehmen und wenn alles planmäßig läuft, ist der Griesgramglobus in ein bis zwei Stunden völlig benebelt und wir können einen Erkundungstrupp runterschicken.“, Trinkernase zieht an seinem Schlauch um zu testen, ob er auch wirklich funktioniert.
„Die da unten müssen sicher wirklich sehr sicher fühlen, denn es ist noch nicht einmal auch nur ein Lebenszeichen, geschweige denn eine Mobilmachung zu entdecken gewesen.“, Beat hat damals nicht richtig aufgepasst. „Ist doch logisch, die nehmen doch an, dass sie die Einzigen sind, die im All noch herrschen. Sie meinen doch alle Gegendenker in Luft aufgelöst zu haben.“, Stefan gibt ihm nochmals einen kleinen Denkanstoß.
Gebannt verfolgen wir von unserem Sichtfenster, wie der riesige Zerstäuber gewaltige Mengen an Wodka-Brause in den Atmosphäre des Griesgramglobus pumpt. Wie beim Stärken von Hemden kreisen kleinere Pumpen immer wieder in einer anderen Bahn über den Planeten. Wolken von etlichen 10.000 Kilometer Durchmesser werden zusätzlich direkt über der Oberfläche bzw. den Wohnterrassen drei bis vier mal wiederholend auf die Griesis und ihren gesamten Lebensraum abgespritzt.
„Hoffentlich müssen wir die Pumpen nicht nachladen“, Trinkernase möchte nach wie vor nichts von unseren Vorräten hergeben. „Kann ich mir nicht vorstellen, wenn ich die Mengen betrachte, die wir da unten entladen, müsste das ausreichen, alle Einwohner die nächsten paar Tage nicht mal annähernd auch nur unter 1,0 Promille herankommen zu lassen.“, zufrieden nippt Dumpfhirn an seinem Glas. „Aber sicherheitshalber schlage ich vor, die Nebel erst noch ein paar Stunden wirken zu lassen, bevor wir einen Stoßtrupp nach unten schicken, außerdem ist eh gerade Mittagszeit. Ein paar Häppchen zu Stärkung mit einem anschließenden Verdauer als Magenbalsam könnte bestimmt nicht schaden bevor wir auf große Expedition gehen.“
Einstimmig wird sein Vorschlag angenommen um ihn mit einem kleinen Nickerchen nach dem Essen zu erweitern.
Keiner ließ es sich nehmen, beim Erkundungsflug mit dabei zu sein. Alle Vierglashalter, wir Menschen und auch Nadine setzen inmitten des Regierungsviertels direkt vor der Hauptmachtzentrale des Griesgramglobus auf. Wir machen uns erst gar nicht die Mühe uns anzupirschen. Der Überraschungseffekt sollte in jedem Falle voll ausgenutzt werden und falls überhaupt noch jemand gerade aus laufen kann, soll er schon bei unserem Anblick aus den Latschen kippen oder zumindest nach einem weiteren Wodka-Brause fragen. Die Hauptstadt ist menschenleer, selbst direkt vor dem Präsidentenpalast sind nicht mal Sicherheitskräfte zu erkennen. Die Türen zu dem mit Säulen umringten Gebäude stehen sperrangelweit offen. Ein kleiner Windhauch weht Blätter über die Aufgangstreppen. Die Wodka-Brause Schläuche im Mund betreten wir die Eingangshalle. Auch hier weit und breit niemand zu sehen. Ganz so sorglos wie wir uns auf dem Schiff noch gaben sind wir mittlererweile nicht mehr. Die Münder sind immer mit etwas Wodka-Brause benetzt, so dass wir gerade noch das Nötigste reden. Auch kommt keiner auf die Idee, kleinere Gruppen zu bilden, um die Suche nach Irgendetwas zu beschleunigen. Nur Trinkernase geht immer konsequent nach rechts und links blickende voraus. Das Ganze gleicht einem, ein wenig verschüchtertem Hühnerhaufen, der keinen Schritt von der Leithenne weicht. Endlose Gänge, große Sitzungssäle und Überwachungsräume wechseln sich in stetiger Reihenfolge ab. Nach ca. zwei Stunden ungewissem Umherirren erreichen wir eine weit aufgeschwungene Tür. Unser Leitwolf Trinkernase nimmt einen tiefen Schluck und linst mit seinem kleinen Handperiskop um die Ecke. Als er uns heranwinkt, deutet er wir mögen auch einen schnellen Zug aus den Tanks nehmen. Nachdem auch ich dran bin mit seiner kleinen Spionierhilfe um die Ecke zu schielen, sehe ich einen überdimensionierten Kabinettstisch. So wie es scheint tagt hier immer die Regierung des Griesgramglobus. Normalerweise bietet der Tisch gut und gerne Platz für 50 Personen, doch das einzige was wir zu sehen bekommen, sind fünf älteren Herren und eine Dame die zerknirscht über etwas diskutieren. Ihrer Stimmlage ist anzumerken, dass sie alles andere als eine Lösung des bestehenden Problems in Sicht haben. Ihr Sprache ist mir komplett fremd. Sie sehen eher verzweifelt als herrschend und überlegen aus. Bei einigen hängen die langen Haare völlig zerzaust an ihren Köpfen herunter, die Kleidung scheint seit Wochen nicht gewaschen und ihre Augen haben allesamt einen sehr, sehr traurigen Ausdruck. Die Tatsache, dass sie wirklich nicht sie aussehen, in den nächsten Sekunden einen weiteren vernichtenden Schlag ausführen zu wollen, ermutigt Dumpfhirn, Trinkernase, Jessie und Schluckspecht darin, die großen Wasserpistolen, die wir eigentlich nur zum Zeitvertreib für Weinweitzielschießen in geöffnete Münder von der Erde mitgenommen haben, im Ernstfall einzusetzen. Mit einem gewaltigen Zug aus den Schläuchen stürmen sie den Kabinettstisch und mit einem „Für die Freiheit, zu feiern“ feuern sie aus allen Rohren, bis die großen Tanks restlos trocken sind.
Klatschnass versuchen die sechs anwesenden Griesis zu realisieren, was überhaupt vor sich geht. Sie blicken kurze Zeit völlig erstaunt auf die vier Angreifer bis einer wieder die Sprache findet und sie fast heulend vor Freude begrüßt: „Endlich, endlich habt ihr uns gefunden.“
„Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt, ich versteh auf einmal Griesisch.“, ruft Stefan und stürmt eifrig trinkend in den Saal. Wir anderen folgen seinem Beispiel und als wir kurz vor den Griesgramis stehen, fallen sie alle auf den Boden, bitten uns um Verzeihung und sehen uns flehend an. Trinkernase winkt ein paar Robotern die hinter uns mit einer mobilen Bar hergedüst sind und drückt jedem der Knieenden ein Glas Wodka und ein Päckchen Brausepulver in die Hand, lässt sich auch eines geben und zeigt ihnen, wie man das zu trinken hat.
Ohne Widerwillen folgen sie seinen Anweisungen, verziehen den Mund und spülen schnell mit Vierglashalterwodka nach. „So, dieser Test wäre zumindest bestanden“, lässt sie Trinkernase wissen und heißt sie aufzustehen. Stefan, der lieber noch ein bisschen mehr Gewissheit hätte, reicht jedem von ihnen noch ein Weizen und erst als dieses geleert ist, entspannen wir uns alle ein bisschen.
„Woher kennt ihr unsere Sprache?“, will Sophie wissen.
„Wir haben auf euch gewartet. So lange Zeit gewartet.“, erfahren wir von der Frau, die auch die Regierungschefin zu sein scheint. „Wieso gewartet? Und seid dhr überhaupt die, die wir meinen hier anzutreffen?“, Sophie bohrt weiter nach. „Wir sind die.., welche ihr erwartet habt anzutreffen, wir sind aber nicht jene Griesgramis, die ihr von der Vergangenheit kennt. Das alles ist eine sehr lange Geschichte; erlaubt es uns, euch zu zeigen.“
„Wie zeigen? Eine kleine Voraberklärung wäre mir schon ganz recht.“, Trinkernase ist Anbetracht der absurden Situation schon beim dritten Dosenbier angelangt.
„Es war einfach ein Dummes versehen.“, versucht die Chefin zu erklären.
„Ein Versehen? Erzähl mir was vom Pferd. Pah ein Versehen“, Trinkernase winkt der speziellen Schnapsbar und trinkt den dringend benötigten Cognac gleich aus der Flasche.
Einer der Herren frägt vorsichtig, ob wir einen Blick auf die Überwachungsmonitore des Planeten werfen wollen. Nachdem wir Dies bejahten, öffnet er eine lange Schiebetüre hinter welcher hunderte von Monitoren, Bilder von allen Winkeln des Planeten ausstrahlen. Immer das gleich Bild. Verschiedene Räume oder Hallen, Flugplätze oder Arenen, in denen sich so alles zusammengezählt Millionen von Griesis aufhalten und auf irgendetwas warten. „Seht Ihr unser Leid?“, die Chefin hat wieder das Wort ergriffen. „So geht das seit Jahrtausenden jeden Tag, immer nur Griesgram. Bei unserem ersten Besuch auf der Erde, trafen wir damals Menschen und Vierglashalter. Es ist richtig, zum damaligen Zeitpunkt wollten wir über alles herrschen und alle Völker des Universums ausbeuten, doch einige unsere Ahnen müssen wohl bei einem römischen Gelage, bei einer zünftigen Wikingerfete oder bei einer Dionysos-Feier dabei gewesen sein. Es könnte auch sein, dass sie mit einigen Ururgroßvätern der Vierglashalter getrunken haben. Doch diese Ahnen berichteten zuhause, was sie alles gesehen haben und verkündeten dem Volk, dass es auch noch etwas anderes außer Macht, Gier und Unterdrückung gibt, das Lachen, das Tanzen und natürlich das Trinken und Feiern. Mit der Zeit bildete sich eine Widerstandsbewegung die mit dem Laufe der Jahre einen Putsch vorbereitete, um zum richtigen Zeitpunkt alle Unterdrücker zu überwältigen und auf einem kleinen Planeten aussetzte. Seit diesem Zeitpunkt gibt es hier zwar keine Ausbeutung, Diktatur oder Knechtschaft mehr, doch das Feiern und Lachen haben wir immer noch nicht gelernt.“
„Alles gut und recht, aber warum habt ihr dann alle, die gefeiert und getrunken haben, ausgelöscht?“ Trinkernase ist immer noch nicht recht überzeugt.
„Bitte glaubt uns, es war ein unglückliches Versehen, wirklich keine Absicht. Seit Jahrhunderten versuchen wir mit allen nur erdenklichen Mitteln Alkohol zu brennen, immer ohne Erfolg. Wir durchstöberten alte Schriften und Dokumente, bauten alle erdenklichen Maschinen und Vorrichtungen. Kurz vor der Nebel durchs All zog, waren wir der Lösung schon verdammt nah. Es fehlte nur noch eine Essenz. Wir bauten auf einem Mond unweit von hier eine riesige Maschine, damit wir auch gleich die gesamte Bevölkerung damit versorgen können. Alles war startklar. Wir schickten Späher durch alle uns bekannten Sonnensysteme und irgendwann kam einer mit einem kleinen Säckchen zurück, das er sich von irgendeinem Händler aufschwatzen ließ. In unserer Verzweiflung mixten wir alle Zutaten zusammen und erhitzten die Flüssigkeit. Es gab eine riesige Explosion, der komplette Mond war verschwunden. Wir konnten nur noch beobachten, wie der Nebel innerhalb von Sekundenbruchteilen unseren Planeten überzog und sich immer schneller werdend über alles im Weltall ausbreitete. Uns ist nichts passiert, doch unsere Außenposten berichteten von dem tragischen Schicksal, das den Rest des Universums ereilt hat. Was ihr auf den Monitoren seht ist noch ein Spitzenwert an Stimmung, denn heute ist Samstag. Euch würden die Tränen kommen, wenn Ihr den Zustand von während der Woche mitbekommt.“
„Ach ihr Ärmsten, dann feiert ihr also schon seit Jahrhunderten Trockenfeten?“ Dumpfhirn reicht den Sechsen einen Maßkrug. „Ihr habt ja schon im vorab über Jahrhunderte gebüßt, außerdem wer soviel Risiko eingeht nur um eine gute Party mit Alkohol und allem Drum und Dran zu Feiern, dem kann man ja auf Dauer gar nicht böse sein. Nur eines müsst Ihr mir noch erklären. Wir haben den ganzen Griesgramglobus mit Unmengen an Wodka-Brause besprüht. Warum liegt ihr nicht alle lallend irgendwo in den Büschen?“
„Zuviel Druck und Geschwindigkeit. Ihr hattet solche geballte Ladungen auf uns abgefeuert, dass sie einfach an uns vorbei auf die direkte Planetenoberfläche gezischt sind. Wir hatten gar keine Zeit es irgendwie einzuatmen, geschweige denn zu trinken. Alles was ihr auf uns abschossen habt ist direkt im Energiefeld auf der Planetenoberfläche verpufft.“
„Ich wusste schon, warum wir die Reserven nicht angreifen dürfen.“, zufrieden mit sich selbst und der Welt saugt Trinkernase den letzten Rest aus seinem Rückentank, um mit dem Öffnen eines neuen Brausepäckchens, die nächste Runde einzuläuten. Nur Sophie, die immer noch über dem Sprachproblem grübelt, ist noch nicht ganz zufrieden. Einer kleiner rundlicher Mann der Sechserregierung gibt bereitwillig Auskunft: „ Wie wir schon sagten, vor ein paar tausend Jahren waren wir bereits bei euch und haben auch die Vierglashalter getroffen. Diejenigen die damals so fasziniert von euch waren, haben die zu diesem Zeitpunkt gesprochenen Sprachen in allen erdenklichen Formen ihrer weiteren Entwicklung durch die Computer gejagt und berechnet. Wir haben alle möglichen Sprachen und Dialekte gelernt und als ihr die ersten Worte von euch gabt, wussten wir genau, wie wir mit euch reden müssen, damit ihr uns versteht.“ Nochmals wird mir klar wie doof wir Menschen doch sind oder waren. Doch jetzt ist auch Sophie mit der Antwort glücklich und bringt mir sogar ein Weizen von der Düsenbar mit. „Ist ja prima, dann können wir endlich Feiern gehen.“, gibt Karin ihrer Hoffnung nochmals Ausdruck. „Noch nicht ganz“, bafft Schluckadia dazwischen. „Was denn noch?“, Karin hat Bock auf Party.
„Wenn Ihr Griesgramis wirklich so unschuldig seid, warum machte es dann im ganzen Universum die Runde, dass ihr absichtlich alles fröhliche Leben in Nebel aufgelöst habt? Eben dies waren auch unsere Informationen.“
Die Chefin ergreift wieder das Wort: „Isolation und Gerüchte. Es gab noch nie Jemand der uns wirklich leiden konnte. Jeder Planet hatte, soweit es möglich war, immer den Kontakt mit uns vermieden. Ich gebe zu, dass wir bzw. unsere Vorfahren daran nicht ganz unschuldig sind. Genau genommen hätten wir es mit unserer jetzigen Konstellation von Einwohnern und Regierung ebenso gemacht und unsere Vorfahren gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Oftmals versuchten wir mit benachbarten Galaxien einen Dialog aufzubauen, doch wir wurden schon an den äußeren Grenzen immer abgewiesen wenn nicht gar beschossen. Jede Möglichkeit sich friedlich einem Planeten zu nähern verlief somit immer erfolglos im Sande. Wir waren auf uns allein gestellt. Niemand wollte etwas mit uns zu tun haben. Jeder hatte Angst vor uns. Als die Katastrophe dann ausbrach war es allen sofort klar. Die Jungs vom Griesgramglobus haben die Vernichtung zu verantworten. Leider kann ich dem nicht widersprechen. Doch es war wirklich ein blöder Zufall falscher Zutaten. Nun, dass wir schuld sind lässt sich nicht leugnen, doch über die Beweggründe wurde wirklich nur wild spekuliert. Von einem anfänglichen Angriff bis zu der vorsätzlichen Vernichtung wurde uns alles zugeschrieben. Wir hatten nie die Chance alles zu erklären. Es soll jetzt wirklich keine Entschuldigung sein, doch wenn man unser Flehen nach Integration im glücklichen All erhört hätte, wäre es sicher nie soweit gekommen. Glaubt mir. Wir haben uns geändert.“ Jetzt ist auch Schluckadia zufrieden und tänzelt mit einem Glas in der Hand versöhnlich auf Karin zu.
„Was meint ihr, können wir das glauben?“ frägt Trinkernase in die Runde. Mitleidige, bedauernde Blicke richten sich auf die Monitore und die Regierung. „Wer freiwillig Wodka-Brause trinkt kann überhaupt nicht verkehrt sein, lasst uns endlich den Planeten mit einer Versöhnungsfeier übersähen.“, Stefan streckt sein Glas zu einem „Hoch die Tassen“ über den Kopf. Keiner lässt sich lange bitten und mit der Anordnung von Trinkernase an den Admiral das Partyequipment auf dem gesamten Griesgramglobus landen zu lassen, beginnen wir im Regierungspalast schon mal mit einer kleinen Vorfete.
Die Partyarmada leistet ganze Arbeit. Da wir immer noch nicht genügend DJs und Animateure haben, werden alle Locations vernetzt und mit riesigen Leinwänden versehen. Die Party wird vom Regierungspalast zentral gesteuert. Der DJ und die Tänzerinnen, werden während ihrer Show, bei welcher Nadine unbedingt noch ihre Dehnbarkeit an der Stange vorführen will, von einem Kamerateam auf Schritt und Tritt verfolgt und noch ehe wir uns richtig warmgetrunken haben, sehen wir an den Monitoren den ganzen Planeten sich in die bereitgestellten Bierseen stürzen. „Jetzt aber los, die stehlen uns ja die ganze Show“, Dumpfhirn lässt ein weiteres Kamerateam vor uns trinkenden Seelen auffahren, damit auch wirklich alle eine Chance haben, zu erfahren, welches Getränk wie getrunken wird. Innerhalb kürzester Zeit tanzt und feiert der ganze Griesgramglobus Versöhnung mit uns und dem Rest des Universums, nachdem wir ihnen versprochen haben, ihre traurige Geschichte so schnell als möglich ins All hinauszutragen.
Die übermittelten Signale von einem Vierglashalterraumschiff, dass die Griesgramis nur friedlich mit allen Feiern wollen, ließen an Glaubwürdigkeit keine Fragen offen. Dank Wurmlochbeat, erreichten diese unendlich schnellen Funksprüche schon nach kurzer Zeit alle Überlebenden der Katastrophe. Jeder Planet schickte einen Willkommensgruß zurück zum Griesgramglobus und noch während der ersten Tage unseres Wochenendes erfuhren wir, dass es die immer noch fleißigen Arbeiter schon teilweise geschafft haben Alkohol zu verteilen und dass das gesamte Universum auf eine tanzende, feiernde, flirtende, liebende, singende und natürlich feuchtfröhliche Zukunft mit uns anstoßen will.
„Man kann sagen was man will, die Erde ist schon doch ein schöner Planet, wenn sich nicht zu viele Leute auf den Füßen herumtrampeln“, Stefan unser Grillmeister bestreicht gerade das Spanferkel, welches sich schon ein Weilchen munter um die eigene Achse dreht mit frischem dunklen Bier, damit allein die Kruste zu einem wirklichen Gaumenschmaus wird. Mein Haus wurde wie alle Häuser, in denen wir jetzt wohnen gewaltig auf Vordermann gebracht. Die Vierglashalter haben uns wirklich nicht zuviel versprochen. Allein das Personalhaus hat schon an die 10000 qm und damit wirklich alle Roboter, allein für dieses Anwesen, wirklich Platz haben wurde zusätzlich noch ein Depot für die gerade nicht benötigten Maschinen 20 Stockwerke nach unten in die Erde gebuttelt. Zur Zeit haben Sophie und ich Anwesen in Südspanien, auf den Bahamas, in den Hochregionen der französischen Alpen, in der Nähe von Sydney und natürlich hier zuhause. Jedes dieser Häuser ist in eine kleine Stadt integriert, in welcher von Ärzten, über Getränkeläden, Reparaturwerkstätten und Boutiquen wirklich alles zu finden ist. Selbstverständlich steht auch immer ein Taxi zur Verfügung damit wir Freunde überall auf dem Globus möglichst schnell erreichen, denn einige Bewohner von irgendwo außerhalb haben sich auch schon hier auf der Erde niedergelassen. Wenn wir mal den Wunsch verspüren, dass es doch was Feines wäre an einem weiteren Ort ein kleines Domizil zu haben, zischt sofort ein Bautrupp los, damit wir spätestens zwei Tage später dort einziehen können. Der zentrale Weltraumbahnhof befindet sich inmitten der ehemaligen Sahara, die inzwischen das Anbaugebiet für allerlei Rohstoffe darstellt. Übers Wochenende hat sich ein allerlei Besuch angekündigt. Trinkernase, Dumpfhirn, Schluckadia, Namensschilder werden nicht mehr benötigt, und fast alle Einwohner von Vierglashalter sind da, etliche Jungs und Mädels vom Griesgramglobus und eine paar mittlerweile sehr gut befreundete Familien vom ehemaligen Arbeiterplaneten. Dazu kommen noch etliche Spanferkelfans von Planeten, deren Namen ich mir bis heute nicht merken konnte. Letzte Woche waren wir wieder mal auf Besuch auf dem Grasplaneten, wie ihn Beat nennt und wo er mit Heidi seiner Lieblingsbeschäftigung, dem züchten von neuen Pflanzen in seinem Kräutergarten nachgeht. Nächste Woche geht es dann nach „Aspen II, waren wir zwar noch nie, doch Rotweinia, die letzte Woche dort war, meinte es sei ein überragendes Skigebiet und übernächste Woche ist Vierglashalter wieder mal dran. Heute sind auch mal wieder Jan, David und Ernst mit Francesca, Ileana und Patrizia anwesend, die sich normalerweise dem Herstellen von Feta auf den griechischen Inseln widmen. Stefan und Karin wohnen gleich um die Ecke, da Karin und Sophie so was wie Busenfreundinnen sind und Stefan in der nicht weit entfernten Brauerei immer noch die Kessel auf der Suche nach dem perfekten Weizen anheizt. Vera und Mike sind meist irgendwo im All auf Kulturtrip und an jedem Wochenende berichten sie uns, wo es noch interessant wäre hinzureisen. Jessie die gerade zum zweiten Mal hochschwanger ist, muss leider bis zur Geburt auf Alkohol verzichten. Wie sie sagte wäre es wahnsinnig unfair, dass man nie weiß nach wem das Kind wohl mehr kommen wird, denn Suffkopf ihr Sohn, kam sehr nach dem Vater und trinkt mit ihm gerade im Sandkasten ein kleines Bier. Ich stoße mit Karin an. Wir beobachten wie Sophie, die mir gerade einen Kussmund zuwirft, mit Felix, dem Sohn von Stefan und Karin und Desiree, meinem kleinen Engel, der Tochter von Sophie und mir, die Schaukelanlage unsicher macht. Christian und Giovanna, die Vierte aus der Quadriga der italienischen Schönheiten, die gerade am anderen Grill Fisch zubereiten, halten sich die meiste Zeit in Mittelamerika auf. Ich blinzle in die Nachmittagssonne, es wird ein weiterer guter Abend für das Universum werden und ob Christian noch ab und zu einen heimlichen Abstecher auf den Arbeiterplaneten unternimmt, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
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